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"Reha darf nicht wie eine Glocke sein"

"Reha darf nicht wie eine Glocke sein"

Seit das Haus Herrmannsbad in Betrieb ist, sind Kurgäste präsenter im Stadtbild: Mit der psychosomatischen Reha fügt die Unternehmensgruppe Michels in Bad Lausick dem bis dato auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Orthopädie konzentrierten Kurbetrieb eine wichtige Facette hinzu.

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Angstbewältingungsgruppe in der psychologischen Abteilung der Sachsenklinik in Bad Lausick, geleitet von Psychologe Felix Hellmich (rechts) und Dr. Henriette Haaserodt (2. von rechts).

Quelle: Jens Paul Taubert

Bad Lausick. 750 stationäre und einige teilstationäre vor allem depressive Patienten werden hier Jahr für Jahr behandelt. Sie sind mobiler und mit fünf Wochen Regelkurzeit länger in der Stadt.

 

 

"Wir machen mehr für sie Seele als für den Körper, logisch. Aber der Körper ist ebenso eingebunden", sagt Ralf Tauber. Der 50-Jährige, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin, leitet das zur Sachsenklinik gehörende Haus Herrmannsbad. Seit viereinhalb Jahren werden hier, in den Räumen des einstigen Kurhotels, Menschen behandelt, die ausgebrannt, von Ängsten beherrscht, die aufgrund beruflicher und privater Überlastung oder wegen einschneidender schlimmer Erfahrungen seelisch am Boden sind. "60 bis 70 Prozent leiden an Depressionen", sagt Tauber. Der Begriff schließt vieles ein vom Burn-out durch Überlastung im Beruf bis zu Abgründen, in die ein Mensch nach dem Verlust des Arbeitsplatzes oder von Angehörigen stürzt und durch ambulante Behandlung nicht herausfindet. Hinzu kommen Patienten mit chronischen Schmerzen, mit Panikattacken, mit Zwangsstörungen.

 

 

Rentenversicherer und Krankenversicherer überweisen die Betroffenen zu einer Reha nach Bad Lausick, Menschen zwischen 30 und 60 vor allem, mehr Frauen als Männer, Leidende aus Sachsen, aber auch weit darüber hinaus. Die meisten, weiß Tauber, kommen mit einer langen Leidensgeschichte nach Bad Lausick: "Es dauert, ehe festgestellt wird, dass eine ambulante Therapie nicht reicht. Oder es fehlt schlicht an den Angeboten - gerade in ländlichen Regionen ist das ein Problem."

 

 

"Die zentrale Frage für uns ist: Wie können wir den Betreffenden so stabilisieren, dass er wieder in den Arbeitsprozess zurückkehren kann", beschreibt Ralf Tauber, der neben seiner Tätigkeit in Bad Lausick international forscht, lehrt und publiziert, das zentrale Anliegen der in der Regel fünf Wochen dauernden Reha. Gearbeitet werde in kleinen Gruppen von acht bis zwölf Patienten, zugeschnitten auf individuelle Erfordernisse. Es gibt Therapiegespräche und Fitnesstrainings, Walking im Kurpark und Spaziergänge in die Stadt.

 

 

Über 90 Betten verfügt das Haus Herrmannsbad. Ein Team aus sechs Ärzten, und einem Dutzend Psychologen, aus Physio-, Sport-, Sozial- und Ergotherapeuten kümmert sich um die Behandlungen, denn in den meisten Fällen gehen psychische Leiden mit körperlichen einher. Dass eine zunehmende Zahl von Menschen mit Depressionen zu kämpfen habe, für Ralf Tauber liegen die Gründe dafür klar im Lebensalltag: "Die Gesellschaft leistet sich durch die Verschärfung der Arbeitssituation viele Ausfälle. Mancher muss schon sehr stark sein, um den Druck auszuhalten, der auf ihm lastet."

 

 

Wer dem nicht gewachsen sei, den sehe er möglicherweise in Bad Lausick wieder. Ob Pendler, die täglich zig Kilometer führen, ob Telefonisten unter Dauerspannung, ob Angestellte, für die Überstunden Usus seien: "Das Arbeitsumfeld spielt für viele Leiden eine wichtige Rolle." Um hier die Belastungen zumindest zu mildern, kann über die Rentenversicherung Einfluss auf das Arbeitsumfeld genommen werden, das heißt durch Veränderungen von Arbeitsplatz und -zeiten, durch Umschulung und Ähnliches den Druck herauszunehmen.

 

 

"Was wir tun, ist ausgelegt auf Nachhaltigkeit". Die Reha müsse die Leute zwar aus ihrem krank machenden Umfeld nehmen, "aber sie darf nicht wie eine Glocke sein", so der Chefarzt: "Die Quote derer, die am Ende dennoch berentet werden muss, ist ausgesprochen gering. Oft schreiben uns Leute von zu Hause, dass es ihnen jetzt gut geht, dass sie es schaffen. Etwas Besseres können wir gar nicht hören."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 18.02.2014
Ekkehard Schulreich

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