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Normale Wohnungen findet er seltsam

Normale Wohnungen findet er seltsam

Weil viele Bahnhofsgebäude in der Region Leipzig leer stehen, sind sie günstig zu haben. Immer öfter werden sie zu Wohnhäusern umgebaut - mit ganz eigenem Charme.

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Frank Sanders vor seinem künftigen Wohnhaus - mit Gleisanschluss.

Quelle: Dirk Knofe

Lauterbach. Dem Leipziger Frank Sanders kommt das Gleis vor der Haustür dabei gerade recht. Bis zum Sommer 2016 will der den Bahnhof zum Wohnhaus machen.

 

 

Der Bahnhof Lauterbach-Steinbach kam im Sommer 2012 für gerade einmal 3000 Euro unter den Hammer. 2004 war der Bahnhof geschlossen worden, seit 2006 stand das Stationsgebäude leer. "Vermutlich ist das Haus um 1887 entstanden", sagt der Lauterbacher Ortsvorsteher Sepp Schenkel. Am 30. April 1887 wurde die Eisenbahnlinie zwischen Leipzig und Geithain über Bad Lausick feierlich eingeweiht, zwei Tage später rollte der erste Zug über die Gleise.

 

 

Der Besitzer des Lauterbacher Bahnhofs, ein gebürtiger Leipziger, merkte bald, dass das Haus zu weit weg ist von seinem Wohnort bei Grimma. Deshalb suchte er nach einem neuen Käufer. Als Frank Sanders in der Gegend unterwegs war und das Schild "Zu verkaufen" entdeckte, zögerte er nicht lange. Gemeinsam mit einem Freund erwarb er das Gebäude. "Ich bin kein Bahnfan. Mir ist es egal, wer die Strecke betreibt. Hauptsache ein Zug hält", sagt Sanders in seiner etwas knorrigen Art. Seit 17 Jahren arbeitet er als Licht- und Videotechniker im Kulturhaus NaTo in der Leipziger Südvorstadt. Er mag Autofahren nicht. Bei fast jedem Wetter ist der 54-Jährige deshalb mit dem Rennrad unterwegs. Wenn es regnet, will er den Bahnanschluss vor der Haustür nutzen. Würde die Strecke stillgelegt, wäre die Wohnidee des Mannes mit dem Stoppelbart demnach hinfällig. Die Chancen für den Erhalt stehen allerdings gut, ist die Strecke doch die einzige direkte Verbindung zwischen Leipzig und Chemnitz.

 

 

Am Bahnübergang in Lauterbach, 300 Meter von Frank Sanders Haus entfernt, kam es 2011 zu einem schweren Zugunglück, als ein Regionalexpress mit einem Auto zusammenstieß und mehrere Waggons entgleisten (die LVZ berichtete). "Viele Menschen haben Angst vor dem Zug vor der Haustür. Aber das kann ich mir nicht leisten. Ich brauche ihn ja", sagt Frank Sanders.

 

 

Natürlich wollte auch er bei der ersten Besichtigung des baufälligen Hauses wissen, wie laut die Züge wirklich sind. Etwa vier Mal in der Stunde fährt auf der eingleisigen Strecke eine Bahn vorbei, die letzte gegen 1 Uhr nachts. Der Regionalexpress rauscht durch, die Regionalbahn hält. Sein Fazit: "Es ist hier nicht lauter als auf Leipzigs Karl-Liebknecht-Straße." Deshalb erfüllt er sich jetzt hier seinen Traum vom eigenen Haus mit Garten und Blick auf ein Waldstück am Gleis.

 

 

"Die Bausubstanz ist gut", sagt der gelernte Maurer. Durch das Fundament aus Naturstein könne keine Feuchtigkeit von unten eindringen. Auch das Dach sei bis auf wenige Stellen intakt gewesen. Ursprünglich diente das Gebäude nur dem Bahnwärter und seiner Familie als Unterkunft, wohl noch vor dem Ersten Weltkrieg wurde es erweitert. Heute bietet es 170 Quadratmeter Wohnfläche auf zwei Etagen. Im Obergeschoss sollen separate Wohnbereiche für beide Eigentümer eingerichtet werden. Aus dem ehemaligen Arbeitsraum der Bahnmitarbeiter im Erdgeschoss wird eine Gemeinschaftsküche entstehen. Als es in Lauterbach noch ein Abstellgleis gab, wurden die Weichen vom Haus aus gestellt. Unter dem jetzt offenen Fußboden sind Reste der Konstruktion zu erkennen. Den früheren Warteraum wollen die neuen Besitzer zum gemeinsamen Wohnzimmer umfunktionieren.

 

 

Bis zum geplanten Einzug 2016 bleibt viel Arbeit: Grundstück und Haus waren verwahrlost und zugewuchert. Sanders hat mühevoll aufgeräumt. Aus einer alten Schranke, die auf dem Gelände lag, sägte er die Pfähle für den künftigen Zaun. Das Hauptgebäude wird gerade entkernt und für den Innenausbau hergerichtet.

 

 

Auf dem 2400 Quadratmeter großen Areal stehen noch zwei weitere Gebäude: Gerade setzt Frank Sanders ein neues Fenster in dem kleinen Nebenhaus ein. "Es war teilweise eingestürzt, später soll es ein Gästehaus werden." Außerdem steht direkt am Gleis noch ein winziges Häuschen, in dem früher die Petroleum-Lampen des Bahnhofs geputzt wurden. Sanders möchte darin eine kleine Werkstatt einrichten.

 

 

Je nachdem, welchen Wohnstandard man erreichen möchte, könne man sicherlich 200 000 Euro in den Umbau stecken, sagt er, will jedoch zusammen mit dem anderen Käufer mit 60 000 Euro auskommen. Eine gewisse Vorliebe für besonderes Wohnen hatte Sanders schon früher. Lange lebte er in Leipzig in einer alten Druckerei mit Fabrikfenstern, die er sich zum Loft umgebaut hatte. "Normale Wohnungen finde ich irgendwie seltsam."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 28.02.2014
Robert Berlin

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