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Weltkriegs-Zeitzeugin in der Oberschule: "Schrecklich, wenn Todesnachricht kam"

Weltkriegs-Zeitzeugin in der Oberschule: "Schrecklich, wenn Todesnachricht kam"

Geschichte lässt sich nachlesen in dicken Büchern - oder selbst erforschen. Bad Lausicker Oberschüler haben sich für die anstrengende Variante entschieden. Sie recherchieren das Schicksal der jüdischen Familie Hirsch aus ihrer Heimatstadt.

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Zeitzeugin Irene Fürst erinnert sich vor Schülern an die 30er- und 40er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts - ernst und heiter.

Quelle: Jens Paul Taubert

Historie, die vor der eigenen Haustür stattgefunden hat und die kaum bekannt ist. Zum Projekt gehört auch ein Zeitzeugengespräch. Die 85-jährige Irene Fürst, groß geworden in Wyhra bei Borna, später nach Bad Lausick gezogen, war gestern zu Gast in der Klasse 10a und erzählte, wie es früher so war.

Die Seniorin ist eine fröhliche, fidele Dame. Viel hat sie in all den Jahrzehnten erlebt, lange Zeit hart in der Landwirtschaft gearbeitet. Selbst wenn sie von den dunklen Jahren sprach, blitzte immer wieder der Schalk in ihren Augen, berichtete sie auch von den kleinen lustigen Dingen, vom Alltäglichen. Zum Beispiel wie der Herr Lehrer gern und regelmäßig ihre Familie besuchte - weil ihre Mutter so wunderbaren Heidelbeerkuchen backen konnte. Zur Erinnerung an jene Zeit gehört aber auch, dass sie als Schülerin auf der Karte zeigen musste, wo gerade die Front verlief. "Dort sollten wir Fähnchen hin stecken. Da war ich immer eine Wut, das wollte ich nicht", sagte sie. Sieben ihrer Cousins fielen im Zweiten Weltkrieg. Es sei "schrecklich" gewesen, wenn der Gemeindebedienstete zu den Familien ging und den Tod der Söhne mitteilte.

Vom Schicksal jüdischer Bewohner habe sie kaum etwas mitbekommen. Doch ein Ereignis traf die Familie hart. Ihr Schwiegervater hatte in seinem Geschäft heimlich Juden beschäftigt. Dies meldete jemand - der Schwiegervater kam ins KZ Sachsenhausen.

"Es ist spannend zu erfahren, wie das damals alles so war", sagte der 16-jährige Christoph Gentsch. Ihn interessiere es, Zeitzeugen zuzuhören und sich mit dem Schicksal der Familie Hirsch zu befassen, mehr herauszufinden, als bisher bekannt ist. "Das steht in keinem Buch, da taucht man ganz anders in Geschichte ein." Die Recherche bringe immer neue Erkenntnisse, "zum Beispiel waren wir am Anfang von drei oder vier Familienangehörigen ausgegangen - jetzt sind es bereits sieben."

In der Else-Hirsch-Straße im Kurviertel ist der Name der Familie präsent. Elses Vater Siegmund wurde im Ghetto Theresienstadt ermordet, sie selbst und ihre Schwestern Sophie und Johanna Charlotte in Belzyce und Auschwitz. Deren Kindern gelang die Flucht nach Indien, Schottland und Palästina. Die Schüler fanden auch die Emigrationsadressen heraus. Anfang Oktober fahren sie ins Sächsische Staatsarchiv, besuchen einen jüdischen Friedhof oder schauen sich eine Synagoge an.

Per Faltblatt sollen die wichtigsten Recherche-Ergebnisse publiziert und Geld für sieben Stolpersteine eingeworben werden. Geplant ist, einen Stein für jeden Angehörigen der Familie Hirsch im Frühjahr nächsten Jahres vorm ehemaligen Wohnhaus Straße der Einheit 40 zu verlegen, sagte Henry Lewkowitz vom Leipziger Verein Erich-Zeigner-Haus, der das Projekt betreut. Der Verein engagiert sich vielfältig, will das Vermächtnis Erich Zeigners, gelebte Zivilcourage, in der Gegenwart umsetzen.

Selten, dass eine ganze Klasse sich für solch ein Projekt entscheidet. Bei der 10a der Bad Lausicker Oberschule ist das der Fall. "Die Schüler beschäftigen sich intensiv mit dem Thema, kratzen nicht nur an der Oberfläche", sagte ihre Geschichtslehrerin Anke Schneider.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 18.09.2015

Claudia Carell

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