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Pfarrer und Macher – Bornaer Superintendent Matthias Weismann wird 65

Zwei Jahrzehnte im Amt Pfarrer und Macher – Bornaer Superintendent Matthias Weismann wird 65

Im Normalfall sind zehn Jahre genug für einen Pfarrer an einem Ort. Davon war Matthias Weismann immer überzeugt. Dass es jetzt für ihn in Borna sogar 20 Jahre geworden sind, war 1997 nicht abzusehen für den Mann, der Spuren weit über die Bornaer Gemeinde hinterlassen wird. Am Dienstag feiert der Superintendent seinen 65. Geburtstag.

Ein Mann mit verlässlicher Bodenhaftung, der zur Selbstironie fähig ist und weiß, was sich gut essen und trinken lässt. Superintendent Matthias Weismann wird im Februar 2018 in den Ruhestand gehen und dann wohl nach Dresden umziehen.
 

Quelle: Jakob Richter

Borna.  Gäbe es ein Ranking in Sachen Kirchenferne, die Bevölkerung der einstigen Bergarbeiterstadt Borna würde vermutlich nicht nur in Sachsen einen Spitzenplatz einnehmen. Dass der Süden von Leipzig außerordentlich säkularisiert ist, bekamen Matthias Weismann und seine Frau Astrid jedenfalls schnell mit, als sie sich vor zwei Jahrzehnten in die Wyhra­stadt aufmachten, um sich dem evangelisch-lutherischen Kirchenvorstand in Borna vorzustellen. Weismanns standen auf dem Marktplatz und fanden die Stadtkirche nicht. Und die konkrete Frage an einen Passanten, wo die sein könnte, führte auch nicht zu echtem Erkenntnisgewinn. „Das ist eine gute Frage“, bekam der künftige Superintendent zu hören – von einem offenkundig Einheimischen.

Matthias Weismann

Matthias Weismann: Zwei Jahrzehnte Pfarrer in Borna, zudem Superintendent inzwischen für den vergrößerten Kirchenbezirk Leipziger Land bis in den Bereich Wurzen.

Quelle: Thomas Kube

Da war der Mittvierziger nicht zum ersten Mal im Gespräch für den Chefposten in einem sächsischen Kirchenbezirk. „Zwei Jahre zuvor sollte ich den Kirchenbezirk Rochlitz übernehmen.“ Als dann allerdings der bisherige Bornaer Superintendent Ekkehard Vollbach an die Leipziger Nikolaikirche ging, kam Weismann hierher. Und er kam an, wie sich nicht erst aus der Perspektive des Jahres 2017 sagen lässt.

Dabei war der gelernte Holzmodellbauer seinerzeit keineswegs unzufrieden gewesen an seinem bisherigen Arbeitsplatz in der Dresdener Erlöser-Andreas-Gemeinde. Eine Gemeinde, in der es lief, in einem großstädtischen Wohnviertel mit bürgerlicher Bevölkerung.

Es war dann der damalige Landesbischof Volker Kress, der den Pfarrer schließlich dazu brachte, nach Borna zu gehen. Damals wurden Kandidaten für höhere Weihen im Gegensatz zum heutigen Prozedere noch von der Landeskirchenleitung ausgesucht. Weismann hatte sich als Vize der Landessynode eine guten Namen gemacht. Sieben Jahre später war der Bornaer Superintendent dann selbst im Gespräch für den Bischofsposten in Dresden. Er wollte jedoch nicht und ist noch heute froh darüber – wie wohl viele in der Gemeinde seinerzeit und auch heute.

Die hatte mit Weismann nicht nur einen Geistlichen bekommen, sondern auch einen Macher und Ideengeber, wie sich wohl nur wenige unter den Geistlichen der sächsischen Landeskirche finden. Es fällt schwer, all die Aktionen aufzuzählen, die von der Kirchgemeinde ausgingen und an denen der

Im von ihm mitinitiierten Kirchenladencafé Offenkundig lädt Matthias Weismann (r) zur Gesprächsrunde „Zugehört und eingemischt“ ein – h

Im von ihm mitinitiierten Kirchenladencafé Offenkundig lädt Matthias Weismann (r.) zur Gesprächsrunde „Zugehört und eingemischt“ ein – hier Uwe Hinz, Leiter der Jugendstrafvollzugs-anstalt Regis-Breitingen

Quelle: Nathalie Helene Rippich

Superintendent zumindest einen nennenswerten Anteil hatte. Projekte wie „Neu anfangen“ und der Bibelparcours in der ehemaligen Brikettfabrik Witznitz, das kirchliche Ladencafé Offenkundig, das Margarethenfest und die Wiederentdeckung von Martin Luther für Borna. Dass der Reformator etliche Male in der Stadt zu Gast war, ist jedenfalls erst unter der Ägide des aktuellen Superintendenten ins Bornaer Bewusstsein gerückt, Luther­

Der Superintendent als Redner – hier bei der Verleihung des LVZ-Heimatpreises

Der Superintendent als Redner – hier bei der Verleihung des LVZ-Heimatpreises.

Quelle: Jens Paul Taubert

denkmal und Lutherfest inklusive.

Hinzu kommt das Auftreten des nur körperlich kleinen Mannes. Dass Pfarrer wortgewaltig sind, ist keine Sensation. Wenn aber Weismann etwas sagt, ist die Möglichkeit groß, dass es auch bei kirchenfernen und sogar kritischen Geistern Gehör findet. Der Superintendent ist ein Mann mit verlässlicher Bodenhaftung, der, ganz in der Nachfolge von Luther, auch weiß, was sich gut essen und trinken lässt. Und der, da ebenfalls erfreulich irdisch, zur Selbstironie fähig ist, wenn er mit Blick auf die kirchliche Mitarbeiterschaft sagt: „Wir sind ja nur das Bodenpersonal.“

Was damit zu tun haben dürfte, dass der junge Matthias zunächst gar nicht Theologie studieren wollte. Zwar war der Sohn des Komponisten Wilhelm Weismann schon als Teenager in der Jungen Gemeinde und mit 19 sogar Kirchenvorstandsmitglied. „Aber ich wollte etwas Technisches studieren“, also etwas Handfestes, was sich angesichts seines Sinnes für Praktisches gut vorstellen lässt. Aber das ging dann aus gesundheitlichen Gründen nicht.

So landete Matthias Weismann nach dem Theologie-Studium und einem Vikariat in Leipzig 1980 in Weißenberg, einer 900-Seelen-Gemeinde in der Lausitz mit Stadtrecht. Die junge Familie Weismann fühlte sich wohl dort, auch weil der Kontakt zu den Leuten so unmittelbar war. Der junge Pfarrer wurde in gewisser Weise zu einer öffentlichen Person. Es waren im Prinzip Verhältnisse, wie er sie später auch in Borna wiederfand, an der Wyhra nur in etwas größeren Dimensionen.

Dass die Familie das kleine Städtchen Weißenberg sechs Jahre später dann doch verließ, lag an ihrer Größe. Die Pfarrerwohnung war für die Kinderreichen schlicht zu klein geworden, sodass der Umzug nach Dresden folgte. Dennoch sind für den gebürtigen Leipziger kleinere Städte nachgerade der ideale Arbeitsplatz. Deswegen haderte Matthias Weismann wohl nicht ernsthaft mit dem Umstand, dass er später auch nach zehn Jahren weiter als Superintendent in Borna bleiben durfte. Es folgten Herausforderungen wie die spektakuläre Umsetzung der Heuersdorfer Emmauskirche an den Martin-Luther-Platz in Borna. Dem eigentlichen Umzug im Oktober 2007 waren kontroverse Debatten innerhalb und außerhalb der Kirche vorausgegangen. Die bewegte Kirche landete in den internationalen Nachrichten. Und so nimmt es nicht Wunder, dass eine Aktion wie die Begradigung des schiefen Bornaer

Superintendent Matthias Weismann (v

Superintendent Matthias Weismann (v. l.) bei der Einweihung des Gemeindehauses mit Thomas Mallschützke, Pfarrer der Bornaer Marienkirche, und Oberlandeskirchenrat Dietrich Bauer.

Quelle: RegioTV Borna

Kirchturms fast schon aus der Erinnerung verschwindet. Und nicht zuletzt gehört das neue Gemeindehaus in Borna, das erst vor wenigen Wochen fertiggestellt worden ist, zu den Meilensteinen in der jüngeren Gemeindegeschichte.

Als die Emmauskirche schließlich am neuen Ort stand, wo sie heute kaum noch wegzudenken ist, folgte die Strukturreform in der Landeskirche. Aus den Kirchenbezirken Borna und Grimma entstand die neue kirchliche Verwaltungseinheit mit dem Namen „Leipziger Land“, die vom Wurzener Land bis hinter Borna reicht. Eine Mammutaufgabe für den Superintendenten, denn es mussten durchaus unterschiedliche Mentalitäten zusammengeführt werden. Matthias Weismann sieht es heute so: „Es war wie ein Stellenwechsel.“

Jetzt steht der nunmehr 65-Jährige vor einem neuen Wechsel – in den Ruhestand, was sich niemand, der ihn auch nur etwas kennt, ernsthaft vorstellen kann und mag. Die offizielle Verabschiedung ist für den 4. Februar 2018 vorgesehen. Weismanns sind auf der Suche nach einer neuen Wohnung und wollen sich in Dresden niederlassen. Klar scheint, dass der künftige Pfarrer im Ruhestand weiter auf der Kanzel steht. Ganz sicher in vielen Orten, aber nicht mehr in Borna.

Von Nikos Natsidis

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