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Rohrpost erlebt Renaissance: Geithainer Aerocom macht Millionen

Mittelstand Rohrpost erlebt Renaissance: Geithainer Aerocom macht Millionen

Um heißen Kaffee zu transportieren, ist die Rohrpost nicht das geeignete Medium - wissen alle, die die Olsenbande schätzen, spätestens seit Film zwölf „Die Olsenbande fliegt über die Planke“. Wer allerdings schlussfolgert, das System Rohrpost wäre ein Vehikel aus vergangenen Jahrzehnten und in digitalen Zeiten überholt, liegt falsch.

Aerocom-Niederlassungschef Silvio Snella mit den Behältern, die durch das Rohr versendet werden.

Quelle: Jens Paul Taubert

Geithain. Um heißen Kaffee zu transportieren, ist die Rohrpost nicht das geeignete Medium - wissen alle, die die Olsenbande schätzen, spätestens seit Film zwölf „Die Olsenbande fliegt über die Planke“. Wer allerdings schlussfolgert, das System Rohrpost wäre ein Vehikel aus vergangenen Jahrzehnten und in digitalen Zeiten überholt, liegt falsch. „Alles, was nicht per Mail geht“, passiere in wenigen Augenblicken die Stränge eines Rohrpostsystems, sagt Silvio Snella.

In 80 Ländern aktiv

Der Mann muss es wissen, leitet er doch die sächsische Niederlassung der Aerocom GmbH & Co. Das mittelständige Familienunternehmen, das seit 1991 von Geithain aus die Geschäfte im Freistaat Sachsen, in Thüringen, Sachsen-Anhalt und in Teilen Brandenburgs und Bayerns koordiniert, gehört zu dem halben Dutzend Firmen weltweit, die auf diesem besonderen Markt zu Hause sind – von der Planung einer Anlage über den Bau bis zur Wartung. Aerocom ist davon nach eigenen Aussagen der größte und einzige Hersteller, welcher in mehr als 80 Ländern aktiv ist.

„Es geht um reine Transport-Logistik, um die Vereinfachung und Beschleunigung von Verarbeitungsprozessen“, sagt Snella mit Blick auf die Industrie, die nach wie vor und sogar zunehmend auf Rohrpost-Systeme setzt. Ob Großlager oder Autozulieferer, Landeszentralbanken oder große Tankstellen: Über ein innerbetriebliches Netz von Aufgabe- und Empfangsstationen würden Lieferscheine, Teile, Laborproben mittels Druck und Sog versendet. Krankenhäuser entdeckten die Vorzüge des Systems spätestens, seit es keine Zivildienst-Leistenden mehr gebe, die zwischen den Abteilungen als flinke Boten unterwegs sind, so der Niederlassungsleiter. Das spare Zeit, Energie und lasse die Mitarbeiter wichtigere und wirtschaftlichere Dinge tun als Botengänge.

Medikamente, Blutkonserven, Plasma, Datenträger seien schnell, sicher und präzise innerhalb der Gebäudekomplexe auf Fahrt. Das Rohrpost-System des Leipziger Uniklinikums, parallel zum Ausbau der Kliniken in den vergangenen Jahren immer wieder erweitert, zählt an die 23 Kilometer Fahrrohr und mehr als 100 Stationen. Bis zu 3500 Sendungen würden hier durch die Kunststoff-Kanäle geschickt, sagt Snella. Am Universitätsklinikum Jena habe man kürzlich den zweiten Bauabschnitt eines solchen Systems abgeschlossen und einen Fahrzeugteile-Hersteller in Limbach-Oberfrohna ausgerüstet. Aktuell sei das Unternehmen in Kliniken in Dresden und Chemnitz bei der Arbeit. Die Renaissance des ab Ende des 19. Jahrhunderts boomenden unsichtbaren Transportmittels halte an: „In den vergangenen zehn Jahren ist die Nachfrage enorm gestiegen. Und wer mit einem kleinen System beginne, rüste später meist nach.“

Am Prinzip der Rohrpost hat sich seit deren Erfindung vor mehr als 150 Jahren nicht viel geändert, egal ob es sich um eine Kleinstanlage oder ein mikroprozessorgesteuerten Mehrliniensystem mit mehr als 500 Stationen handelt. Die Post – Papiere, Werkstücke, Flüssigkeiten, bei Bedarf sterile Sendungen – wird in Büchsen, auch Bomben genannt, verpackt. Kompressoren sorgen dafür, dass die Kapseln mit einem maximalen Gewicht von 28 Kilogramm über ein Rohrsystem, Durchmesser 53 bis 315 Millimeter, inklusive Weichen bei Tempo fünf bis sieben Meter pro Sekunde binnen Sekunden beim Adressaten landet. Büchsen mit RFID-Chips erlauben eine vollautomatische Zuordnung. Und: „Aktuell gibt es viele Anfragen aus dem Reinraum-Bereich, von Unternehmen, aber auch von medizinischen Einrichtungen.“

Die Geithainer Niederlassung des 1956 in Kernen im Remstal gegründeten und inzwischen in Schwäbisch Gmünd ansässigen Unternehmens kümmert sich in ihrem Einzugsbereich um Planung, Montage und Service. Vier Monteure und Techniker sind dabei auf Achse. In der Leipziger Uniklinik gibt es einen Schauraum, der Interessenten die Wirkungsweise zeigt. Aerocom hat weltweit 230 Mitarbeiter und einen Jahresumsatz von 40 Millionen Euro. Die Geithainer Niederlassung, die 1,3 Millionen Euro beisteuert, zählt seit Jahren zu jenen mit dem besten Ergebnis. Das führt eine ganze Reihe von Pokalen in Snellas Büro vor Augen.

Bau einer eigenen Niederlassung

Wer die Geithainer Geschäftsräume sucht, muss Spürsinn besitzen. Sie befinden sich in jenem Bürogebäude an der Straße der Deutschen Einheit, das die Stadt samt Firmengelände vor ein paar Monaten von der insolventen Geithainer Baugesellschaft erwarb. Seit Kurzem haben Silvo Snella und sein Team neue Nachbarn: den Geithainer Bauhof, der in diese Immobilie umzog. Einem Wunsch der Stadt folgend, wird Aerocom demnächst innerhalb des Hauses neue Räume beziehen. Vielleicht aber, so der Niederlassungsleiter, sei das nur eine Zwischenlösung: „Wir denken darüber nach, für unsere Geithainer Niederlassung an diesem Ort ein eigenes Gebäude zu bauen.“

Von Ekkehard Schulreich

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Geithain in Zahlen

Bundesland: Sachsen

Landkreis: Leipzig

Fläche: 54,24km²

Einwohner: 7378 Einwohner (Dezember 2016)

Bevölkerungsdichte: 136 Einwohner/km²

Postleitzahl: 04643

Ortsvorwahlen: 034341, 034346

Stadtverwaltung: Markt 11, 04643 Geithain

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