Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -7 ° heiter

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Nach dem Verkaufsbeschluss: Sorge und Hoffnung im Geithainer Neubaugebiet

Wohnungsverkauf Nach dem Verkaufsbeschluss: Sorge und Hoffnung im Geithainer Neubaugebiet

Viele Wohnungen stehen leer, der Standard selbst in den vermieteten lässt Wünsche offen: Die Stadt Geithain hat jetzt für 1,7 Millionen Euro rund 190 Wohnungen im Neubaugebiet verkauft. Sie will Schulden abbauen. Selbst sanieren kann sie nicht. Die Stimmungslage bei den Mietern ist indifferent. Der österreichische Investor möchte sich bislang nicht in der Öffentlichkeit äußern.

Der Block Goethestraße 1 bis 5 steht ebenfalls auf der Verkaufsliste.

Quelle: Jens Paul Taubert

Geithain. Wäsche flattert auf der Südseite des Wohnblocks Straße der Deutschen Einheit 37 bis 47 in der Spätseptember-Sonne. Die Nordfassade des Gebäuderiegels, in den 90er-Jahren äußerlich saniert, liegt im Schatten, ist durch Witterung und Schmutz verfärbt. Auf den Wegen vor dem Block sind die Platten aus DDR-Zeiten zum Teil aufgeworfen. Licht und Schatten nicht nur hier: Dass der Geithainer Stadtrat am Dienstag dem Verkauf von mehr als 190 kommunalen Wohnungen an einen österreichischen Interessenten beschloss, findet im Viertel durchaus Befürworter, aber mehr Zweifler. Manche Mieter fürchten, sich ihre vier Wände bald schon nicht mehr leisten zu können. Dass zwar offen darüber gesprochen wird, Namen aber keine Rolle spielen sollen, bestätigt ihre Verunsicherung. Die könnte demnächst weitere Mieter im Altneubaugebiet ereilen, denn auch hier will sich die Stadt konsequent von ihren Beständen trennen, hat es teilweise schon getan – erklärtes Ziel: die Schuldenlast der Stadt deutlich zu reduzieren.

Sorge bei den Mietern

„Käme eine Erhöhung, müsste ich umziehen“, sagt eine 53-Jährige, die aus dem Fenster einer Wohnung in der Goethestraße schaut. Sie ist auf Geld des Jobcenters angewiesen, auch bei der Miete. Da sie in einer (nach Behördenmaßstab zu großen) Dreiraum-Wohnung lebt, legt sie bereits jetzt zehn Euro für das Kinderzimmer drauf. So wie ihr könnte es bald vielen gehen, die Sozialleistungen bezögen, fürchtet sie: Rentner ebenso wie jene, für die es ohne Hartz IV nicht geht. „Dass ich raus müsste, davor habe ich die größte Angst.“ Andererseits müsste an den Häusern durchaus etwas gemacht werden, „der Anbau von Balkons wäre schön“.

„Wenn die Häuser verkauft werden, was kann man da machen“, fragt ein Älterer aus der Goethestraße und gibt achselzuckend selbst die Antwort: Nichts. Was er vermisse, sei eine offizielle Information der Stadt über den Verkaufsbeschluss. „Wenn sich der Leerstand verringerte, wäre das nicht schlecht, denn diese Wohnungen vergammeln und verkommen.“ Man müsse das Ganze auf sich zukommen lassen und nicht überreagieren, denn: „Wenn die Mieten ins Unermessliche stiegen, hätten die Käufer ja nichts gekonnt.“

„Beschissen, ganz beschissen“, sagt eine ältere Frau aus tiefster Seele, gefragt, was sie von dem Verkauf, mehr noch aber von der aktuellen Lage hält. Seit 1982 lebt sie mit ihrem Mann in einem Aufgang in der Straße der Deutschen Einheit: „Mehr Miete, doch es wird nichts gemacht an den Buden. Wir sind nicht einverstanden.“ Die Elektrik des Blocks sei marode, die wärmegedämmte Fassade sehe schlimm aus. „Wenn wir uns unsere Wohnung nicht ein bisschen schön machen würden, was denken sie, wie die aussähe.“ Wenn der neue Eigentümer etwas saniere, wären sie allerdings bereit, durchaus ein paar Euro mehr Miete zu zahlen. Aber: „Ich glaube nicht, dass sich was ändert.“

Schuldenabbau ist notwendig

Schön findet ein älterer Mann das Umfeld seines Blocks in der Straße der Deutschen Einheit nicht, in dem er seit einem halben Jahrzehnt wohnt: verkommene Fassade, ramponierte Wege, „ein großes Problem vor allem für die Älteren“. Um die Bank zum Ausruhen vor dem Haus habe man sich selbst gekümmert. Dass es sich jetzt etwas zum Besseren wende, erwarte er nicht.

„Uns ist schon viel versprochen worden“, blickt eine 69-Jährige aus der Goethestraße auf die Nachwende-Jahrzehnte zurück, auf Sanierungen und -ankündigen, auf vergebliche Verkaufsversuche seitens der Stadt. „Mit der Wohnung und dem Umfeld bin ich zufrieden“, sagt sie, die seit 1976 hier zu Hause ist. Wenn der neue Eigentümer saniere, sollte er gezielt auf die Bedürfnisse Älterer, die kleinere Wohnungen in den unteren Etagen benötigten, Rücksicht nehmen.

„Ich denke, Stadtrat und Bürgermeister haben richtig gehandelt“, sagt ein Älterer, der auch in der Goethestraße lebt, allerdings in einem schon früher privatisierten Block. Dass die Stadt versuche, von ihren Schulden herunterzukommen, sei wichtig: „Andere Städte haben das rechtzeitig in den Griff gekriegt.“ Wenn Geithain ein paar wenige Wohnungen für sozial Schwache vorhalte, genüge das aus seiner Sicht ihrer Verantwortung.

Wiener Firma Müller Trading handelt mit Lebensmitteln

Bei zwei Enthaltungen hatte der Geithainer Stadtrat der Müller Trading Ges. m.b.H. Wien den Zuschlag erteilt. Das Unternehmen will 1,7 Millionen Euro zahlen und hatte damit nach zweifacher Ausschreibung das höchste Gebot abgegeben. Der Investor gibt sich weiter öffentlichkeitsscheu. Vor dem Stadtrat haben sich Daniel Müller und Martin Vorhand aus Wien nur hinter verschlossenen Türen geäußert. Die Unterschriften seien noch nicht unter dem Vertrag – „ich hätte das gern schnell erledigt. Aber die Investoren baten um Zeit bis nach den jüdischen Feiertagen“, erklärte Bürgermeister Frank Rudolph (UWG) am Donnerstag. Am 3. Oktober beginnt das dreitägige jüdische Neujahrsfest Rosch ha-Schana.

Wer sind die Österreicher, die in Geithain einen wesentlichen Bestand der kommunalen Wohnungen aufgekauft haben? Eine Frage, die sich nicht ohne Weiteres beantworten lässt: Müller und Vorhand sind, was man im Business schwer erreichbar nennt. Und ein Blick ins Handelsregister offenbart gleich mehrere Überraschungen. Unter Sitz und Name des Wiener Unternehmens, das als eine neu gegründete Kapitalgesellschaft den Kauf der Geithainer Wohnungen realisieren will, verbirgt sich eine Ein-Mann-Firma für einen Lebensmittelhandel. Dessen Geschäftsführer Mario Müller höchstens Namensvetter des Mit-Investors Daniel Müller sein dürfte. Am Firmentelefon der Wiener Adresse im Hietzinger Kai nimmt jedenfalls gestern niemand ab.

Andere Telefonnummern, die nicht zur Müller Trading GmbH, aber zu Unternehmer Martin Vorhand führen sollen, enden in einem Berliner Steuerbüro. Wo die Familie Vorhand in einem ganzen Firmennetzwerk in führenden Positionen gehandelt wird. Die Mito Grundstücksgesellschaft versteht sich mit mehr als einem Dutzend Tochterfirmen auf den „Kauf und Verkauf von eigenen Grundstücken und Wohnungen“. In den aktuellsten Handelsregisterauszügen sind in wechselnden Funktionen die Herren Martin, Milan und Thomas Vorhand als Chefs gehandelt. Die Mitarbeiterin des Steuerbüros erklärt, dass „wir nur die steuerliche Beratung für Herrn Vorhand“ übernommen haben.

Eine (Telefon-)Nummer weiter erklärt die Mitarbeiterin einer Berliner Hausverwaltung, dass „Herr Vorhand sehr selten hier und immer unterwegs“ ist, man aber versuchen werde, ihn zu erreichen. Die Löwen-Hausverwaltung erledigt die „Geschäftsbesorgungen für Herrn Vorhand“, sagt die Dame. Von einem Geithainer Geschäft wisse sie aber nichts. Ihr Vermittlungsversuch endet zurück in Geithain. Beim Bürgermeister. Der der Presse ausrichten lässt, dass sich die Österreicher derzeit nicht äußern möchten.



Von Ekkehard Schulreich

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Geithain
  • Zeitung in Schulen

    Herzlich willkommen bei den Schulprojekten der Leipziger Volkszeitung und ihrer Regionalausgaben. mehr

  • Angestupst
    Mikrologo Angestust

    Die aktuelle Förderrunde der Aktion „Angestupst“ von LVZ und Sparkasse Leipzig ist beendet. So haben Sie abgestimmt! mehr

  • LVZ-Fahrradfest
    Logo LVZ-Fahrradfest

    LVZ-Fahrradfest 2016: Sehen Sie hier einen Rückblick mit vielen Fotos von allen Starts, Videos und mehr. mehr

  • TAW - Technische Akademie Wuppertal
    TAW  - Technische Akademie Wuppertal

    Ein Werbespecial der LVZ für die Technische Akademie Wuppertal mit Infos zum breitgefächerten Angebot. mehr

  • 24 Stunden in der Region

    Firmen und Unternehmen in der Region Leipzig stellen sich vor. mehr

  • Zoo Leipzig
    Zoo Leipzig

    Infos und Events aus dem Zoo Leipzig sowie zahlreiche Bilder aller Vierbeiner und der geflügelten Zoobewohner. mehr

  • Asisi - Welt der Panoramen
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Great Barrier Reef" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zum Great Barrier Reef im Panometer Leipzig und den asisi-Panoramen in Dresden. mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die LVZ in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten LVZ das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr

  • Onlineabo

    "LVZ-Online Extra" heißt das Online-Premiumangebot der Leipziger Volkszeitung, das Sie überall auf der Welt und rund um die Uhr nutzen kö... mehr