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Geithain Vor 20 Jahren: Bahnhofhäuschen fährt auf Tieflader in den Garten von Matthias Lehmann
Region Geithain Vor 20 Jahren: Bahnhofhäuschen fährt auf Tieflader in den Garten von Matthias Lehmann
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00:21 15.09.2017
Ein kleines, feines Museum: Fahrkartenverkäuferin Elvira hat an der Schreibmaschine zu tun, Eisenbahner Karl reicht Matthias Lehmann die Hand. Quelle: Jens Paul Taubert
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Lunzenau

Groß-Mützenau ist so groß wie ein Fußballfeld und liegt idyllisch an der Mulde. Stadtgründer und Bürgermeister Matthias Lehmann hat sich hier sein eigenes Reich geschaffen. Er versetzte einen Bahnhof und baute darin ein kleines Eisenbahnmuseum. Er ließ zudem Prellbock und Rangierlok in seinen Garten bringen. Er zimmerte zwei Koffer – das kleinste Hotel der Welt. Seine Kneipe mit Pfiff serviert Linsensuppe, Schnitzel und Bier. Und bei all dem Trubel ist er auch noch Fahrdienstleiter bei der Deutschen Bahn mit einer 40-Stundenwoche im Schichtdienst. Dieser erstaunliche Mann findet dennoch Musestunden. Dann schreibt er für seine Groß-Mützenauer mit Freude am „Mitteilungsblatt Lokpfogel“, das „pfüffig, pführend und pfolksverbunden“ sein soll oder kreiert in seinem Atelier eigene Kunst.

Matthias Lehmann hatte die verrückte Idee von einem eigenen Eisenbahnmuseum – besorgte sich Rangierlok, Bahnhofsgebäude und jede Menge Utensilien und verwirklichte sich den Traum.

Tauschpartner aus Bristol hatte Idee mit Eisenbahnermützen

Das alles sei eigentlich Zufall, meint der 59-Jährige. Nach der Schule wollte er wahnsinnig gern LKW-Fahrer werden und in die große, weite Welt, „was zu DDR-Zeit ja schon mal Quatsch war“. Förster hieß Berufswunsch Nummer 2, aber dazu waren seine Zensuren zu schlecht, „da blieb nur noch die Eisenbahn und da bin ich hängen geblieben“.

Schon als Kind sammelte er gern „alles Mögliche“, meist hatte es mit Regionalgeschichte zu tun. Ansichtskarten über die Eisenbahn und jede Menge alte Fahrkarten waren dabei. Noch vor der Wende tauschte er die mit einem Mann aus Bristol in England. Dieser Tauschpartner brachte ihn in den 1990er-Jahren auf die Idee mit Eisenbahnermützen, die er von nun an leidenschaftlich sammelte. Überhaupt wuchs sich die Sammelei mächtig aus. Im nahen Cossen veranstaltete er mit seinen Exponaten eine Ausstellung und kam dabei auf die Idee: „Mensch, ein eigenes Museum, das wäre was.“

Zwei Kräne hieven Bahnhofhäuschen auf Tieflader

Ein geeignetes Objekt fand er im acht Kilometer entfernten Bahnhofshäuschen von Obergräfenhain, das keiner brauchte, weil dort kein Zug mehr hielt. Am 20. September 1997 nahmen zwei Kräne das Holz-Gebäude an die Haken, die Konstruktion ächzte, dann schwebte das kleine Haus auf einen Tieflader. Zuvor hatten Matthias Lehmann und helfende Freunde die Dachziegel entfernt, so dass der „hohle Vogel“ leichter und zentimetergenau auf einen Tieflader gesetzt werden konnte. Begleitet von einer Polizei-Eskorte fuhr der Bahnhof von Obergräfenhain über Elsdorf nach Lunzenau. „Das war ein richtiges Volksfest“, erinnert sich der Cheforganisator. Oldtimer, Pferdefuhrwerk und viele Menschen begleiteten das fahrende Häuschen bis in seinen Garten.

Danach baute er mit Hilfe von Freunden, Verwandten und Vereinen Kneipe und Museum auf. „Das war alles heftig viel Arbeit und eine wilde Zeit“, sagt er heute. Entstanden ist eine Kneipe mit Pfiff. An der Decke hängen jede Menge seiner geliebten Eisenbahnermützen und auch Karikaturen von Künstlern aus ganz Europa, die in seinem Museum in den vergangenen zwanzig Jahren ausstellten. Sagenhafte 150 dieser kleinen, feinen Ausstellungen hat er schon in den Bahnhof geholt. Auf die Idee kam er durch den „Eulenspiegel“, den er zu DDR-Zeit unterm Ladentisch bekam. Die Karikaturen gefielen ihm besonders gut, bald besuchte er selbst Ausstellungen, lernte Künstler kennen. Dabei zeigt er in seinem Museum nur, was er selbst gut findet. Die Karikaturisten nehmen den originellen Lehmann auch mal als Modell. So zeichnete ihn einer vor dem Kölner Bahnhof und lässt ihn sagen: „Braucht ihr den Bahnhof noch?“

Vergnügliche Reise in Eisenbahn-Vergangenheit

Das Museum in den Farben der königlich-sächsischen Eisenbahn mit liebevoll restauriertem Bahnhofsschild ist winzig und ermöglicht dennoch eine vergnügliche Reise in die Vergangenheit. Die blonde Puppe, Fahrkartenverkäuferin Elvira in Uniform, hat an der Continentalschreibmaschine zu tun. Der Eisenbahner Karl, ebenfalls eine Puppe und selbstverständlich mit historischer Mütze, überwacht Pappkartendrucker, Bahnsteigkarten, Datumspresse, Lochzangen, Mitropa-Geschirr, alte Eisenbahnerlampen...

Viel Spaß machte ihm 2007 die Gründung von Groß Mützenau, wie er seine eigene Stadt nennt. Bewohner kann werden, wer einen Einbürgerungsantrag stellt. Dafür bekommt er einen richtigen Ausweis und auch den „Lokpfogel“, in dem Lehmann unter Pseudonymen über Gott und die Welt schreibt. In letzter Zeit wird er immer mal gefragt, ob das was mit den Reichsbürgern zu tun hat, wobei er – natürlich – sofort abwehrend die Hände hebt. Dieser Mann mit dem besonderen Blick auf die Welt, der gern und viel lacht und sich selbst nicht so ernst nimmt, ist von gänzlich anderem Kaliber.

Eine Nacht im Kofftel

„Danke für die aufregende Nacht im Koffer“ steht mit Bleistift an die Wand geschrieben. Das gilt im kleinsten Hotel der Welt nicht als Sachbeschädigung, sondern Notizen dieser Art sind ausdrücklich erwünscht. Doppelstockbett, Truhe, Konsalik-Roman, Quibble-Spiel, Toilette und Waschbecken plus ein Sternenhimmel an der Decke – das alles passt in diesen Koffer, den Erfinder Matthias Lehmann selbst gebaut und wofür er Aufmerksamkeit in aller Welt bekommt. Die Leute sind begeistert und buchen hier gern in der warmen Jahreszeit, heizen lässt sich im Koffer nicht. Gefrühstückt werden darf nach einer Dusche im Duschbeutel auf der „Brüllschen Terrasse“ mit Mitropa-Geschirr, der Blick auf die Mulde ist gratis. Die Idee kam so gut an, dass Lehmann noch einen zweiten Koffer baute. Auch hier sind die Wände schon voll geschrieben...

Matthias Lehmann schwimmt gern gegen den Strom: Zum Weihnachtsmarkt mit Gesängen und Klängen, Handwerk und Kulinarischem lädt er bereits am 16. September ab 11 Uhr ein. Es gibt Mützenzielwurf mit großer Siegerehrung. Adresse: Zum Prellbock, Burgstädter Straße 1 in Lunzenau, Tel. 037383/6410, Email info@prellbock-bahnart.de, Internet www.prellbock-bahnart.de.
Öffnungszeiten des Museums: Donnerstag bis Montag ab 11.30 Uhr, Dienstag und Mittwoch Ruhetag. Für Gruppen auch außerhalb der Öffnungszeiten möglich.
Ausstellungen: Bis 25.9. ist noch zu sehen „Kann man davon leben?“, Cartoons von Michael Schilling und Jan Blum/ Düsseldorf & London. Die neue Ausstellung „Keine Ahnung!“, Cartoons von Matthias Kiefel / Berlin, wird am 30.9. um 19 Uhr eröffnet.

Von Claudia Carell

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