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Litfaßsäulen haben ihre Bedeutung ans Internet verloren

200. Geburtstag Litfaßsäulen haben ihre Bedeutung ans Internet verloren

Genau 200 Jahre nach der Geburt von Ernst Litfaß 1816 ist die wohl bekannteste Erfindung des Berliner Buchdruckers komplett aus der Mode gekommen. Aber nicht von der Bildfläche verschwunden. Ihre Funktion haben längst die digitalen Möglichkeiten übernommen. Der 200. Geburtstag Ernst Litfaß’ ist Anlass genug, die Urahnen von Facebook und Co. aufzuspüren. Es gibt sie noch. Auch im Landkreis Leipzig.

Als Werbefläche in Böhlen am Rathaus, nackt am Böhlener Kulturhaus, verwittert in Geithain oder bunt in Borna (v.l.) – Litfaßsäulen gibt es noch.

Quelle: Thomas Kube

Landkreis Leipzig. Ernst Litfaß würde sich im Grabe rumdrehen. Facebook statt Schwarzes Brett. Pinterest statt Plakat. Die sozialen Netzwerke und das Internet haben einen Klassiker vollends um seine Bedeutung gebracht. Die Litfaßsäulen – quasi die analogen Neandertaler im Social-Media-Zeitalter – gibt es noch. Vereinzelt stehen sie in vielen Orten der Region und bleiben – unbeachtet.

Die Idee war einfach, aber genial. Der wendige Buchdrucker Ernst Litfaß in Berlin hatte in den 1850er Jahren einen guten Deal mit dem Polizeipräsidenten der Hauptstadt ausgehandelt: Es war fortan verboten, Aushänge, Ankündigungen und Plakate an Hauswände, Torbögen und Bäume zu heften. Das durfte man nur noch an den hundert von Litfaß errichteten Zementsäulen sowie an fünfzig mit Holz umbauten Brunnen – natürlich gegen Geld. Die Litfaßsäule war geboren, ihr Gründer wurde damit steinreich.

Ganz neu war die Idee zwar nicht, soll es doch bereits in England achteckige Säulen für Ankündigungen gegeben haben, die von Pferden durch die Stadt gezogen wurden. Beeindruckend war jedoch, wie vehement Litfaß sein neues Geschäft durchsetzte.

Der Erfinder, dessen Name heute mehr als 50 000 Säulen tragen, wurde 1816, also vor zweihundert Jahren, geboren und ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Als junger Mann unternahm er ausgedehnte Bildungsreisen ins westliche Europa und versuchte sich in der Schauspielerei. Er gründete sogar ein Theater in Berlin. Erst 1845 trat er ins Geschäft des Buchdrucks ein – und reformierte sein Gewerbe. Litfaß führte Schnellpressen und den Buntdruck nach französisch-englischem Muster ein, er druckte als erster Riesenplakate.

Bekannt war der „Säulenheilige“ damals auch als Wohltäter. Er half verwundeten Soldaten und Hinterbliebenen nach den Kriegen von 1864, 1866 und 1870/71, indem er Konzerte, Feuerwerke und Bootsfahrten organisierte und den Ertrag einem Komitee stiftete. Für sein Säulenmonopol soll er sich außerdem verpflichtet haben, als Gegenleistung dreißig öffentliche, ebenfalls säulenförmige Pissoirs aufzustellen. Das fanden viele Berliner wunderbar, schließlich stank die Stadt oft wie eine Kloake. Während einer Kur in Wiesbaden verstarb Ernst Litfaß im Dezember 1874.

Stadt ohne Kino braucht keine Litfaßsäule

Auch junge Leute werfen im digitalen Zeitalter hin und wieder einen Blick auf Litfaßsäulen mit viel Papier. „Ich nehm’ das schon wahr“, sagt Felix Frühauf. Der 17-Jährige steht neben der Säule am Bornaer Königsplatz, die rundum dicht mit Plakaten beklebt ist: Falco meets Queen, Bibi & Tina, BAB-Jubiläumstour, Heinrich Schütz Musikfest, Loreena McKennitt, Kinowerbung für den Streifen „Nebel im August“...

Felix Frühauf (17) an der Litfaßsäule am Bornaer Königsplatz

Felix Frühauf (17) an der Litfaßsäule am Bornaer Königsplatz.

Quelle: Andreas Döring

„Mich interessieren bestimmte Bands für meine Altersgruppe und auch Kinowerbung“, meint Felix. Dazu nutzt er zwar meistens die digitale Variante, um sich zu informieren, aber im Vorbeigehen schaut er auch mal auf die Plakate an der Litfaßsäule oder anderen Wänden, die doch recht zahlreich in der Stadt verteilt sind. Auch Filmwerbung aus Altenburg oder Leipzig interessiert ihn – denn dorthin fährt er oft. „Leider hat Borna kein eigenes Kino mehr, das ist wirklich schade“, bedauert der Gymnasiast. Es sei aufwendig und vor allem teuer, wegen eines Films in andere Städte zu fahren, auch die Kinokarte muss er ja noch kaufen, „in Leipzig kostet die inzwischen an die zehn Euro“.

Auch diese Zeiten sind tatsächlich vorbei: Am 15. Januar 1902 begann in Borna die Kinogeschichte. In der Börsenhalle führte das Edison-Theater „lebende Riesenfotografien“ vor. 1910 schickte sich der Altenburger Kinemathograph Arthur Hoffmann an, in Borna ein ständiges Kino zu eröffnen. Was ihm gelang – in der Bahnhofstraße 44. Wenig später – 1911 eröffnete ein Kino im Hotel zum „Blauen Hecht“, das „Centraltheater Lichtspiele Hotel Hecht“. Da gab’s schon Litfaß-Säulen, auf denen sicher auch Kinowerbung für Borna prankte.

Strickmütze für den Dinosaurier

Ich laufe oft an der Litfaßsäule vorbei, wenn ich mit meinem Hund spazieren gehe“, sagt Susann Wolf und wirft einen Blick auf die alte Säule aus DDR-Zeit. Trotz ihrer Größe, fällt sie in der Wurzener Albert-Kuntz-Straße zwischen den Häusern und parkenden Autos kaum auf. „Meistens sind dort Plakate von Veranstaltungen aufgeklebt, die mich nicht besonders interessieren“, so die Wurzenerin weiter.

In der Wurzener Albert-Kuntz-Straße befindet sich noch eine alte Litfaßsäule aus DDR-Zeit

In der Wurzener Albert-Kuntz-Straße befindet sich noch eine alte Litfaßsäule aus DDR-Zeit. Susann Wolf (30) hier mit Hündchen Fin (5) wohnt in der Nähe und schaut regelmäßig drauf.

Quelle: Thomas Kube

Ein Blick auf die Plakate zeigt: Die meisten der angekündigten Veranstaltungen sind bereits Geschichte. Ebenso in der Vergangenheit stecken geblieben scheint die Säule selbst. Ein Dinosaurier unter den Info-Portalen. Grünspan ziert den Sockel, nasse Flecken die obere Kante. Wie ihre Kollegin in Grimma trägt sie eine gestrickte „Kopfbedeckung“. „Ich nehme die Säule war, werfe einen Blick darauf, aber ansonsten hat sie für mich keine weitere Bedeutung“, erklärt die 30-jährige Wolf.

„Die Litfaßsäule wird gerne für das Anbringen von Plakaten genutzt“, weiß Manfred Bresk, von der Stadtverwaltung Wurzen. Ein Vorteil der Säule: Das Plakatieren kostet weder Geld, noch muss es angemeldet werden. Das Einzige, worauf es zu achten gilt, Plakate, die bevorstehende Veranstaltungen ankündigen, dürfen nicht überklebt werden, heißt es aus der Stadtverwaltung. „Im Zuge der regelmäßigen Straßenkontrollen überprüfen wir auch immer die Litfaßsäule.“ Schließlich soll alles ordentlich aussehen. Zerfetzte Plakate werden entfernt. Durch die verschiedenen Schichten aus Plakaten, entsteht im Laufe der Zeit eine Hülle aus Papier und Kleister. „Auch diese wird von der Stadt, wenn nötig, beseitigt“, so Bresk.

Spärliche Informationen in Frohburg

Die dicke Betonsäule mit dem roten Dach in der Greifenhainer Straße in Frohburg bietet derzeit spärliche Informationen. 20. Countryfest auf der Vogelwiese in Greifenhain am 13. August mit Live-Musik, Show, Kaffee und Kuchen – das ist schon ein ganzes Weilchen her. Ansonsten kleben mehrere bunte Plakate daran, die für eine Band werben. Karola Rode fährt an dieser Litfaßsäule jeden Tag mehrmals vorbei. „Ich weiß nicht, wie lange die hier schon steht, aber auf alle Fälle viele, viele Jahre“, sagt die 58-Jährige, die gerade von ihrer Arbeit mit dem Fahrrad kommt. Ja, sie würde immer mal auf die Plakate schauen: „Manches interessiert mich, anderes ist nur für junge Leute.“

Karola Rode (58) findet gut, dass das Erbe von Säulenerfinder Ernst Litfaß auch heute noch genutzt wird

Karola Rode (58) findet gut, dass das Erbe von Säulenerfinder Ernst Litfaß auch heute noch genutzt wird. Wenn auch viel seltener als früher.

Quelle: Andreas Döring

So eine Litfaßsäule sei einfach eine zusätzliche Informationsmöglichkeit, beispielsweise wenn es um das Countryfest im nahen Greifenhain geht. Da wisse man gleich, was dort los ist und wann es beginnt – das sei doch praktisch. Schon einige Male hat sie bei diesem Fest mitgefeiert, dieses Jahr aber war sie nicht dort.

„Es ist generell gut zu wissen, was so im Ort passiert“, meint Karola Rode. Ansonsten informiert sie sich in der Leipziger Volkszeitung oder auch im Schaukasten der Kommune am Markt.

Sozusagen am Schwarzen Brett, wie man auch sagt – neben der Litfaßsäule ein weiteres Relikt der Vergangenheit. Vermutlich schon im späten Mittelalter wurden Mitteilungen der Gemeinde oft an Hauswände oder auch Bäume geheftet, um sie einer größtmöglichen Anzahl von Personen zugänglich zu machen. Der heutige Schaukasten in vielen Kommunen will das auch heute noch.

Betonbohne diente als riesiger Mülleimer in Geithain

Die Litfaßsäule in der Geithainer Marienstraße gibt ein trauriges Bild ab. Nur noch Teile eines zerfetzten Plakats kleben an der schlecht verputzten Säule. „Ich hoffe ja immer, dass sie eines Tages mal umfällt, aber die steht noch lange“, meint Rainer Pilz, der seit 75 Jahren gegenüber lebt. Dennoch: An diesem kleinen Platz mit Rasen, Bank, Birke und Litfaßsäule hängen für ihn viele schöne Erinnerungen.

Rainer Pilz (75) vor dem traurigen Exemplar in der Geithainer Marienstraße

Rainer Pilz (75) vor dem traurigen Exemplar in der Geithainer Marienstraße.

Quelle: Andreas Döring

Einst war dort die Milchrampe, wo die Bauern der Straße jeden Morgen ihre Zwanzig-Liter-Kannen für den Transport in die Frohburger Molkerei abstellten. Mehr als 50 solcher Kannen kamen dabei jeden Morgen zusammen.

Um den Platz zu verschönern, pflanzten in den 1950er-Jahren zwei Frauen aus der Straße zwei Birken – Johanna Conrad und seine Mutter Erna Pilz. Ein Baum steht noch heute. „Die Litfaßsäule wurde zu DDR-Zeit aus Brunnenringen gefertigt“, erzählt der Geithainer. Ein Klempnermeister der Stadt baute Jahre später dafür ein Dach. Bis dahin landete immer mal Müll in der hohlen Säule.

„Dort hingen Plakate zum 1. Mai und für Kulturveranstaltungen, auch sozialistische Losungen“, erinnert sich Pilz. „Das Problem war aber, dass das schlecht klebte und Kinder gern die Plakate abrissen.“ Nach der Wende wurde die Litfaßsäule weiterhin für Veranstaltungsankündigungen genutzt, aber seltener. Das letzte Plakat stammt von der vergangenen Bürgermeisterwahl.

Was den Rentner wirklich freut: Im Frühjahr dieses Jahres stellte die Stadtverwaltung eine Bank zwischen Birke und Litfaßsäule, „da setzten sich gern und oft Leute hin, das ist schön“.

Von Claudia Carell, Tatjana Kulpa und Thomas Lieb

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