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Stolperschwelle in Kohren verlegt: Erinnern an SS-Lebensborn-Heim hat jetzt einen Ort

Gedenken Stolperschwelle in Kohren verlegt: Erinnern an SS-Lebensborn-Heim hat jetzt einen Ort

Mehrere Hundert Kinder, von den Nazis aus ihren Familien gerissen, aus anderen Ländern verschleppt, mussten Monate und Jahren im Kohren-Sahliser Lebensborn-Heim zubringen. An das, was hier zwischen 1941 und 1945 geschah, wurde Jahrzehnte offiziell nicht gerührt. Seit Montag aber gibt es einen Erinnerungsort.

Gunter Demnig und Schüler aus der Projektgruppe zur Geschichte des Lebensbornheimes.

Quelle: Jens Paul Taubert

Kohren-Sahlis. Vier Jahre eines Jahrtausends Kohrener Stadtgeschichte: Mit Blick auf das Schicksal mehrerer Hundert Kinder, die aus ihren Familien gerissen und hier in ein SS-Lebensborn-Heim gezwungen waren, wiegen diese vier Jahre schwer. An das, was zwischen 1941 und 1945 in jenem Komplex geschah, der heute dem Deutschen Roten Kreuz als Wohnstätte für Behinderte und als Altenheim dient, erinnern seit Montagnachmittag eine Erläuterungstafel auf dem Hof und eine Stolperschwelle vor dem Eingang. Über Jahrzehnte Beschwiegenes und Verdrängtes hat endlich einen Ort gefunden. Den Anstoß dazu gaben Heranwachsende. Sie fanden Verbündete.

Eine Tafel informiert nun über die Geschichte des Lebensbornheimes in Kohren-Sahlis, links neben der Tafel aus der Projektgruppe (v

Eine Tafel informiert nun über die Geschichte des Lebensbornheimes in Kohren-Sahlis, links neben der Tafel aus der Projektgruppe (v. l.): Leander Lätzsch, Carolin Steitmann und Antonia Wagner.

Quelle: Jens Paul Taubert

„Mein Mann hat sich gescheut, sich damit zu beschäftigen. Aber es hat ihn schon in seiner Persönlichkeit geprägt“, sagte Gerlinde Bartels aus Bielefeld über ihren Mann Hans-Jürgen, der vor zwei Jahren starb. Geboren 1944 in einem Lebensborn-Heim in Wernigerode wurde er noch als Baby nach Kohren-Sahlis verlegt. Nach der Zerschlagung des Dritten Reiches kam der Säugling bei Pflegeeltern in Alt-Deutzen unter, wo ihn sein Großvater schließlich fand und in die Familie zurück holte. Dass in Kohren-Sahlis jetzt ein Erinnerungsort geschaffen wurde; die 76-jährige Witwe entnahm es dem Internet und machte sich prompt auf die Reise.

Einen noch weiteren Weg nahm Ursula Wermli aus der Schweiz auf sich. Als Kind einer deutschen Jüdin und eines Schweizers wurde sie Himmlers Lebensborn-Verein übergeben; die Mutter durchlitt das Konzentrationslager Flossenbürg. „Sie hat nie über dieses Kapitel gesprochen. Erst nach ihrem Tod habe ich angefangen zu recherchieren. Deshalb bin ich heute hier.“

Aufklären, mit Mythen aufräumen, Menschen, die nach ihren Wurzeln suchen, Hilfe geben: So beschrieb Corinne Schulze Intentionen, die eine Gruppe Engagierter vor anderthalb Jahren zusammen brachte. Den Anstoß gab eine Facharbeit, die Antonia Wagner am Internationalen Gymnasium Geithain schrieb. Das Flexible Jugendmanagement entwickelte mit dem Gymnasium und der Frohburger Oberschule ein Forschungsprojekt. Der Text für die Informationstafel entstand, ebenso eine Homepage. Veranstaltungen fanden große Resonanz, zeigten, dass ein Nerv getroffen wurde.

„Die Lebensgeschichten berühren mich sehr. Geschichte darf nicht vergessen werden“, sagte Heidrun Naumann, Geschäftsführerin des DRK-Kreisverbandes Geithain. Deshalb habe man das Vorhaben unterstützt und Geld für die Informationstafel zur Verfügung gestellt. Die Stolperschwelle, die der Kölner Aktionskünstler und Stolperstein-Erfinder Gunter Demnig verlegte, wurde aus Spenden finanziert. „Dieser Gedenkort ist ganz wichtig für unsere Stadt“, sagte Bürgermeister Siegmund Mohaupt (CDU). Das Thema aufzuarbeiten, bezeuge Respekt gegenüber den Opfern. Landrat Henry Graichen (CDU) schlug mit Verweis auf die Verfassung den Bogen in die Gegenwart: „Es ist ein Signal aus der heutigen Gesellschaft, dass wir die Würde eines jeden Menschen als unantastbar betrachten.“

Das Lebensborn-Heim in Kohren-Sahlis

Der Lebensborn-Verein wurde Ende 1935 von Heinrich Himmler gegründet. Lebensborn-Heime und Entbindungsstationen dienten der nationalsozialistischen Bevölkerungs- und Rassenpolitik. Zentrales Anliegen war, die Geburtenrate von „arischen“ Kindern zu erhöhen.

Das Heim in Kohren-Sahlis erhielt den Namen „Sonnenwiese“. Die offizielle Eröffnung fand nach Umbaumaßnahmen im November 1942 statt, bereits zuvor war es mit Kindern belegt. Das Haus hatte eine Kapazität von 170 Plätzen. Im Durchschnitt waren um die 130 Kinder untergebracht, die meisten unter drei Jahren alt.

Das Heim „Sonnenwiese“ spielte auch bei der „Eindeutschung“ ausländischer Kinder aus Polen, Jugoslawien und Norwegen eine Rolle. Die meisten kamen aus Norwegen. Meist auf dem Luftweg wurden 1943/44 etwa 180 bis 200 Kinder von Oslo nach Deutschland gebracht, wovon nachweislich 150 nach Kohren-Sahlis kamen.

Doch auch anonym entbundene (uneheliche) Kinder waren im Heim untergebracht. Auch bei den Mädchen und Jungen aus Norwegen handelte es sich zum Teil um Kinder deutscher Soldaten, die mit Zustimmung der norwegischen Mütter und auf Druck ihrer Familien nach Deutschland geschickt wurden. Bei Kriegsende kam es, mit dem Einzug amerikanischer Truppen, zur Auflösung des Kinderheims „Sonnenwiese“.

Die Fakten stammen von der Seite www.lebensbornheim-sonnenwiese.tk

Von Ekkehard Schulreich

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