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110 Jahre tot und noch immer präsent – Colditz ehrt Bürgermeister Johannes Müller

Gedenkveranstaltung 110 Jahre tot und noch immer präsent – Colditz ehrt Bürgermeister Johannes Müller

Auf den Tag genau 110 Jahre nach der Beisetzung treffen sich die dankbaren Colditzer am Sonnabend, 15 Uhr, auf dem Friedhof. An der ehemaligen Gruft der Müllers, jetzt im Besitz von Familie Dieter Langer, wollen sie in Erinnerung an den verdienstvollen Bürgermeister einen schwarzen Granit mit Goldbuchstaben enthüllen.

Johannes Müller war Colditzer Bürgermeister von Februar 1873 bis Dezember 1907. Am 9. Dezember 1907 wurde das gestorbene Stadtoberhaupt und seine zwei Tage später verstorbene Ehefrau Marie Therese mit einem großen Trauerzug durch die Stadt zu Grabe getragen. Foto: Moritz Lange

Colditz. „Ich wüsste nicht, jemals so viele Menschen vereint geseh’n zu haben. Der Gottesacker konnte sie nicht fassen, so dicht gedrängt standen sie in allen Straßen und Gassen vom Albertplatz bis zum Sophienplatz. Gott weiß, wie viele Tränen geflossen sind.“ Das schrieb 1907 ein Augenzeuge des Trauerzuges für den wahrscheinlich verdienstvollsten Bürgermeister von Colditz: Am 9. Dezember wurde Johannes Müller beerdigt – zusammen mit seiner Frau Marie Theresie, die ihm nur 48 Stunden später im Tod nachfolgte.

Auf den Tag genau 110 Jahre nach der Beisetzung treffen sich die dankbaren Colditzer am Sonnabend, 15 Uhr, auf dem Friedhof. An der ehemaligen Gruft der Müllers, jetzt im Besitz von Familie Dieter Langer, wollen sie in Erinnerung an den Bürgermeister einen schwarzen Granit mit Goldbuchstaben enthüllen.

Auguste Müller, eine Urenkelin von Johannes Müller, hat den Gedenkstein gestiftet. Die 78-Jährige, die lange in Amerika lebte und inzwischen in Bad Teinach (Schwarzwald) zu Hause ist, wird persönlich anwesend sein. Während der Zeremonie ertönen die Glocken der Stadtkirche St. Egidien, Bürgermeister Matthias Schmiedel spricht Worte der Würdigung, der Männerchor „Liedertafel Colditz“ singt frei nach Goethe: Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt.

Am 4. Februar 1873 wurde Johannes Müller zum Bürgermeister der Stadt Colditz gewählt. Das Amt übte er fast 35 Jahre und bis zu seinem Tode aus. Seinem unermüdlichen Wirken verdankt Colditz 1874 die Gründung des Museums, 1875 die Eröffnung der Teilstrecke Großbothen-Colditz-Rochlitz der Muldentalbahn, 1878/79 die Errichtung des ersten Stadtkrankenhauses, 1885/86 den Neubau der Bürgerschule, 1887/88 den Umbau des Rathauses und 1895 das Elektrizitätswerk. Damit verfügte Colditz als eine der ersten Städte Sachsens über eine eigene elektrische Stromversorgung. 1896/97 folgten auf Müllers Initiative hin das Wasserwerk und 1903/04 das Kaiserliche Postamt samt Erweiterung des Untermarktes. Auch Albert- und Sophienplatz gehen auf ihn zurück. Er gilt als Pionier des bargeldlosen Giroverkehrs und setzte sich für die Gründung des Sächsischen Sparkassenverbandes ein, dessen Vorsitz er auch übernahm. Von 1879 bis 1896 war Müller ununterbrochen Abgeordneter des 11. städtischen Wahlkreises in der Zweiten Kammer der Ständeversammlung des Königreiches Sachsen. Dazu 1895 und 1896 erster Sekretär der Zweiten Kammer des Sächsischen Landtages.

Die Colditzer haben ihren einstigen Bürgermeister, der mit seinem charismatischen Apostelhaupt und dem kultigen Bart schon rein äußerlich eine besondere Erscheinung war, nicht vergessen: Der Fremdenverkehrsverein brachte an dessen einstigem Wohnhaus eine Gedenktafel an. Eine Straße ist nach ihm benannt. Neben weiteren großen Persönlichkeiten der Stadt würdigte man ihn zudem mit einem Porträtfoto an der Marktseite der Alten Brauerei, der „Hall of Fame“. Den Gedenkstein, der am Sonnabend leicht schräg vor der Wand enthüllt wird, gab die Urenkelin bei der Rochlitzer Grabmalkunst Heiro in Auftrag.

Pfarrerin Angela Lau lädt im Anschluss an die Ehrung zur Andacht in die Nikolaikirche ein. In ihrer Predigt knüpft sie an den Beisetzungstext von vor 110 Jahren an. Albert Peter Bräuer, Leiter der Liedertafel Colditz, wird zur Person sprechen. „Er war zu seiner Zeit der für Colditz richtige Mann am richtigen Ort“, schwärmt der heutige Stadtchef Schmiedel, der seinem Vorbild – zumindest was die Amtsjahre anlangt – ziemlich nahekommt. Immerhin: Er gilt aktuell als einer der dienstältesten Bürgermeister Sachsens.

Von Haig Latchinian

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