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Reichersdorfer Gasthof: Tropfsteingrotte im „Sonne“-Saal war eine Attraktion

Bad Lausick Reichersdorfer Gasthof: Tropfsteingrotte im „Sonne“-Saal war eine Attraktion

Über Jahrzehnte war der Reichersdorfer „Gasthof zur Sonne“ ein Begriff. Später kamen im umgebauten Haus die Familien von Silika-Mitarbeitern unter. Nach zwei Jahrzehnten des Verfalls wurde das Ensemble abgerissen. Die Ziegel, entlang der nach Buchheim führenden Staatsstraße aufgeschüttet, sollen die dahinter liegenden Wohnhäuser vor Lärm schützen.

Was von der „Sonne“ übrig blieb: Der Steinwall soll begrünt werden und als Lärmschutz dienen.

Quelle: Wolfgang Müller

Bad Lausick. Ein Wall aus Trümmersteinen blieb vom einstigen „Gasthof zur Sonne“, einer einst renommierten Ausspanne und Einkehrstätte im vor Jahrzehnten schon nach Bad Lausick eingemeindeten Reichersdorf. Nachdem das Gebäude lange leer stand und immer weiter verfiel. ließ es der Eigentümer Ende vergangenen Jahres abreißen. Die Ziegel, entlang der nach Buchheim führenden Staatsstraße aufgeschüttet, sollen die dahinter liegenden Wohnhäuser vor Lärm schützen. Der Wall, im Augenblick kaum eine Bereicherung des Stadtbildes, solle begrünt werden, hieß es aus dem Bauamt der Stadt.

Der Turnverein „Vater Jahn“ Lausigk gab 1909 in der „Sonne“ einen Festkommers aus Anlass seines zehnten Stiftungsfestes. Er richtete hier Turnen für Mädchen aus. Der Reitverein traf sich, ehe er zur Fuchsjagd aufbrach, vor der „Sonne“. Die Kaninchenzüchter stellten aus. Ballmusik gab es hier, Sänger des Leipziger Krystallpalastes gastierten. Die Gemeinde richtete eine „öffentliche Sprechstelle“ ein. Carl Liebe, der das Haus 1919 übernahm, gestaltete den großen Saal – dem Zeitgeschmack gehorchend, denn im „Panorama“ in der Stadthausstraße gab es Gleiches – in eine Tropfsteinhöhle um. Liebe, der Schwiegervater von Linda, die anno 2006 mit ihren 102 Lebensjahren die älteste Bad Lausickerin sein würde.

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Über Jahrzehnte war der „Gasthof zur Sonne“ ein Begriff. Später kamen im umgebauten Haus die Familien von Silika-Mitarbeitern unter. Nach zwei Jahrzehnten des Verfalls wurde das Ensemble abgerissen. Nur historische Ansichten erinnern noch an ihn.

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Dass die „Sonne“ ein geschichtsträchtiger Ort war, weiß Annelies Lehmann zu untermauern. Nicht nur weil sie im Geschichtsverein Bad Lausick mitarbeitet und sich im Stadtarchiv um die Sichtung all der Zeitzeugnisse kümmert. 1951 ist sie in diesem Haus geboren. Damals allerdings waren die Zeiten von Gastronomie und Geselligkeit längst vorbei. Seit 1866 ist das Gasthaus aktenkundig; es könnte durchaus aber älter sein. Anfang der Vierzigerjahre hatte das Silikatwerk, nur wenige hundert Meter entfernt jenseits der Bahnstrecke, das Objekt erworben. Durch das Baugeschäft Kurt Pfeiffer ließ sie es zu Wohnungen mit sehr bescheidenem Standard umbauen; auch der Saal verschwand. Die „Sonne“ mutierte in den Jahren des Krieges zum Umsiedlerlager für Deutschstämmige, die aus Rumänien, Ostpreußen, der Tschechei geholt wurden. „Eine Wohnung kriegte nur, wer in der Silika arbeitete“, sagt Lehmann. Auf ihren Vater und ihren Onkel traf das zu; die brannten feuerfeste Steine im Werk. „Es waren damals viele Kinder im Haus“, sagt sie, und die Verbindungen seien auch nach ihrem Umzug in die Ballendorfer Straße nicht abgerissen. Und so wie die Kinder spielten, trafen sich die Älteren in den Nachkriegsjahren gern im Hof, einen Zerrwanst auf den Knien, wie Fotografien zeigten, und versuchten sich neu einzurichten in einer neuen Zeit.

Mit dem Ende des Silikatwerkes Anfang der Neunzigerjahre kam auch das Aus für die Werkswohnungen in der „Sonne“. Die Mieter zogen nach und nach aus. Das Haus verfiel. Doch Ältere, die an dem Wall aus Ziegeln vorübergehen, erinnern sich.

Von Ekkehard Schulreich

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