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Wickershainer kämpfen mit Folgen des Hochwassers

Wickershainer kämpfen mit Folgen des Hochwassers

Weit entfernt von Normalität verläuft das Leben für zahlreiche Opfer des Hochwassers in der Region, viele Wickershainer hat die Flut vom 8. Juni hart getroffen.

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Peter Arp (M.), Moderator des österreichischen Energiefernsehens interviewt in Wickershain Bert Fichtner, der Laurenz (3) auf dem Arm hat.

Quelle: Inge Engelhardt

Wickershain. Am wichtigsten ist zunächst, dass die Feuchtigkeit aus den Häusern kommt. Überraschende Hilfe kam dafür jetzt aus Österreich.

 

 

Bert Fichtner betreibt in Wickershain eine Pension mit Landgasthof sowie Landwirtschaft, seine Frau Ivonne ist berufstätig. Das Paar hat drei Kinder, Laurenz, der Jüngste, ist drei. Nun steht die Familie plötzlich vor der Aufgabe, das Haus von Ivonne Fichtners Eltern nach der Flut vom 8. Juni so schnell wie möglich wieder bewohnbar zu machen.

 

 

Erst letztes Jahr waren Karin und Klaus Reimann direkt gegenüber von Fichtners eingezogen, das Paar, 74 und 69 Jahre alt, hatte das Haus gekauft, das für sie dann umfangreich saniert wurde. Nachdem Klaus Reimann im Dezember einen Schlaganfall erlitten hatte, baute der Schwiegersohn ihnen im Januar alles rollstuhlgerecht um. Nun sind Reimanns übergangsweise im betreuten Wohnen des fast benachbarten Pflegedienstes Thane untergebracht, Fichters sind froh darüber - doch die Fragen der beiden, wann sie denn zurück können, tun ihnen weh.

 

 

Das einst gemütliche Heim besteht derzeit nur aus nackten Wänden und Fußböden. Lediglich in der Küche hängen an der Dampfabzugshaube noch zwei umhäkelte Topflappen. Bert Fichtner holt den Zollstock: Einen Stand von 1,45 Meter hatte das Schlammwasser hier erreicht. Höchststand im Haus waren 1,57 Meter und das innerhalb einer Dreiviertelstunde - im Garten, noch etwas tiefer gelegen, waren es 2,20 Meter. "Es war der Wahnsinn", sagt der 42-Jährige. Alles war einen Zentimeter hoch mit Schlamm bedeckt, als das Wasser zurückgegangen war. "Ohne die vielen, vielen Helfer wäre das überhaupt nicht zu schaffen gewesen. Herzlichen Dank", sagt Ivonne Fichtner. Die seien teilweise einfach mit Gummistiefeln und Schubkarre durchs Dorf gelaufen und fragten, wo Unterstützung nötig ist. Viel Hilfe kam auch von der Kirche.

 

 

"Am wichtigsten ist, dass die Eltern so schnell wie möglich wieder rein können", sagt die 36-Jährige. Wie das finanziell gehen soll, wissen Fichtners noch nicht, eine Elementarversicherung für das Haus gibt es nicht. Die Wickershainerin hat alle Soforthilfen für ihre Eltern beantragt, weiß noch nicht, welches Geld wirklich fließen wird.

Unerwartete Hilfe konnte Lutz Krumbholz organisieren, der Wickershainer ist Bezirksschornsteinfegermeister und hat vermittelt, dass ein namhafter Heizungshersteller Reimanns eine neue Heizung sponsert. Darüber hinaus erfuhr Krumbholz per E-Mail von einer Spendenaktion des österreichischen Online-TV-Magazins "Energiefernsehen", das sich mit Bauen, Renovieren und alternative Heizformen befasst. "Es geht darum, dass die Leute warmes Wasser, Heizung, wieder eine Perspektive haben", sagt Krumbholz. Er hatte den österreichischen Fernsehmachern die Lage in Wickershain geschildert, woraufhin diese Spenden von Firmen aus der Branche zusagten. Ein Filmteam mit Moderator Peter Arp, Kameramann Roland Hofer und Assistent Sebastian Baumann war diese Woche vor Ort, besuchte Betroffene und hielt die Lage vor Ort mit der Kamera fest. Sie wollen so zu weiteren Spenden aufrufen, Aufnahmen sind ab sofort online.

 

 

Noch viele Menschen könnten Hilfe brauchen, betont Lutz Krumbholz, auch in Narsdorf oder Frohburg. Der Wickershainer Landwirtschaftsbetrieb Landwehr stellt vorübergehend seine Halle als Zwischenlager zur Verfügung.

"Gut, dass sich die Leute aus Österreich für unsere Situation interessieren", findet Bert Fichtner. Für das Haus der Schwiegereltern gibt es einen großen Holzofen, um es trocken zu kriegen. Als Baumann in Österreich aufbrach, stellte er sich vor, in Wickershain sei ein großer Fluss über die Ufer getreten. "So ein kleiner Bach", wunderte er sich nun über die Zerstörung, die von der winzigen Eula verursacht wurde.

 

 

Bierbaums hatten zuvor noch nie Wasser im Haus gehabt und sie wohnen schon Jahrzehnte in Wickershain, waren auch 2002 verschont geblieben. Von allen Seiten sei es zum Haus geströmt an jenem Sonnabendnachmitttag, erzählt Wolfgang Bierbaum. "Der Klo-Deckel ging auf und das Wasser kam rausgeschossen", so der 56-Jährige. Mit seiner Frau Ines, der Tochter und der kleinen Enkelin rettete er sich ins obere Geschoss, wo sich die Schlafstube des kleinen Hauses befindet. Die Zweijährige hat geschrien vor Angst.

 

 

Über einen Meter hat das Wasser unten in der Stube gestanden, sie ist nun leer und unbewohnbar mit ihren nassen Wänden. Was bleibt ist die Schlafstube, hoffentlich das Bad. Die Küche schimmelt. "Hoffentlich wird das irgendwie, aber das ist so viel Arbeit und kostet so viel Geld", sagt Wolfgang Bierbaum. 2000 Euro musste er hinlegen, damit sein Auto wieder anspringt, der Wagen seiner Frau ist Schrott. Eine Elementarversicherung hat die Familie nicht bekommen, weil Wickershain hochwassergefährdet ist.

 

 

Ines Bierbaum erzählt, dass das Rote Kreuz letzte Woche Eimer Wischlappen, Desinfektionsmittel, Küchenrollen und Toilettenpapier verteilt hat. "Das hilft mit", sagt die 50-Jährige. Handwerker könnten im Haus erst etwas machen, wenn alles trocken ist. Das wird nun schneller gehen, denn Bierbaums bekommen über die Aktion der Österreicher einen Außenschornstein und einen Kaminofen, damit sie ihr Haus mit relativ preisgünstigen Brennstoffen schneller trocken heizen können. Ihre Gastherme schafft es nicht.

 

 

Regelmäßig mit Wasser zu kämpfen hat Familie Gerlach, die Landwirtschaft im Nebenerwerb betreibt. Wenn es bei stärkerem Regen durch die Schleusen hochkommt, wird gepumpt. Das machte Dirk Gerlach auch am 8. Juni, doch als das Schlammwasser schließlich durch die Kellerfenster hineinlief, gab er auf, rettete sich aus dem Heizungsraum. "Das war nicht mehr beherrschbar", so der 41-Jährige. Die komplett überflutete Heizung ist hin. "Das Wasser kam mit so einer Geschwindigkeit, man konnte gar nicht groß nachdenken", erzählt der Wickershainer. Er sei immer nur rumgerannt, habe hier noch was weggeschafft, dort angefasst. Waschmaschine und Trockner haben Gerlachs schnell noch hochgestellt, die Autos gerettet.

 

 

Von drei Seiten lief das Wasser in das Bauerngut, der Hof war ein einziger See, der Sandkasten der vierjährigen Zwillinge kam vorbeigeschwommen. Waschraum und alle Nebengelasse standen unter Schlammwasser. Auf der Koppel für die sechs Pferde wurde der Sand weg gespült, Steine lagen obenauf. Am Flutwochenende haben Gerlachs mit vielen Helfern fast ununterbrochen gearbeitet, jetzt geht es die ganze Woche nach Feierabend weiter. Alle Nebengebäude sind vom Schlamm zu reinigen, seit dem Wochenende ist die Sandkoppel wieder hergerichtet. Zwei Wochen konnten die Zwillinge nicht in ihren geliebten Sandkasten, nun hat Dirk Gerlach ihn sauber gemacht, und Opa Reinhard Uhlig, zur Hilfe extra aus Torgau gekommen, reinigte sämtliches Sandspielzeug.

 

 

Die Heizung kommt auf keinen Fall wieder in den Keller, das steht für Gerlachs fest. Sie bekommen über die Spendenaktion des "Energiefernsehens" einen Außenschornstein und einen Heizkessel für Brennstoffe wie Kohle und Holz. Ergänzend wollen sie Gas nutzen, hätten das schon lange gemacht und wären so vor dem Verlust bewahrt geblieben, denn die Gastherme hätte nicht im Keller gestanden. Doch Mitgas habe einst versichert, dass nie eine Gasleitung nach Wickershain kommt, jetzt führt diese unmittelbar am Haus vorbei.

 

 

Beim Hochwasser 1970 soll es in Wickershain ähnlich gewesen sein, aber bei weitem nicht so schlimm, sagen Gerlachs. Das Gewitter Donnerstagabend ist hier glimpflich abgegangen. Doch solch dunkle Wolken machen jetzt vielen Wickershainern Angst.

 

 

Das österreichische Energiefernsehen ist ausschließlich im Internet zu finden, Filmsequenzen über Wickershain stehen dort ab sofort online (www.energiefernsehen.de).

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 22.06.2013

Inge Engelhardt

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