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Geithain Sachsen trifft sich in Kohren-Sahlis zum Singen
Region Geithain Sachsen trifft sich in Kohren-Sahlis zum Singen
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13:14 21.02.2018
Die Kindersingwoche in Sachsen hat schon Tradition – seit drei Jahren kommen die jungen Sänger in den Winterferien nach Kohren-Sahlis. Quelle: Andreas Döring
Kohren-Sahlis

Notenblätter rascheln im Probenraum. 50 Kinder und Jugendliche suchen nach dem Gospelsong „I will follow him“. Als das Klavier einsetzt, sind sie so weit, stehen in zwei Reihen und singen dreistimmig. Bei den meisten ist der Text noch unsicher, sie kleben am Blatt. Der zwölfjährige Martin Hübner hat dagegen nichts in der Hand – er kennt das Lied.

Nur bei der Zeile „And nothing can keep him from me“ (Und nichts kann ihn von mir abhalten) muss er bei seiner Nachbarin mal aufs Blatt rüber schauen. Der Junge ist mit Herz dabei, bei manchen Passagen schließt er genussvoll die Augen, oft lächelt er. „Ist schön hier, wenn wir so zusammen singen“, sagt Martin, der in der Nähe von Zittau wohnt. „Ich mache überhaupt gerne Musik.“ Er spielt Klavier und Trompete und singt im Chor. Zum dritten Mal ist er bei der Kindersingwoche.

Zum dritten Mal findet diese in der Heimvolkshochschule Kohren-Sahlis statt. Seit den 1990er-Jahren lädt das Kirchenchorwerk Sachsen in den Winterferien den Nachwuchs zu einer Woche Gesang ein. Lange Zeit nach Schönburg bei Naumburg. Als die Einrichtung dort schloss, suchte man ein Ausweichquartier – und wurde 2016 in Kohren-Sahlis fündig. „Das Haus ist perfekt für uns, viele Probenräume, schönes Gelände“, sagt Christian Kühne, Kirchenmusikdirektor aus Löbau-Zittau, der die Singwoche organisiert.

Kirchenchorwerk Sachsen ist der größte Laienmusikverband im Land

Musik wird in der evangelischen Kirche groß geschrieben. Das Kirchenchorwerk Sachsen ist der größte Laienmusikverband des Freistaates. Er hat über 26 000 Mitglieder in mehr als 700 Kirchenchören und Kantoreien, über 500 Kurrenden und Kinderchöre sowie 400 Instrumentalkreise. Die Singwoche ist eines von vielen Angeboten – konfessionell offen. Musical und Chortitel, zum Teil begleitet von einer Band, entstehen in dieser Woche und werden am Sonntag bei einem Gottesdienst, diesmal in Limbach-Oberfrohna, aufgeführt.

Der Probenplan ist straff, doch es gibt auch Zeit für Theaterspiel, Tanz, Spielabend und kunterbunte Hausmusik. Geselliges Singen ist immer 16 Uhr. Dabei darf jeder, der will, ein Lied anstimmen. Dominik Baumann wählt einen heiteren Trinkspruch an, der im Kanon gesungen wird:

Dominiks Trinkspruch

„So lang der Bauch in die Weste passt, wird keine Arbeit angefasst! Meine Damen, meine Herrn, die Arbeit ist kein Frosch: Sie hüpft, sie hüpft, sie hüpft, sie hüpft, sie hüpft uns nicht davon.“

Der 19-Jährige ist mit der Singwoche eng verbunden. Als kleiner Junge war er das erste Mal dabei, heute betreut er als Kirchenmusik-Student die Veranstaltung mit. „Es ist eine gute Gelegenheit, sich als Chor auszuprobieren. Außerdem kommen verschiedene Instrumente zusammen, das macht die Sache spannend“, sagt er.

Dabei gibt es in seiner Familie schon eine reiche Instrumentenfülle. Eltern und Geschwister spielen E-Bass, Schlagzeug, Flöte, Gitarre und Kontrabass, er selbst Klavier und Posaune. Das erste Mal ist er nun nicht Teilnehmer, sondern im Leitungsteam, muss Proben übernehmen, einiges organisieren, immer Ansprechpartner sein. Doch genau darum gehe es in seinem Studium: „Spaß an der Musik, die Arbeit mit anderen Menschen und das Fördern von Gemeinschaft stehen im Mittelpunkt“, so Dominik. Außerdem ist er der große Bruder – seine drei kleinen Geschwister singen in Kohren-Sahlis mit.

Rumänische Gäste aus Siebenbürgen

Der Kanon-Trinkspruch gefällt Raphael Toth gut, er feixt. Der 17-Jährige gehört zu den neun Jugendlichen aus dem rumäischen Siebenbürgen. Vor zehn Jahren ergab sich der Kontakt zu Singwoche in Sachsen. Seitdem ist Raphael dabei. „Da gibt es eine ganz tiefe Bindung. Egal wie runter mein Akku ist, wenn ich bei der Singwoche bin, lädt der sich schnell wieder auf“, sagt er im fehlerfreien Deutsch. Er besucht die elfte Klasse und bereitet sich aufs Abitur vor. „In der Schule ist man immer in einem bestimmten Kasten und muss bestimmte Dinge tun, aber hier ist man frei, lernt neue Leute kennen, die das gleiche Hobby haben.“

Die Probentage sind straff durchorganisiert. Quelle: Andreas Döring

In seiner Heimat, wo die Deutschen als Minderheit leben, gebe es allerhand Probleme. Viele Einwohner von Siebenbürgen haben Rumänien verlassen und sind nach Österreich, Deutschland und in die Schweiz gegangen. „Der Lehrermangel ist schwierig, auch in unseren Chören werden es viel weniger Sänger“, erzählt er. Geld ist knapp, seine Mutter verdient als studierte Kirchenmusikerin 350 Euro im Monat. Raphael wächst mit seinen deutschen Wurzeln in Rumänien in zwei Welten auf, wie er sagt. Er möchte jedoch langfristig in Siebenbürgen bleiben.

Singen hilft beim runterkommen

Musik und Sport seien für ihn lebenswichtig. „Beim Fußball kann ich körperlich alles rauslassen, das ist gut. Es gibt ja Tage, wo es mal nicht so läuft. Oder ich setze mich für eine Weile ans Klavier und singe. Danach geht’s mir immer besser.“ Die Singwoche setzt dem noch die Krone auf: „Da stehe ich früh auf und singe sofort. Und abends geh’ ich ins Bett und habe noch eine Melodie auf den Lippen – herrlich!“

3,5 Millionen Chorsänger in Deutschland

In Deutschland singen 3,5 Millionen Menschen im Chor. Im offiziellen Chorverband sind rund 20 000 Chöre registriert. Dazu kommen weitere 20 000 Kirchenchöre und etwa 15 000 Chöre und Projekte der freien Szene.

Während im ländlichen Raum Chöre oft mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen haben und sich mitunter auflösen müssen, gibt es oft in größeren Städten ein enormes Potenzial an Nachwuchs und neuen Chören.

Dabei ist der Klang vielfältig. In der jüngeren Vergangenheit gründeten sich viele Ensembles, die vor allem populäre Songs aus dem Radio nachsingen.

Es gibt viele Sing-Initiativen in Schulen und Kindergärten, aber auch Angebote für Senioren, die vermitteln wollen, dass es zum Singen nie zu spät ist. Auch Mitsing-Aktionen haben zugenommen, die heißen zum Beispiel „Ich-kann-nicht-Singen-Chor“ oder „Rudelsingen“, wo barrierefrei und mit Spaß einfach geträllert wird.

Die Stimme ist das älteste Instrument der Welt – bis heute entdecken Wissenschaftler aber ständig Neues. Zum Beispiel, dass Hobby-Sänger ein besseres Immunsystem haben und seltener eine Erkältung bekommen. Mit folgender Erklärung: Das Chorsingen führt durch die Aktivierung der Atmung, die Kontrolle der Atemmuskulatur und durch das Gemeinschaftserlebnis zur Ausschüttung von positiven Emotionshormonen, zum Beispiel Oxytocin, das sogenannte Kuschelhormon, sowie die klassischen Glückshormone, die Endorphine. Außerdem werde beim Singen Immunglobolin gebildet – das heißt: Singen stärkt die Abwehrkräfte.

Von Claudia Carell

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