Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Geithain Stahlbauer aus Narsdorf hält Kohle für unverzichtbar
Region Geithain Stahlbauer aus Narsdorf hält Kohle für unverzichtbar
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:00 11.02.2019
Absprache an der CNC-Abkantpresse: Mitarbeiter Steffen Schapke (links) und Unternehmer Ludger Seggewiß. Quelle: Jens Paul Taubert
Geithain/Narsdorf

Als Ludger Seggewiß begann, sich mit regenerativen Energien zu befassen, trennte eine Grenze noch auf Jahre beide deutsche Republiken voneinander. Die Ölkrise hatte beiderseits des Zauns dazu geführt, dass die Kohleverstromung eine unverhoffte Renaissance erfuhr.

Der studierte Landtechniker und Maschinenbauer, der 1991 in den Osten ging und in Narsdorf ein mittelständiges Stahlbau-Unternehmen entwickelte, erzeugt längst selbst Strom und Wärme – per Erdgas-Blockheizkraftwerk und Photovoltaik. Dass die Kohleverstromung nicht nur im Leipziger Südraum in zwei Jahrzehnten enden soll, wie es die Kohlekommission proklamiert, hält er dennoch für zu kurz gedacht.

Und für die erklärte Absicht der Stadt Leipzig, die Fernwärme bald schon nicht mehr von Lippendorf zu beziehen, sondern ein eigenes Gaskraftwerk neu zu bauen, hat er nur Kopfschütteln übrig.

Als Student schon an Strom aus Biogas gedacht

„Schon als Studenten wollten wir Biogas-Anlagen an Kuhställe bauen“, erinnert sich der 58-Jährige, der im Münsterland aufwuchs, an die achtziger Jahre. Die Energie-Frage sei eine Grundfrage der Gesellschaft. „Aber es gibt nicht nur das Eine oder das Andere“, ist er überzeugt. Strom aus Wind und Sonne komme ein großer Stellenwert zu.

Unternehmer Ludger Seggewiß aus Narsdorf sieht den Kohleausstieg kritisch Quelle: Jens Paul Taubert

Ausbaufähig sei das zweifellos, doch ganz ohne Strom aus Kohle oder Gas werde es auf absehbare Zeit nicht gehen. Der aktuelle Kohlekompromiss öffne jetzt zumindest „Zeiträume, die wir zum Nach- und Umdenken nutzen sollten“. Rund 48 Millionen Tonnen Kraftstoffe habe man zuletzt jährlich in Deutschland allein für den Betrieb der Autos und Kleintransporter verbraucht. „Würden wir allein das durch Elektromobilität ersetzen wollen, brauchten wir 50 Prozent mehr Grundlast-Strom. Mit Sonne und Wind werden wir diese Konstanz niemals erreichen.“

Photovoltaik liefert in der warmen Jahreszeit Strom

Seit 2002 produziert Seggewiß in seinem und für seinen Narsdorfer Betrieb Strom und Wärme in einem mit Erdgas befeuerten Blockheizkraftwerk. Das läuft in der kalten Jahreszeit. In der warmen springt seit vier Jahren eine 60-Kilowatt-Photovoltaikanlage ein. Überschüssiger Strom fließt in einem großen Batteriespeicher und ins Netz.

Der Speicher speist unter anderem die beiden Elektroautos und den Nebenbedarf des Unternehmens. „Betriebswirtschaftlich war die Anschaffung der Elektroautos Unsinn. Aber ich bin der Zeit 30 Jahre voraus: Ich kann heute schon allein mit Sonnenstrom 350 Kilometer fahren“, sagt er, wohl wissend, dass die flächendeckende Ökostromversorgung rund um die Uhr so noch nicht gegeben ist und schwierig bleibt.

Hartmut Kresens beim Schweißen an einem Stahlträger. Das Unternehmen hat sich auf den Hallenbau spezialisiert. Quelle: Jens Paul Taubert

Dieser Pioniergeist ließ Ludger Seggewiß vor mehr als einem Vierteljahrhundert südlich von Geithain, im tiefsten Osten, heimisch werden. Eine politische Bildungsreise der Landjugend weckte schon 1981 das Interesse des Heranwachsenden am dem, was jenseits der Grenze geschah – wie dort zum Beispiel die Landwirtschaft funktionierte.

Kaum waren die Sperren offen, schickte sein Remscheider Landmaschinenbauer den jungen Mann nach Sachsen. Ein KfL-Betrieb bei Zwickau – KfL stand für Kreisbetrieb für Landwirtschaft, der den Maschinenpark einer Genossenschaft wartete und mit Ersatzteilen versorgte – sollte als verlängerte Werkbank produzieren.

„Diese Herangehensweise schmeckte mir nicht. Aber ich begriff damals die Chance, mich selbstständig zu machen“, blickt er zurück. Den KfL in Narsdorf konnte er schließlich von der Treuhand kaufen. 15 Mitarbeiter übernahm er und einige Zeit noch die etablierte Zulieferung von Teilen für einen so genannten Möhren-Roder.

Unternehmen baut Stahlhallen

„Die ersten fünf, sechs Jahre haben wir uns vor allem um den Aufbau des Unternehmens für Stahlbau gekümmert“, sagt Seggewiß. Das im benachbarten Obergräfenhain seit 1992 entstehende Dachziegelwerk war für Jahre größter Auftraggeber für Werkstatt- und Montageleistungen. Parallel dazu war das Unternehmen überregional mit der Montage von Stahlhallen für Gewerbe und Landwirtschaft auf Achse. Vier Montage-Teams setzten zusammen, was in Narsdorf entwickelt, konstruiert und gefertigt wurde.

Ab 1999 wurde in Narsdorf selbst investiert. Umgerechnet knapp 3,2 Millionen Euro flossen damals in eine neue Werkstatt-Halle, in Maschinen, Fuhrpark und den Bürokomplex. Zählte die Belegschaft in besten Zeiten 26 Köpfe, ist sie inzwischen auf 14 beinahe halbiert. Nicht etwa weil es an Arbeit mangelt, sagt der Unternehmer: „Wir hätten sogar aufstocken können, doch es fehlt an Facharbeitern und Montagepersonal.“

Dabei habe er selbst seit 1992 an die 60 Metallbauer und Bürokaufleute ausgebildet, von denen einige noch in Unternehmen sind. Doch das Interesse an diesen Berufen sei stark zurückgegangen. Immerhin habe sich sein Sohn, 23, entschlossen, Maschinenbau zu studieren. Das Unternehmen habe damit eine sichere Perspektive, sagt Ludger Seggewiß: „Ein hartes Brot bleibt es aber auf jeden Fall. Manchmal weiß ich nicht, soll ich ihn bestärken – oder lieber schützen?“

Von Ekkehard Schulreich

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

In zahlreichen Schulen des Landkreises Leipzig wird am Dienstag nur eingeschränkt unterrichtet. Hintergrund ist die Forderung der Gewerkschaften GEW und Verdi nach höheren Löhnen.

11.02.2019

Die besten Vorleser des Landkreises Leipzig wurden beim Finale in Naunhof gekürt. Siegerin wurde Ayleen Hammer vom Internationalen Gymnasium Geithain. Auf den Rängen folgten Maya Gierich vom Freien Gymnasium Borsdorf und Matthias Kühn vom Grimmaer Gymnasium.

11.02.2019

Die Wahlen rücken näher. Jetzt ist im Frohburger Stadtgebiet endlich klar, wer wo wählen kann. Zwei Wahllokale werden aufgegeben, so lautet ein Kompromiss.

10.02.2019