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Geithain Zeitzeugin erzählt Grundschülern, wie sie als Elfjährige das Kriegsende erlebte
Region Geithain Zeitzeugin erzählt Grundschülern, wie sie als Elfjährige das Kriegsende erlebte
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13:35 30.03.2011
Am Ende des Projektes entstanden Bilder und Texte, mit denen die Viertklässler das Gehörte reflektierten. Quelle: Guenther Hunger
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Bad Lausick

Franziska Schön, die im Sommer ihre Ausbildung zur Grundschullehrerin abschließt, hat in Barbara Maaß eine solche Zeitzeugin gefunden. Für die Klasse 4a ein nachhaltiges Erlebnis.

Sandy gehörte zu jenen, die Barbara Maaß die Hand drückten und danke sagten, als die Klassenkameraden das Wohnzimmer der 77-Jährigen bereits verließen, innerlich zurückkehrten in ihren Alltag. „Von meiner Oma weiß ich einiges über diese Zeit", sagte Sandy: „Es war gut, dass sich Frau Maaß Zeit genommen hat für uns." Für eine Dreiviertelstunde wurde das Wohnzimmer der Bad Lausickerin zum Unterrichtsraum. Dicht gedrängt saßen die Mädchen und Jungen der Klasse 4a auf Stühlen, Hockern, dem breiten Sofa. „Ich war elf, als der Krieg zu Ende ging", erzählte Maaß: Und als die Flucht aus Niederschlesien begann, die sie nach Thüringen und schließlich nach Greifenhain führte. Den überfüllten Dresdner Hauptbahnhof verließ sie mit ihrer Mutter kurz vor dem verheerenden Bombenangriff, der die Stadt zerstörte. Der Heranwachsenden, die alles zurückließ, wurde plötzlich klar: „Du kannst nie wieder heim. Da habe ich geheult. Mutter sagte: Aber Du lebst! Dass das zählt, habe ich schließlich begriffen."

Aufmerksame, fast atemlose Stille im Raum, als Barbara Maaß um für Kinder schwer fassbare Jahrzehnte zurückgriff, vom Schlafen im Stroh, von Sandalen bei Schnee, von der Schokolade US-amerikanischer Soldaten sprach. Und das große Kuchenbrett zeigte, dass Hulda, die Großmutter, kopflos mitnahm auf die überhastete Flucht aus der Heimat; das Brett, das ihre Enkelin heute noch nutzt, wenn sie Plätzchen bäckt.

„Wie viel Essen hatten Sie denn im Krieg?", wollte Luise wissen. Da sie in Greifenhain bei Bauern untergekommen seien, hätten sie es besser gehabt als die Großstädter, die zum „Hamstern" aufs Land kamen, sagte Maaß. „Mussten Sie auf dem Bauernhof mit arbeiten?", fragte Sophia. Die Kinder hätten sich mit den Bauern gut verstanden, sagte die alte Frau; Rüben verziehen und Beeren pflücken sei oft ihre Sache gewesen. „Was haben Sie auf der Flucht mitgenommen?", interessierte Lena. Leibwäsche, Pullover, Wertsachen, kein Spielzeug. Und wie fühlte sich eine Elfjährige in diesem Frühjahr 1945, das versuchte sich Marlene vorzustellen. „Um meine Puppen habe ich geheult", meinte Maaß: „Aber es gab immer wieder auch schöne Momente, wo wir mal Kind sein durften."

„Das ist für mich eine Riesen-Aufregung", bekannte Barbar

a Maaß, die als Lehrerin in Jena, der Altmark und seit Ende der sechziger Jahre in Bad Lausick arbeitete. Nachfolgenden Generationen zu sagen, was war, hält sie für unverzichtbar. Ein guter Grund, sich auf die Bitte von Franziska Schön einzulassen. Die 27-Jährige, die aus Bad Lausick stammt und die im Sommer ihrer Lehrer-Studium abschließt, entschied sich, mit ihrer Bad Lausicker Praktikumsklasse das so facettenreiche wie komplizierte Thema des Zweiten Weltkriegs zu behandeln. Gemeinsam mit den Mädchen und Jungen gestaltete sie ein Projekt. Zu ihm gehörte nicht nur die Befragung von Maaß, sondern der Eltern und Großeltern, die Recherche im Internet und in Büchern. Die Ergebnisse stellten sie zum Tag der offenen Tür am Sonnabend vor.

„Dass die Kinder so aufgeschlossen sind, hätte ich nicht erwartet", sagte Schön, froh darüber, auch bei Klassenlehrerin Sabine Trautner, der Schulleitung und bei vielen Eltern auf offene Ohren gestoßen zu sein. Denn Krieg sei mehr als ein Thema von gestern, sagt sie: „Im Fernsehen werden die Kinder täglich mit Krieg konfrontiert. Es fällt ihnen oft schwer, das Gesehene einzuordnen und zu begreifen." Die Dreiviertelstunde mit Barbara Maaß wird vielen von ihnen lange im Gedächtnis bleiben.

Ekkehard Schulreich

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