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Wiederbelebte Romane in Geithains Stadtbibliothek zu sehen

Ausstellung bis Mitte November Wiederbelebte Romane in Geithains Stadtbibliothek zu sehen

Die neue Ausstellung in der Geithainer Stadtbibliothek verbindet Gegensätzlich-Verwandtes und zwei sehr verschiedene künstlerische Handschriften. Bei Tabea Heinicker sind es Papiere, Formen, Farben. P. Bocks Schaffenshaltung ist eher eine sinnierend-gebückte, indem er Dinge aufhebt und in neue Zusammenhänge setzt.

Tabea Heinicker (li.) und P. Bock im Gespräch mit Bibliothekarin Ramona Kratz (re.).

Quelle: Andreas Döring

Geithain. „Bücherwesen“ und fabelhafte Fundsachen: Die neue Ausstellung in der Geithainer Stadtbibliothek vereint mit Arbeiten von Tabea Heinicker und dem mit P. Bock signierenden Matthias Lehmann zwei Handschriften und Weltsichten, die so verschieden sind, dass sie sich ergänzen. Die 1974 geborene Grafikdesignerin und Schriftgestalterin nimmt Seiten allenfalls vor Jahrzehnten gelesener Bücher als Grundlage für Bildfantasien. Der sich hinter dem Künstlernamen kaum verbergende Bahn-Enthusiast, Museumsbetreiber und Visionär greift zurück auf Dinge am Wege, die andere kaum eines Blickes würdigen, in denen er aber Markantes, Verblüffendes zu erkennen weiß.

Papiere, Stifte, Farben sind für Tabea Heinicker, in Iserlohn aufgewachsen, in Geringswalde heimisch (Wahl-Sächsin, keine Beute-Sächsin, stellte sie klar), seit jeher Mittel der Kommunikation: um etwas auszudrücken, etwas sichtbar zu machen, das sich „im Kämmerlein“ vollzieht, nicht auf offener Bühne, nicht in grellem Licht. Dabei weiß sie, die in Weimar Typografie und künstlerische Drucktechniken studierte, sehr wohl, dass sie einem archaischen Handwerk wie Vergnügen anhängt. Einer Kunst, die von einer Vielgestaltigkeit ist, die die Geithainer Schau trotz ihrer räumlich bedingten Begrenztheit durchaus vor Augen führt: Monotypien, also Schablonendrucke, sind da zu sehen (Titel „Leichte Kost“, Blätter von spielerischer Leichtigkeit), aber auch Fotografien und Tuschebilder auf Aquarellpapier: Lesemäuse, die Heinicker seit ihrem Studium in wechselnden Zusammenhängen begleiten. Und Tuschezeichnungen, die vor Äonen Gedrucktes wiederbeleben. Zur Vernissage gab Heinicker den Löns-Roman „Dahinten in der Haide“ herum, ein gebundenes Werk, nicht lesbar mehr, aber in erfrischender Anmutung.

Aus anderem, aus Holz geschnitzt ist da P. Bock, und dieses Material findet sich in der Geithainer Schau immer wieder. Etwa als tragende Basis für seine Objekte: Die Sockel sind Originalpflaster des kleinen Obergräfenhainer Bahnhofsgebäudes, das er vor knapp zwei Jahrzehnten per Tieflader nach Lunzenau holte, zum Museum machte und das zwei Mulde-Hochwasser verwüsteten. Nach dem zweiten blieb ein Teil des Pflasters eine Zeit lang unauffindbar: Nun hat es eine künstlerische Verwendung. „Im Klee“ heißt eines der Objekte mit grün getönten, handgeschmiedeten Nägeln und einem rostigen Metall in Ziegenbock-Form – deponiert im Schaufenster der Bücherei, als Neugier weckende Einladung neben „Buddelschipp“ im Glasballon und „Plattenstar vs. Ohrwurm“.

Fantasie, unkonventioneller Blick und Humor sind die Schlüssel zu P. Bocks Kunstwelten. „Bei mir hat alles zwei, drei, vier Leben“, bekannte er im Galeriegespräch mit Ausstellungsmacherin Ramona Kratz – und „jedes Objekt hat seine Geschichte, es hat mich förmlich angeschrien“. Durch Form etwa, wie jenes Stück Wurzelstubben, dass er auf einer Wanderung während einer Kur entdeckte und für dessen Bergung er in der Reha-Klinik eine Axt auftreiben musste. Wie das gelang, so dass der „Schrei – nach M.“ entstehen konnte, war zur Vernissage vergnüglich zu hören – wobei es dem Betrachter anheim gestellt ist, ob „nach M.“ tatsächlich Edvard Munch meint oder doch Maritta, die Gattin des Künstlers.

Der letzte Schrei – und emotional wie politisch höchst aufgeladen an diesem 11. September, 15 Jahre nach der mörderischen Zerstörung der Türme des World Trade Centers – war P. Bocks Welturaufführung seines „Requiems für N. Y.“, sparsam und sorgfältig instrumentiert mit Spieluhr, Kinderakkordeon, Trillerpfeife und einer dickbauchig-klingenden Plaste-Stehauf-Figur aus sowjetischer Produktion, die einst in vielen Kinderzimmern zu Hause war.

Dass P. Bocks Beitrag zur Doppelausstellung mit „Außer Rand und Band“ überschrieben ist, leuchtet ein. Und lädt ein, auch ohne Begleitmusik. Seine Objekte und Tabea Heinickers Blätter sind in der Stadtbibliothek bis 16. November zu sehen. Und: Sie haben ihren Preis, denn sie sind käuflich. Im Frühjahr 2017 kehrt dann P. Bock nach Geithain zurück: mit seinem ersten Lyrikband unter dem Pseudonym Ludhardt M. Nebel, bekannter schon als Dichter Nebel.

Von Ekkehard Schulreich

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