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15 Jahre danach: Josephine – das Flutbaby aus Trebsen

Flutserie Teil 7 15 Jahre danach: Josephine – das Flutbaby aus Trebsen

Im August 2002 versanken ganze Landstriche in den Wassermassen der Jahrtausendflut. 15 Jahre später ist viel Geld in den Hochwasserschutz geflossen. Aber sind wir heute wirklich sicherer vor der nächsten Flut? Die große LVZ-Serie fragt nach. Heute: In Trebsen und Bennewitz.

Josephin Gutjahr (14) hat ihre besondere Beziehung zur Mulde in die Wiege gelegt bekommen. Zur Flut 2002 wurde sie – noch gar nicht auf der Welt – mit ihrer schwangeren Mutter von Frank Löffler aus den Trebsener Fluten gerettet.
 

Quelle: Frank Schmidt

Trebsen/Bennewitz.  Ein Mädchen schippert über die Mulde. Im Kanu. Es ist die 14-jährige Josephin Gutjahr. Sie liebt den Fluss, das Wedniger Ufer, das Grundstück von Großvater Frank Haubold. Manchmal ist der Pegel so niedrig, dass sie mit ihrem Hund durchs Wasser spaziert wie Wanderer auf dem Rennsteig. Andere fahren an die Ostsee – Josephin schwimmt in der Mulde. Die besondere Beziehung zum Fluss wurde ihr in die Wiege gelegt.

Yvonne ist schwanger – und schreit auf dem Dach um ihr Leben

Frank Löffler aus Walzig bei Trebsen hat mit seiner „Stefanie“ (Marke Eigenbau) zur Flut 2002 Menschen am Fluss das Leben gerettet

Frank Löffler aus Walzig bei Trebsen hat mit seiner „Stefanie“ (Marke Eigenbau) zur Flut 2002 Menschen am Fluss das Leben gerettet. Auch der mit Josephin (Foto oben) damals schwangeren Yvonne Haubold.

Quelle: Leipzig report (Archiv)

Die Flut 2002: Frank Haubold bittet seinen Ziehsohn Michael und dessen Freundin Yvonne, am Ufer Haus und Hund zu hüten. Er selbst beaufsichtigt in Trebsen die evakuierten Wedniger Ferienlagerkinder. Als er sieht, wie hoch die dunkle Brühe steigt, macht er sich große Vorwürfe, ist in Gedanken bei Michael und der schwangeren Yvonne. Die beiden retten sich aufs Dach. Sie schreien um ihr Leben, niemand – so scheint es – kann ihnen inmitten des braunen Wildwassers helfen.

Yvonne schließt bereits mit ihrem und dem Leben der ungeborenen Tochter ab. Da schickt ihnen der Himmel den Frank Löffler. Der Tischler ist als Tüftler bekannt. Mopeds, Motorräder, Trabi Cabriolet – seine Leidenschaft. Und weil die Mulde nicht weit ist, besitzt Löffler auch ein Boot, Marke Eigenbau. „Aus Hobbyplaste“, wie er sagt. Dass diese schwimmende Nussschale mal Leben retten sollte – nein, das hätte er sich nie träumen lassen.

Schöpfwerke für Mutzschener Wasser und Kranichbach nötig

Die Flut 2002 verursachte allein an den kommunalen Einrichtungen der Stadt einen Schaden von rund vier Millionen Euro. Damit war Trebsen eine der am schwersten betroffenen Kommunen im damaligen Muldentalkreis. Die Philosophie seinerzeit: Alles wieder aufbauen, wie es war, denn so schnell wiederholen sich Katastrophen nicht.

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Eine Jahrhundert-Katastrophe: Das Mulde-Hochwasser richtete im August 2002 enorme Schäden in Trebsen und Umgebung an.

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Das Umdenken kam nach der Flut 2013, die nochmals einen kommunalen Schaden von über einer Million Euro hinterließ. Eine Deichsanierung im Schlosspark hätte bedeutet, viele Bäume zu fällen. So entschloss sich Trebsen, diesen zu entwidmen und in die eigenen Hände zu übernehmen.

Fluten, wie sie alle zehn Jahre erwartet werden, halte er ab. Für Mutzschener Wasser und Kranichbach müssten Schöpfwerke in die Mulde gebaut werden. Und für Neichen wünscht sich Bauamtsleiterin Marika Haupt einen Deich. Zumindest hielten die dort nach 2002 neu gebauten Bachbrücken.

Die von der Flut zerstörte Muldebrücke in Trebsen

Die von der Flut zerstörte Muldebrücke in Trebsen.

Quelle: Frank Schmidt

Frank Löffler hievt das Boot nach unten. Baut den Tank ein. Montiert den Motor und braust los. Immer wieder muss er mit Vollgas Schwung holen, um über die Strömung zu kommen. Abgerissene Bäume schießen an ihm vorbei, Zaunlatten, Türen, Kadaver, Gestrüpp. Längst läuft der Motor heiß. Immer wieder verfängt sich der Dreck in der Bootsschraube. Immer wieder muss er die Nussschale flott machen. Die Todesangst sitzt mit im Boot. „Pass auf, die Strömung! Wir driften ab! Haltet euch fest! An den Ästen da!“

Wie es dem heute 52-jährigen Frank damals gelang, die beiden Leben zu retten – Großvater Haubold rätselt noch immer. Er nennt seinen Vornamens-Vetter einen Prachtkerl. „Frank hat ja drei Leben gerettet.

Der Beweis paddelt da drüben“, lacht Haubold und weist zu Josephin im Kanu – unterwegs, wie sollte es anders sein, auf der Mulde. Die Schülerin hat das Ferienlager am Wedniger Muldenufer, in dem ihr Großvater arbeitete, nie gesehen. Die Fluten haben es damals dem Erdboden gleich gemacht. Von ihrer eigenen wundersamen Rettung haben ihr die Eltern 2013 erzählt, da war sie zwar noch klein, aber schon groß genug, um im abermals überfluteten Haus des Großvaters selbst Schlamm zu schippen.

Ein Deubener erinnert sich an „dieses Blubbern“ – der Saubach ist Bennewitz in den Rücken gefallen

Bennewitz. Die Gemeinde Bennewitz liegt an ihrer östlichen Grenze auf 15,3 Kilometern Länge am Ufer der Mulde. Acht Ortsteile liegen in der Reichweite des Flusses, der vor 15 Jahren vielen Anwohnern gefährlich nahe gekommen ist. Günther Geißler aus Deuben kann sich noch gut an die Nacht vom 12. auf den 13. August 2002 erinnern. „Es hatte schon die ganze Zeit geregnet. Wir haben Schlimmes geahnt. Und dann erklang die Sirene.“ Geißler ist Mitglied der örtlichen Feuerwehr und war sofort zur Stelle.

Günther Geißler zeigt auf die Flutmarke von 2002 an seinem Haus.

Günther Geißler zeigt auf die Flutmarke von 2002 an seinem Haus.

Quelle: Dirk Knofe

Helfer waren ohne Handy-Kontakt

Als das Wasser andernorts schon mit voller Kraft zugeschlagen hatte, begann man in Bennewitz mit der Evakuierung. Einen Plan hatten die Helfer für so eine Katastrophe nicht. „Wir hatten vorher unsere Handynummern nicht ausgetauscht und so wusste keiner, was der andere macht“, berichtet Geißler. Kontakt zu seinen Kollegen erhielt er erst am nächsten Tag. „Ein Motorboot der Wasserwacht kam durch die Straßen von Deuben gefahren. Da habe ich erst erfahren, wie es weitergeht.“

Geißler und seine Familie selbst hatten Glück im Unglück. Ihr Haus lag zwar im Überschwemmungsgebiet. Aber die Wohnung in der unteren Etage stand leer. Die Tochter wollte dort erst noch einziehen. „Das Wasser kam da durch die Bruchsteinwand. Erst war es ein merkwürdiges Blubbern, dann spritzte es von überall her.“ Aber das Haus war stabil und so machte Kamerad Geißler sich wieder an die Arbeit. „Wir haben noch viele Leute aus ihren Häusern geholt.“ In den folgenden Tagen wurde aufgeräumt.„Jeder packte an. Auch Fremde und Jugendliche, die damals Ferien hatten“, erinnert sich der heutige Rentner.

Seit 2002 Umsiedlung und Häuserabriss

Seit 2002 ist im Gemeindegebiet einiges passiert. Spundwände wurden installiert, zwei Familien umgesiedelt und Häuser, die der Mulde im Weg standen, abgerissen. Ein großer Deich, der einem Hochwasser wie 2002 standhalten kann, ist entstanden. „Der bricht an keiner Stelle. Der hält auf jeden Fall“, zeigt Geißler sich vom Bauwerk überzeugt.

Bürgermeister Bernd Laqua (parteilos) sieht eine Gefahrenstelle an der Bahnbrücke. Dort könnte sich Schwemmgut sammeln und dadurch Wasser stauen. „Eine Lösung kann hier nur von der Deutschen Bahn kommen“, macht er deutlich. Auch der Saubach, dessen kleine Zuflüsse bei Starkregen anschwellen und der Bennewitz 2002 in den Rücken gefallen ist, während die Mulde durch die Vordertür kam, bereitet Grund zur Sorge. Aber ein entsprechendes Schutzkonzept wurde erstellt. „Das muss jetzt schrittweise umgesetzt werden“, so Laqua

Von Ines Alekowa und Haig Latchinian

Von Haig Latchinian und Frank Pfeiffer

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