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Zwei Ausstellungen: Rolf Münzner zeigt in Geithain Grafik und Illustration

Ab April Zwei Ausstellungen: Rolf Münzner zeigt in Geithain Grafik und Illustration

Einblicke in ein knappes halbes Schaffensjahrhundert bieten zwei Ausstellungen, die Geithain dem Zeichner, Grafiker, Buchkünstler Rolf Münzner widmet: Der Künstler, fast ebenso lange in Geithain ansässig, wurde zu Jahresbeginn 75. Das Heimatmuseum stellt Buchkunst aus, während die Stadtbibliothek grafische Blätter zeigt.

Rolf Münzner sichtet Blätter, die für ihn symptomatisch für jedes Schaffens- und Lebensjahrzehnt sind.

Quelle: Jens Paul Taubert

Geithain. Die gleich zwei Ausstellungen, die Rolf Münzner ab April in seiner Wahlheimat Geithain zeigt, reichen in Fülle und Tiefe mitnichten heran an jene eine Schau, die die Universität Leipzig dem Grafiker, Steindrucker und Zeichner im vergangenen Jahr widmete und die so etwas wie ein vorgezogenes Geschenk zum 75. Geburtstag des Künstlers war. Der Anspruch, den das Geithainer Heimatmuseum und die Stadtbibliothek erheben, ist ein anderer: Sie wollen den Mann, der hier seit fast fünf Jahrzehnten sein Atelier hat, dessen Lebenswerk hier entstand, wieder einmal und konzentriert ins Bewusstsein der Bürgerschaft holen.

Rolf Münzner mit „Die fliegenden Druckpressen über Leipzig“

Rolf Münzner mit „Die fliegenden Druckpressen über Leipzig“.

Quelle: Jens Paul Taubert

Die intimen Räume des Museums bieten sich an für eine Kabinett-Ausstellung, die ab 1. April von Rolf Münzner ausgestattete Bücher, einige Einblatt-Drucke und wenige Grafiken umfasst. Mit zwei Dutzend Druckgrafiken aus knapp einem halben Schaffensjahrhundert – aus einem Konvolut von 400 Motiven – folgt am 9. April die Bücherei. Diese Schau wird mit dem obligatorischen Künstlergespräch eröffnet.

Die „Fliegenden Druckerpressen“ über der Leipziger Stadtlandschaft, ein Steindruck von 1973, schlagen in der Bibliothek einen Bogen bis zur „Großen Raupe“, ein Blatt, das erst vor wenigen Wochen für eine bibliophile Mappe entstand, die der Freundeskreis des Botanischen Gartens Leipzig herausgibt. Zwischen beiden liegen Zeiten, Umbrüche, liegen künstlerische Entwicklung und eine Kontinuität, Welt zu sehen, auf sie zu und in sie einzugreifen. Einen „absoluten Magier des Schwarzweiß“ hat der Freund Dieter Gleisberg, viele Jahre Direktor des Museums der bildenden Künste, ihn genannt, „einen Schwarzkünstler, der oft genug zum Schwarzseher mutiert“, dem aber Zeichnung und Druckgrafik Mittel sind, diese Bedrückungen in Kraft zu transformieren, in den immer neuen, immer frischen Versuch, zu be- und zu widerstehen.

Die „Fliegenden Druckerpressen“ schuf Münzner – geboren in Geringswalde, 1962 bis 1967 Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst bei Gerhard Kurt Müller – für die neben dem offiziellen Kunstbetrieb etablierte Grafikbörse, zu deren Gründern er 1972 zählte. Die Pressen stehen für ein Handwerk, das einst die Gesellschaft revolutionierte, und für Mechaniken, die für Münzner von dauerndem Reiz sind und die immer wieder in seinen Arbeiten als Symbol für Weltgetriebe ihren Niederschlag finden. In der Stadtbibliothek gibt es – wie sollte anders es sein – ein Wiedersehen mit Literaturen, die Münzner prägten und die immer wieder aufscheinen: Bulgakows „Meister und Margerita“, der Simplizissimus, Goethes „Neue Melusine“ – und Johannes von Saaz „Ackermann und der Tod“, dem – auch biografiebedingten – Dauerthema.

Dass auch Neuerscheinungen Münzner zu Auseinandersetzung herausfordern, zeigt ein bibliophiles Buch zu „Mein Vaterland war ein Apfelkern“ von Literaturnobelpreis-Trägerin Herta Müller.

Rolf Münzner mit dem bibliophilen  Buch zum Text von Herta Müller

Rolf Münzner mit dem bibliophilen Buch zum Text von Herta Müller.

Quelle: Jens Paul Taubert

„Als ich die Bücher zusammentrug für die Ausstellung im Museum, da grauste es mir vor mir selbst“, sagte Münzner, amüsiert und ernst in einem, stehen doch Dutzende Ausgaben für einen Schaffensweg, der sich allmählich, aber sicher runden muss. In Vitrinen zu sehen sind foliantengroße Werke wie der in Handsatz abgezogene „Don Quichotte“ – ihm steuerte der Dichter Peter Gosse einen markanten Text bei mit dem Titel „Münzners stiller Don“ –, aber auch handhabbare Gebrauchsbücher wie Erich Kästners „Kennst du das Land wo die Kanonen blühen?“, erschienen im Eulenspiegel-Verlag mit 30 Zeichnungen Münzners.

„In den letzten Jahren habe ich viel zu Fabeln gemacht, zu Gellert zum Beispiel“, sagt Rolf Münzner. Das ist ebenso wenig ein Ausweichen vor der Gegenwart wie die unerschöpfliche Auseinandersetzung mit Bulgakow. Mit gesellschaftlichen Zuständen und Zumutungen, mit Verstrickungen und Nachlässigkeiten. Mit Lüge, Demagogie, nationalistischer Verirrung, Werteverfall. Sich damit zu befassen, nicht abseits zu bleiben, empfindet der 75-Jährige als aktueller denn je: „Diese großartige Idee Europa ist in großer Gefahr, ruiniert zu werden.“ Dem könne er nicht unwidersprochen beiwohnen. Er setzt dagegen ein anderes Schwarz, das des asphaltüberzogenen Drucksteins, dem er Linie um Linie Strukturen enthüllt, Schatten und Licht.

Die Ausstellung im Heimatmuseum Geithain wird am 1. April, 14 Uhr, geöffnet. Zu besichtigen ist sie dann bis 5. Juli. Die Schau in der Stadtbibliothek ist vom 9. April bis 5. September zu sehen. Die Vernissage mit Rolf Münzner findet am 9. April, 11 Uhr, statt.

Von Ekkehard Schulreich

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