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Offen-sive für Geithain

Offen-sive für Geithain

Historische Fassaden, beschauliche Straßen, eine beeindruckende Stadtbefestigung: Dass Geithains Innenstadt eine märchenhafte Kulisse bietet, ist nicht erst seit dem "Däumelinchen"-Film-Dreh 2012 bekannt.

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Joachim Sell vor dem Plakat, mit dem er für die dauerhafte Öffnung des Geithainer Stadttores wirbt.

Quelle: Ekkehard Schulreich

Geithain. Ein Reiz, der zugleich Reizthema ist - wenn die Rede auf das letzte erhaltene Stadttor nahe der Nikolaikirche kommt. Das Tor, für Monate in eine Richtung für im Schritttempo rollende Autos offen, ist wieder dicht.

Für Joachim Sell ein Unding. "Nur ein Tor schließt das Tor" plakatiert der Unternehmer. Er will ein belebteres Stadtzentrum, wendet sich gegen ein Abgeschnitten-Sein der Unterstadt. Das Stadttor ist für ihn der entscheidende Punkt. Und der, an dem sich die Geister in der Bürgerschaft seit zig Jahren scheiden. Immerhin: Zumindest den Gewerbeverein weiß der 56-Jährige auf seiner Seite.

"Wir haben eine traumhaft schöne Stadt. Die dürfen wir nicht verschließen", sagt Joachim Sell. Als in den vergangenen Monaten am anderen Ende des Zentrums die Dresdner Straße gesperrt war, durften Autos durch das Tor fahren. Danach war wieder Schluss. "Seitdem gibt es in den Geschäften einen spürbaren Abbruch", sagt der Fensterbauer. Und er meint nicht nur den Blumenladen, den seine Frau Heike in der Unterstadt führt: "Vielen anderen geht es ähnlich. Du musst viel Liebe zum Beruf haben, um das durchzuziehen."

Um die Schließung nicht unwidersprochen hinzunehmen, hat Sell ein großes Plakat gestalten lassen, das Autofahrern auf der B 7 ins Auge fällt, wenn sie Niedergräfenhain in Richtung Geithain verlassen. Und er hat in der LVZ inseriert. Griffiger Slogan: "Nur ein Tor schließt das Tor." Die Reaktionen darauf, fast durchweg positiv, bestärken ihn. Die Entscheidungsträger sollten sich dringend der Sache annehmen, meint er, versteht seinen Vorstoß aber ausdrücklich nicht als Ansage im Bürgermeister-Wahlkampf. Weder hätten die Autos die Unterirdischen Gänge zum Einsturz gebracht noch seien Stadtbummler im Tor angefahren worden. Sicher erfordere eine dauerhafte Öffnung einen gewissen finanziellen Aufwand: "Vor allem aber braucht es den politischen Willen dafür. Dafür möchte ich werben."

Damit läuft Sell beim Geithainer Gewerbeverein die sprichwörtlichen offenen Türen ein. "Ein offenes Stadttor ist definitiv in unserem Sinn", sagt Vereinschef Jan Brunswig. Nicht weil dadurch der Umsatz in den Geschäften sich vervielfachen würde. "Es geht um mehr Leben in der Stadt. Geithain verschließt sich. Das kann doch nicht sein." Ein geöffnetes Tor sei statt dessen eine Einladung, in die Stadt zu kommen, hier eine Pause zu machen, die Angebote zu sichten und zu nutzen. Die Erreichbarkeit des Zentrums sei entscheidend. Deshalb hätten die Geschäftsleute am 20. Juni auch zu "In Geithain läuft's rund" eingeladen, einem Fest ähnlich attraktiv wie das etablierte Event-Shopping und verbunden mit einer sportlichen Komponente.

Sells Plakat trifft Brunswigs Nerv: "Das ist ein guter Spruch. Die Annonce in der Zeitung aber klang ein bissel nach Kapitulation." Es gehe nicht an, Ober- und Unterstadt gegeneinander abzugrenzen. Ein offenes Stadttor sei im Interesse aller Händler, wohl wissend, dass ein Teil der potenziellen Käuferschaft diese Auffassung nicht teile. Ein sensibles Thema deshalb, sagt der Vereinschef. Ungeachtet dessen aber gelte: "Man muss vorangehen. Das Ziel sehen und daran arbeiten. Eine andere Möglichkeit kenne ich nicht."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 27.06.2015
Ekkehard Schulreich

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