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Wo die Weihnachtspakete ankamen

Wo die Weihnachtspakete ankamen

Zig Jahre war das Bauernhaus Nummer 20 Breitenborns Fenster zur Welt: Herta Voigt betreute die Poststelle des Dorfes. Pakete und Briefe trafen hier ein, und sie gingen von hier auf die Reise.

Christine und Karl Hammer vor ihrem neu gebauten Haus. Die "20" zog mit um.

Quelle: Jens Paul Taubert

Breitenborn. Tochter und Schwiegersohn ersetzten das Haus durch einen Neubau. Die Nummer zog mit um.

Als Herta Voigt sich 1980 zur Ruhe setzte, zog die Filale um. Jetzt, nach ihrem Tod, bauten Christine und Karl Hammer, die mit ihrer Familie unter demselben Dach wohnten, auf dem Grundstück noch einmal neu. Die Erinnerung an die Weihnachtszeit vergangener Jahrzehnte bleibt lebendig. „Selbst am 24. Dezember ist meine Mutter noch losgezogen, um Pakete zu verteilen. Meist mit dem Schlitten, denn Schnee hatten wir damals immer genug“, erinnert sich Christine Hammer an ihre Breitenborner Kindheit. Die heute 65-Jährige wuchs in der damaligen Poststelle, in der Breitenborner Straße 20, auf. Ihre Mutter Herta Voigt wickelte viele Jahre in ihrer guten Stube den Post- und Telefonverkehr für das Dorf ab. „In der DDR waren die Wochen vor dem Weihnachtsfest prägt durch die duftenden Pakete, die von West nach Ost gingen“, weiß Hammer noch heute. Allerdings trat sie nicht in die Fußstapfen ihrer Mutter: „Statt dessen war ich mein Leben lang die Breitenborner Dorfkindergärtnerin.“ Kindergarten und Poststelle sind längst Geschichte, doch immer wieder für Geschichten gut.

Mehr noch als das Geschichtenerzählen bestimmt bei Hammers das Singen die Vorweihnachtszeit – durchaus auch in erzgebirgischer Mundart, denn Karl Hammer, der bis zur Rente als Lehrausbilder arbeitete, die meiste Zeit im Kraftwerk in Thierbach, stammt aus dem Erzgebirgsvorland. Er fühlt sich den alten Traditionen des Gebirges noch immer ein bisschen verpflichtet. Dazu gehört, geschnitzte Figuren ins Fenster zu stellen: für jeden Sohn einen Bergmann, für jede Tochter einen Engel. Seine Mutter, sagt der 70-Jährige, habe das Brauchtum hochgehalten. Am Heiligabend kamen Linsen und Bratwurst, Kartoffelsalat und Wiener auf den Tisch. Und in der Stube stand eine selbst geschlagene Fichte. „Als es später nur Kiefern gab, war das natürlich ein Stilbruch“, lacht er. Weniger zu lachen zumute war dem Knaben, wenn der Weihnachtsmann zur Tür hereinschneite: „Der hatte eine Maske vor dem Gesicht, die war furchterregend.“ Und musste er auch mal die Rute zur Anwendung bringen? „Durchaus.“

Prägend für das Mädchen Christine war, dass der Nikolaus es höchstpersönlich aufsuchte, als einziges Kind in Breitenborn. Das geschah zwar erst am Abend des 6. Dezembers, doch Christine neidete ihren Klassenkameraden nicht die kleinen Aufmerksamkeiten, die jene schon am Morgen in ihren Schuhen vorgefunden hatten. „Nachmittags habe ich aber dem Nikolaus entgegengefiebert“, erinnert sie sich; weil die Breitenborner Schule nur ein Klassenzimmer hatte, fand der Unterricht für die Jüngeren nachmittags statt. Später schlüpfte sie für viele Jahre selbst zu den Schulweihnachtsfeiern in die rote Robe. Für die Bescherung zu Hause wurde indes immer jemand aus dem Bekanntenkreis engagiert.

Seit Jahrzehnten leben Hammers unter dem Dach der Hausnummer 20. Doch ist die ein paar Meter gewandert, denn nach dem Tod von Herta Voigt hat das Paar neben dem alten Haus, das sich seit Jahrzehnten in Familienbesitz befindet, neu gebaut. In der neuen 20 – die Nummer einfach „mitnehmen“ zu wollen, war ein bürokratischer Kraftakt – steht an diesem Wochenende zum zweiten Mal der Lichterbaum, um den sich drei Generationen versammeln. Ausnahmsweise schon am vierten Advent wird in diesem Jahr bei Hammers mit der Familie groß gefeiert. Und bestimmt wird wieder von vergangenen Zeiten erzählt, da Breitenborn zum Weihnachtsfest unter einer dicken Schneedecke lag.

Nicht abreißen lassen Hammers ihre freundschaftlichen Verbindungen nach Langenleuba-Oberhain: Seit Mitte der sechziger Jahre lädt sie die Familie eines Arbeitskollegen am zweiten Weihnachtsfeiertag ein: „Von dieser Tradition wollen wir nicht lassen. Schließlich sind wir zusammen alt geworden.“

Ekkehard Schulreich

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