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Steinbach buddeltete einst für den West-Empfang

Steinbach buddeltete einst für den West-Empfang

Am Neujahrsmorgen legt Axel Weiser den Schalter um, dann gibt es nicht mal mehr ein Testbild: Die Antennengemeinschaft Steinbach ist Geschichte. Bei ihrer Gründung vor knapp drei Jahrzehnten hatte sie Furore gemacht im Dorf.

Steinbach. Aus beinahe jedem Haus hatten sie zugepackt, um den Ort zu verkabeln und störungsfreies Westfernsehen in die Stuben zu holen. Die technischen Entwicklungen haben das Steinbacher Netz, obwohl digitalisiert, überholt. Viel müsste investiert werden, um es am Leben zu halten. Heutzutage gibt es preiswertere Lösungen - individuelle.

"Ein Wahnsinn, wie die Menschen geschachtet und gebuddelt haben." Horst Bobilow erinnert sich gern an 1986, das Jahr des Steinbacher Aufbruchs in Richtung West-Empfang. Bis dato hatte allenfalls das Oberdorf in Richtung Steinbach ein zuverlässiges Bild von Rudi Carell, Gerhard Löwenthal und Co. Im Unterdorf sah es dagegen duster aus, mussten sich viele mit den beiden Ost-Kanälen begnügen und waren wenig vergnügt dabei. Mehrere Familien, so in der Bergstraße und am Sportplatz, beschlossen, sich einen Mast für eine gut positionierte Antenne in den Garten zu setzen. Doch dann wurde größer gedacht: Warum denn mehrere, warum nicht einer für alle?

Die achtziger Jahre in der DDR waren die Zeit der Antennengemeinschaften. Im Frühjahr 1986 schlossen sich die Steinbacher zusammen, verkabelten das Dorf, schlossen 124 Haushalte an, setzten einen alten Gittermast auf der Höhe, installierten die nötige Technik. "Dass wir das alles so einbauen durften", Bobilow, der der Gemeinschaft die längste Zeit vorstand, wundert sich heute noch darüber. Den Strommast beschaffte man über das Energiekombinat. Entrostet und hergerichtet wurde er bei den Stahlbauern im Dorf. Mehrere Hundert Mark zahlte der Haushalt ein, um die Technik kaufen zu können. 30 schweißtreibende Arbeitsstunden pro Grundstück gehörten ebenso zum Grundkapital. Bobilow: "Viele haben die Stunden weit überschritten."

Zu jenen, die damals gruben, gehörte Axel Weiser, der gemeinsam mit Maik Lochmann die Antennengemeinschaft in jenen Jahren leitete, die nun ihre letzten sind. "Ich war damals zehn, aber ich habe schon mitgemacht", sagt Weiser, der damals in der Nähe der Windmühle zu Hause war. Die Mühe hatte ihren Lohn, der hieß ARD, ZDF, RTL und SAT 1. Der Preis darüber hinaus: 50 Mark im Jahr, nach der Wende 50 DM, 25 Euro, zuletzt - die Zahl der Angeschlossenen sank, die Kosten stiegen - 45 Euro. Inzwischen werden mehr als zwei Dutzend Programme eingespeist. 2006 wurde das System von analog auf digital umgestellt. Trotzdem ist am Jahresende Schluss, unwiderruflich.

"Die Anlage ist inzwischen alt, es gibt immer wieder Wehwehchen", sagt Axel Weiser. Noch einmal neue Kabel zu verlegen, das könne heute niemand mehr bezahlen. Und die Verstärker brächten keine HD-Qualität; sie zu erneuern, wäre immens teuer. "Im Sommer hat die Mehrheit deshalb beschlossen: Wir schalten ab", sagt er. Das Fernsehen lasse sich heute deutlich unkomplizierter und preiswerter ins Haus holen, mit einem Spiegel etwa: "Der Großteil hat schon umgestellt." Wenn Axel Weiser das Steinbacher Netz am Neujahrsmorgen abschaltet, wird ein Stück Kultur Geschichte. Antennengemeinschaften gibt es kaum noch auf den Dörfern. Die Realitäten haben sie überholt.

Immerhin: Der Steinbacher Mast, auf kommunalem Grund, bleibt. Er trägt jetzt Antennen für den schnellen Internetzugang. Ein regionales Unternehmen hat ihn übernommen. Kabel und Verteilerkästen im öffentlichen Raum wollen die Steinbacher im Frühjahr demontieren. Über fast drei Jahrzehnte, sagt Horst Bobilow, habe alles tadellos funktioniert. Nur einmal habe es einen Schlag ins Kontor gegeben, einen Blitzschlag, der eine Überspannung erzeugte: An die 40 Fernseher und 50 Telefone fielen ihr Anfang des Jahrtausends zum Opfer.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 29.12.2014
Ekkehard Schulreich

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