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Pest-Keller, Nachttopf und Tropfsteinhöhle locken nach Geithain

Pest-Keller, Nachttopf und Tropfsteinhöhle locken nach Geithain

Autsch! Tja, große Leute müssen aufpassen und an vielen Stellen geduckt durch die 412 Meter des Geithainer Gangsystems im Kirchberg laufen. Doch es lohnt sich: Die Gemäuer und Ausstellungsstücke beginnen auf geheimnisvolle Weise zu erzählen.

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Für die Kinder der Kita Kinderland gibt es im Inneren des Kirchbergs viel zu erleben. Carmen Schmidt erklärt, wie Emaille in Geithain hergestellt wurde.

Quelle: Jens Paul Taubert

Geithain. Wie in der Unterwelt vieles im Dunkeln liegt, sind auch die Fakten dieser Gänge nebulös.

 

 

Es wird vermutet, dass vor Jahrhunderten die Einwohner in Geithain Löcher in den Berg gruben, um Lebensmittel kühl zu lagern. Daraus entstanden nach und nach kleine Keller. Einige davon sind heute noch zu sehen, keine zehn Quadratmeter groß und einen knappen Meter hoch. "Da wurden die Kinder hingeschickt, um etwas zu holen, weil ein Erwachsener hier wirklich Mühe hat", sagt Carmen Schmidt. Die 56-Jährige stößt sich in den Gängen schon lange nicht mehr an den Kopf. Als Mitarbeiterin des Geithainer Fremdenverkehrsamtes führt sie regelmäßig Gäste hier entlang. Die gelernte Uhrmacherin fand vor zehn Jahren zu dieser Profession und ist heute begeistert: "Hier gibt es viel zu entdecken, es ist interessant und ich mach' das richtig gern." Eine Strickjacke gehört auch im Sommer zu ihrer Arbeitskleidung. Denn es ist kühl hier unten, zwölf Grad, im Winter sind es nur sechs.

 

 

Wie aus den kleinen Kellern die Gänge entstanden, ist ebenfalls unklar. Fakt ist, dass der König im 15. Jahrhundert seine Bergleute nach Geithain schickte. Sie pickerten eifrig nach Erz - am Ende erfolglos. Was blieb, war ein erweitertes Gangsystem, das die Geithainer nutzten, um Äpfel, Kartoffeln, Eingekochtes und Gepökeltes zu lagern. Salz, Zucker und Essig waren wesentlich, um Lebensmittel lange aufzubewahren. "Früher kam der Essig-Mann mit einem großen Fuhrwerk. Essig wurde in großem Maße gebraucht. Heute reicht bei uns eine Flasche ewig", sagt die Museumsmitarbeiterin.

 

 

Der Spaziergang durch die Gänge erzählt viel von der Geithainer Stadtgeschichte und dem Leben vor Jahrhunderten überhaupt. Zum Beispiel der "Pestkeller". Ein Pfarrer suchte im Jahr 1902 nach einer Möglichkeit, die Kirche zu heizen. Im Untergrund entdeckte er eine Vielzahl von Gebeinen und ging davon aus, dass sie von den Pest-Toten des Jahres 1380 stammten. Damals erlagen 280 Menschen der tausend Einwohner dem schwarzen Tod. "Die Annahme des Pfarrers stimmte nicht, die Opfer wurden damals außerhalb der Stadt beerdigt. Aber wir haben das zum Anlass genommen, hier dennoch daran zu erinnern", berichtet Schmidt.

 

 

Geithain wurde von Wiprecht von Groitzsch geplant und gebaut, war zwischenzeitlich auch Garnisonsstadt - mit sagenhaften 28 Kneipen im 17. Jahrhundert, da die Soldaten gern einen trinken gingen. Bierbrauer und Winzer brauchten die großen Keller unter der Kirche, um den leckeren Gersten- und Rebentrunk zu lagern. Munitionskisten, Bierkrüge und Weinfässer erinnern an diese Epoche.

 

 

Ein altes Bett steht in einem der Keller. Es stammt aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges, als bis zu 200 Geithainer hier Schutz suchten, weil es in ihren Häusern keine Luftschutzkeller gab. Steppkes fragen Carmen Schmidt an dieser Stelle gern, was das Ding unter dem Bett ist - und erfahren, dass es sich um einen Nachttopf handelt. Die kleinen Mädchen und Jungen finden das ungeheuer spannend und können sich gar nicht vorstellen, wie man keine "normale" Toilette haben kann.

 

 

In den 1990er-Jahren beschloss die Stadt Geithain, das Gangsystem für Besucher zu öffnen. Es wurde saniert, Stützwände eingezogen. Neben Nischen mit historischen Ausstellungsstücken entstanden speziell für Kinder spannende Erlebniswelten. Zum Beispiel der Gruselgang, getaucht in rot-düsteres Licht, weit hinten flattert ein weißes Hemd...

 

 

Auch geologisch gibt es einiges zu entdecken. Der Quarzporphyr des Berges soll einst aus Lava entstanden sein. Schöne Steine in gold-braunen oder violettfarbenen Tönen, zum Beispiel der Amethyst, oder eine Feuersteinknolle sind zu bestaunen. Auch Steine aus Italien, die vor 250 Millionen Jahren in einer drei Kilometer dicken Eisschicht hier her gewandert sind.

 

 

Bei 90 Prozent Luftfeuchtigkeit und viel Nässe ist es an einer Stelle wie in einer Tropfsteinhöhle. Es tropft von der Decke, von den Wänden, Pfützen bilden sich auf dem Boden. "In einer Million Jahren sind hier vielleicht Stalagtiten zu sehen", meint die Gästeführerin, lächelt - und freut sich auf neugierige Besucher.

 

 

Führungen gibt es jeden Sonnabend 14 bis 17 Uhr. Es wird empfohlen, sich vorher im Kultur- und Fremdenverkehrsamt anzumelden, um Wartezeiten zu vermeiden. Gruppenführungen nach Anmeldung auch gern zu anderen Zeiten. Kontakt: Telefon 034341/44602 oder 44403, E-Mail heimatmuseum.geithain@googlemail.com, Internet www.geithain.net

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 18.07.2015
Claudia Carell

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