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Geithain Scheibner schreibt Rathendorfs Historie auf
Region Geithain Scheibner schreibt Rathendorfs Historie auf
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05:12 11.07.2018
Gottfried Scheibner, der Chronist von Rathendorf, ist jetzt in Rochlitz zu Hause, seinem Dorf aber weiterhin eng verbunden. Quelle: Jens Paul Taubert
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Geithain/Rathendorf

Auf seine alten Tage ist er dem Dorf seiner Vorväter noch untreu geworden, allerdings nur räumlich: Mit den Menschen in Rathendorf ist Gottfried Scheibner – einst Bürgermeister und Ortsvorsteher, Alterskamerad der Feuerwehr und Ehrenmitglied ihres Fördervereins, vor allem aber profunder Chronist – auch vom benachbarten Rochlitz aus eng verbunden.

Blick über die Ossabachbrücke der A 72 auf Rathendorf. Viel hat sich in dem Dorf verändert, eine Menge davon hat Gottfried Scheibner festgehalten. Quelle: Jens Paul Taubert

Dabei, sein achtes Lebensjahrzehnt zu vollenden, schreibt er intensiv Geschichte: die von Rathendorf auf mit all ihren Facetten. Mehrere laufende Meter Regal hat er angefüllt mit seinen Recherchen zu sämtlichen Höfen, zur Landwirtschaft, zum Handwerk, zur Schule, zu den Vereinen. Und so wie Geschichte nie abgeschlossen ist, hat er keinen Grund, vom Sammeln, Schreiben, Systematisieren zu lassen. Nicht zuletzt in der Hoffnung, dass einer diese Arbeit eines Tages fortsetzt.

Hat Umzug zur 600-Jahr-Feier dokumentiert

„Die 640-Jahr-Feier wäre eigentlich dieses Jahr dran“, sagt Gottfried Scheibner. Mit der Hand streicht er über die Formation dicker Ordner: „Den Umzug zur 600-Jahr-Feier habe ich dokumentiert.“ 1978, als er Bürgermeister des Dorfes südlich von Geithain war. Zwei Jahrzehnte später feierten die Rathendorfer erneut das Jubiläum der Ersterwähnung. Manfred Hausotter, der 2016 gestorbene Heimatgeschichtler, Feuerwehrchef Herbert Legel und er setzten sich damals hin, um die Chronik fortzuführen. „Spätestens da bin ich auf den Geschmack gekommen.“

Er ist im Dorf aufgewachsen

Rathendorf ist Scheibners Leben. Hier wuchs er auf unterhalb des Kirchbergs, wo sich die Dorfstraße gefährlich verengt. Die Eltern arbeiteten in der Landwirtschaft, der Vater später bei der Bahn, bei der Transportpolizei, schließlich in der LPG Rotes Banner. Der Sohn hatte anderes im Sinn, eine Lehrstelle in Funkes Autowerkstatt im benachbarten Obergräfenhain beinahe in der Tasche. Schlosser lernte er schließlich in der Patent-Papierfabrik Penig.

Viele Jahre Bürgermeister

Der Vater, der ihm die Genossenschaft schmackhaft machte, vergraulte den Sohn – der die Flucht nach vorn antrat in die in Gründung befindliche Nationale Volksarmee. Als Funker heimgekehrt, begann er eine Tätigkeit als Landmaschinenschlosser in der Werkstatt der MTS in Narsdorf, wechselte als Brigadeschlosser nach Rathendorf.

Gottfried Scheibner 1992 als Rathendorfer Bürgermeister. Quelle: Jens Paul Taubert

Als die beiden im Ort befindlichen LPGs vom Typ I und III fusionierten, legte man ihm nahe, die Nachfolge von Unger Max, dem Bürgermeister, anzutreten. „Ich hab gesagt: Ich mach das ’ne Weile, bis ihr ’n anderen findet“, erinnert er sich. Pustekuchen: Natürlich fand sich keiner. Von 1969 bis 1996 blieb er Ortschef, über die Umbrüche der Wende hinweg bis zur Fusion mit Narsdorf und Ossa, hängte zehn Jahre als Ortsvorsteher an.

Vorsteher als Versteher: „Ich sage, ihr müsst mit den Leuten reden, nicht von oben runter bestimmen und nicht sagen, es geht nicht. Man darf die Leute nicht vor den Kopf stoßen, wie ich es heute so oft erlebe.“ Habe es früher ein Problem gegeben, habe es geheißen: Ich geh mal zum Bürgermeister. Der, sagt Scheibner, habe nicht hexen, aber manches gemeinsam lösen können. „Heute ist das alles viel anonymer. Das ist nicht gut.“

In Rathendorf von Haus zu Haus gegangen

Anonymer ist es auch in Rochlitz, wo er mit seiner Frau seit ein paar Jahren gegenüber des Rathauses wohnt. Das Gebäude des ehemaligen Rathendorfer Kindergartens, Jahrzehnte sein Zuhause, hat die Gemeinde verkauft. In seinem Dorf ist er immer noch häufig unterwegs. „Von Haus zu Haus bin ich gegangen und habe aufgeschrieben, was noch bekannt ist.“ Im Schnitt beginnt diese Chronik Mitte des 19. Jahrhunderts; in einem Fall reicht sie bis 1749 zurück.

Heikle Themen nicht ausgespart

Heikle Themen wie die der Zwangsarbeiter in der Nazizeit sparte er nicht aus, trug unzählige Fotografien und Dokumente zu vielen Bereichen des Lebens zusammen. „Die Leute reagierten sehr aufgeschlossen“, sagt er. Und sie freuten sich, wenn er von früher, von ihrem gemeinsamen Leben erzähle. Zur jüngsten Weihnachtsfeier etwa gestaltete er im Saal des Gasthofs, heute Dorfgemeinschaftshaus, eine kleine Ausstellung.

Vielleicht führt das mal jemand weiter

Was wird mit diesen Schätzen? Mit Joachim Schmidt, bis vor Kurzem Vorsitzender des Feuerwehr-Fördervereins, überlegte er, ob sie eines Tages im Rathendorfer Pfarrhaus archiviert werden könnten. Gottfried Scheibner käme das zupass. Wichtig sei doch, dass die Unterlagen vor Ort und nutzbar blieben. „Dafür habe ich all da ja zusammengetragen. Und vielleicht findet sich dann auch mal einer, der sagt, ich möchte das weiterführen.“

Von Ekkehard Schulreich

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