Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 7 ° Regen

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Lotte spielt, malt und bäckt mit

Inklusion in der Kita Greifenhain Lotte spielt, malt und bäckt mit

Wenn Lotte mal eine Weile nicht im Kindergarten ist, drückt sie zu Hause auf ihrem Bild-Computer immer wieder aufs Kita-Foto und weint. Inklusion, was übersetzt Zugehörigkeit heißt, ist ein großes Wort. Im Regenbogenland in Greifenhain wird es Wirklichkeit: Das schwerstbehinderte Mädchen spielt, malt, bäckt mit den anderen und sitzt bei Ausflügen im Bollerwagen.

Inklusion heißt wörtlich übersetzt Zugehörigkeit. In der Kindertagesstätte Regenbogenland gelingt dies, ein Mädchen fasst hier Lottes Hand im Stuhlkreis.

Quelle: privat

Frohburg. Lotte kommt in den Kindergarten. Und alle wissen sofort: Die Sechsjährige braucht jetzt Hilfe. Das Mädchen kann nicht sitzen, nicht laufen, nicht sprechen und nicht schlucken. Sofort stürzen ihre kleinen Freunde los und zerren die große Matratze in die Mitte des Gruppenzimmers. Bald liegt die kleine Lotte dort auf dem Rücken und guckt neugierig auf das Gewusel um sich herum. Ein Junge erzählt ihr etwas, ein Mädchen legt ihr eine Puppe auf die Matte, ein anderes Kind hüpft vergnügt vor ihr auf und ab und singt eine eben erdachte Melodie auf – „nanana...“. Alltag in der Kindertagesstätte Regebogenland in Greifenhain bei Frohburg, wo zehn Kinder mit Handicap betreut werden.

Lotte ist eins von ihnen. Das Mädchen erlitt bei seiner Geburt eine Hirnblutung, die schwere Schäden hinterließ. Sie hat ein Tracheostoma (ein künstlicher Zugang in der Luftröhre zum Atmen) und wird über eine Magensonde ernährt. Deshalb benötigt Lotte eine ärztlich verordnete Pflegeschwester, die auch in der Kita dabei ist.

Mutter Cornelia Thieme-Such kennt die mitleidigen Blicke, die Eltern mit behinderten Kindern treffen. „Aber ich will kein Mitleid, ich will Normalität“, sagt die 44-Jährige. Das wünsche sich auch Lottes große Schwester. Daher sei es „wunderbar“, dass beide Mädchen – ob gesund oder behindert – in dieser Kita betreut werden konnten.

Alltag mit anderen Steppkes: Lotte malt, bäckt und spielt

Dabei sei Inklusion nicht gleich Inklusion. „Das Wesentliche ist, dass das betroffene Kind wirklich am Kindergartenalltag teilnehmen kann“, sagt die Mutter, die als Erzieherin im Regenbogenland arbeitet. Die Kleinen würden mit Behinderung ganz unverkrampft umgehen: „Da gibt es kaum Berührungsängste. Nicht selten wirft jemand Lotte einfach irgend ein Spielzeug hin oder umarmt sie mal oder fasst sie an der Hand, das ist sehr schön, genauso wünsche ich es mir.“

Sie weiß, dass ihre Tochter viele Dinge nicht kann. Trotzdem staunt sie immer wieder, was Lotte im Kindergarten so alles mitmacht. Beim Sport sitzt sie in ihrem Gehtrainer. Sie malt mit Hilfe kunterbunte Bilder und ist danach selbst völlig beschmiert, sie ist beim Musikunterricht dabei, auch bei der Weihnachtsbäckerei. Bei Ausflügen rollert sie im Bollerwagen mit. Zu Hause lernt sie, sich mit Hilfe eines Bilder-Computers zu verständigen. Wenn sie mal einige Zeit nicht in den Kindergarten gehen kann, drückt sie immer wieder auf das Kita-Bild und beginnt zu weinen. „Lotte kommt sehr gern hier her“, sagt Cornelia Thieme-Such.

Doch nicht nur für das Kind sei dies wichtig, „auch für die Eltern“. Sie wissen Sohn oder Tochter in der Kita gut behütet und bestmöglich gefördert. Sie können arbeiten gehen, was für Väter und Mütter behinderter Kinder oft schwierig sei. Zudem würden viele Ehen bei dieser Belastung zerbrechen. So mancher sei an der Leistungsgrenze, „es müssen zig Arzt- und Therapietermine koordiniert werden, dazu der Job und die übrige Familie“. Zum Teil gelingt es sogar, dass Logopäden, Ergo- und Physiotherapeuten in die Einrichtung kommen, was den Eltern Wege erspart. Solch eine integrative Kita sei „wirklich ein Segen, wir hätten gar nicht gewusst, wie wir das sonst alles hinkriegen sollen“.

Was tun, wenn ein Kind seine Altersgenossen immerzu anspringt und kratzt?

Der Stein dafür kam ins Rollen, als im Jahr 2000 die Stadt Frohburg aufgefordert wurde, Integrativplätze in der Kindereinrichtungen zu schaffen. Im Ortsteil Greifenhain bot sich das in der eigentlichen Kita nicht an – aber im Haus daneben. Das war früher die Grundschule. Dieses Haus baute man behindertengerecht aus. Es gibt ein Bad, das die Kleinen mit Rollstuhl nutzen können. Auch eine Therapieliege zum Hoch- und Runterfahren, wo größere Kinder behandelt, aber auch gewindelt werden können.

Parallel zum Umbau absolvierten drei Erzieherinnen eine heilpädagogische Zusatzqualifikation, Cornelia Thieme-Such ist staatlich anerkannte Heilpädagogin. Bereits 2001 wurden die ersten Kinder mit Handicap aufgenommen. Dabei handelt es sich nicht immer um mehrfach behinderte Steppkes wie Lotte, „wir haben auch oft Kinder mit Sprachstörungen, verzögerter Entwicklung oder Verhaltensauffälligkeiten wie ADHS, auch Diabetes und das Down-Syndrom spielen eine Rolle“, sagt Leiterin Hiltrud Schlegel.

Die 60-Jährige arbeitet seit 1975 als Erzieherin, die neue Aufgabe sei eine Herausforderung gewesen. Was tun, wenn ein Kind seine Altersgenossen immerzu anspringt, kratzt und an den Haaren zieht? Wie das den anderen Eltern erklären? „Wir haben unsere Zusammenarbeit mit den Eltern noch weiter vertieft, finden viel Verständnis und sind darüber ganz glücklich“, sagt die erfahrene Pädagogin. Ganz wichtig findet sie, was auf den ersten Blick vielleicht anders scheint: Auch die „normalen“ Kinder profitieren davon, „sie lernen, dass es Menschen gibt, die anders sind – die Hilfe brauchen. Sie nehmen mehr Rücksicht.“

Kleiner Junge hat Mühe mit dem Zählen, kämpft aber für Gerechtigkeit

Das sieht auch Erzieherin Sylvia Rose so: „Es ist eine soziale Kompetenz, die sie bekommen.“ Wenn die 55-Jährige zum Beispiel mit einem Kind mit einer Sprachstörung ein Spiel spielt, das auf Sprache abzielt, nimmt sie sich ein nicht behindertes Kind dazu. Erstens soll das Integrativkind nicht das Gefühl haben, ein Außenseiter zu sein, und zweitens ist es auch für das andere Kind spannend. Es merkt schnell, dass es mit seinen Voraussetzungen dem gehandicapten Kind helfen, ihm eine Art Lehrer sein kann.

Der Erfolg bei den Kindern mit einer Behinderung funktioniert nicht von heute auf morgen, „viele haben ihre Grenzen, aber wir sind bestrebt, den besten Schultyp für sie zu finden“, so die Kita-Chefin. Neben der normalen Grundschule kann das die Lernförderschule sein oder eine Schule für geistig Behinderte. Die Zeit im Kindergarten sei in der Entwicklung eine ganz entscheidende, „sie sollen so viel Förderung wie möglich bekommen“. Jeder Mensch ist anders und bei jedem Kind mit Handicap würden die Erzieherinnen wieder etwas Neues lernen. Wichtig sei Austausch und auch Hilfe untereinander. „Das klappt sehr gut“, sagt die Leiterin und ist froh, „so ein tolles Team“ zu haben. 16 Erzieherinnen betreuen in Teilzeit insgesamt 113 Mädchen und Jungen im Regenbogenland.

Sylvia Rose hat die Erfahrung gemacht, dass Kinder, die kognitiv eingeschränkt sind, oft andere Qualitäten haben, zum Beispiel im Sozialen. Sie erinnert sich an einen Jungen, der schwer bis zehn zählen konnte, aber hilfsbereit und immer auf Gerechtigkeit aus war. Wenn etwas nicht so lief, wie es sollte, stand der kleine Kerl auf und sagte laut: „Das geht so nicht!“ Er ist heute in der Schule und hat es sicher nicht einfach in Mathe, aber seine frühere Erzieherin denkt immer mal an ihn und sagt: „Es gibt auch eine soziale Intelligenz und die ist ganz wichtig im Leben.“

Von Claudia Carell

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Geithain
22.10.2017 - 20:54 Uhr

Nach dem klaren 6:1-Heimsieg über Pirna-Copitz reichte es nun gegen Glauchau nur zu einem 1:1 (0:0)-Unentschieden.

mehr
  • LVZ-Kreuzfahrtmesse
    Infos zur LVZ-Kreuzfahrtmesse

    Kommen Sie an Bord: Am Sonntag, 22. Oktober 2017, laden LVZ und Vetter Touristik zur 1. Kreuzfahrtmesse in das LVZ Verlagsgebäude ein. mehr

  • Zeitung in Schulen

    Herzlich willkommen bei den Schulprojekten der Leipziger Volkszeitung und ihrer Regionalausgaben. mehr

  • Leserreisen
    Leserreisen

    Kreuzfahrt in der Karibik, Städtetour durch die Toskana oder Busreisen in Deutschland - die Leserreisen der LVZ bieten für jeden Anspruch genau das... mehr

  • LVZ-Fahrradfest 2017
    Logo LVZ-Fahrradfest

    Das 13. LVZ-Fahrradfest lud am 14. Mai 2017 wieder Radler ein, gemeinsam in die Pedalen zu treten. Fotos, Videos und Infos finden Sie in unserem Sp... mehr

  • Touristik & Caravaning
    Themen, Tickets, Öffnungszeiten: Die wichtigsten Infos zur Messe Touristik & Caravaning (TC) 2017 im Special auf LVZ.de

    Urlaubsstimmung im Novembergrau: Alle Infos und News zur Reisemesse Touristik & Caravaning (TC) 2017 in unserem Special. mehr

  • Jahrtausendflut 2002

    Entlang von Mulde, Elbe und Pleite brach im August 2002 eine verheerende Flutkatastrophe herein. Die LVZ zeigt eine Bestandsaufnahme. mehr

  • Sparkassen Challenge
    Logomotiv der Sparkassen Challenge 2017

    "Sport frei!" heißt es auch 2017 bei zahlreichen Wettkämpfen der Sparkassen-Challenge. Alle Events mit vielen Fotos finden Sie hier! mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr