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23 Gotteshäuser im Landkreis Leipzig öffnen in der Nacht der Dorfkirchen

Aktion 23 Gotteshäuser im Landkreis Leipzig öffnen in der Nacht der Dorfkirchen

23 Gotteshäuser laden am Sonnabend zur ökumenischen Nacht der offenen Dorfkirchen im Leipziger Land ein. Von A wie Altenhain bis Z wie Zweenfurth werden interessante Programme geboten. „Ringelnatz bei Rotwein“ heißt es in der spektakulär auf dem Felsen thronenden Bergkirche Beucha.

Die Wehrkirche in Beucha wird nachts angeleuchtet.
 

Quelle: Andreas Döring

Landkreis Leipzig.  Wenn wir in unseren schmalen Breiten eine Sehenswürdigkeit in den Rang des achten Weltwunders erhöhen könnten – es wäre wohl die spektakuläre Bergkirche zu Beucha. Vor allem: Anders als etwa die Hängenden Gärten von Babylon, der Koloss von Rhodos oder der Artemistempel in Ephesos ist die Beuchaer Kirche nicht tot zu kriegen. Direkt am Abgrund thront sie noch immer über dem Ort. Dabei sollte es sie längst nicht mehr geben. Der gefräßige Steinabbau nagte Mitte des 19. Jahrhunderts immer bedrohlicher an den Grundfesten der Kirche – Pfarrer Eduard Stephani war es zu verdanken, dass das Gotteshaus trotz Höchstgeboten genau dort „standhaft“ blieb, wo es bereits vor 1000 Jahren eine slawische Kultstätte gab. An die Familie Stephani erinnert inzwischen ein riesiger Gedenkstein vor der Kirche.

Pfarrer Christoph Steinert (54) liebt die kleine Kirche mit der großen Geschichte: „Zu drei Seiten hin ist sie von Wasser umgeben, im Innern besonders hell, ihre Gemeinde außerordentlich rührig.“

Bärbel Uhlig gehört zu den Aktivposten. Seit zehn Jahren organisiert sie in Beucha die ökumenische Nacht der offenen Dorfkirchen. Auch morgen schmiert sie zusammen mit Gabriele Wolf, Birgit Steller, Heidi Sämisch, Ute Drescher, Angela Mittenbacher, Familie Krumnow und all den anderen etliche Schnittchen, serviert zudem manch edlen Tropfen: „Ringelnatz bei Rotwein“ heißt es ab 21 Uhr.

Bereits zwei Stunden eher begrüßt der katholische Pfarrer Gregor Hansel seine Gäste in der einzigen katholischen Dorfkirche weit und breit, in der Kapelle St. Ludwig. Es heißt, der Bayernkönig höchstpersönlich schenkte sie 1911 den katholischen Bayern, Österreichern und Italienern, die als Steinarbeiter nach Beucha kamen. Doch Stifter waren weder der oft vermutete Märchenkönig Ludwig II. (zu der Zeit längst tot) noch Ludwig III. (regierte erst ab 1913), sondern wohl Prinzregent Luitpold von Bayern. Eigentlicher Namenspatron der Kapelle St. Ludwig ist König Ludwig IX. von Frankreich, der 1226 gekrönt und 1297 vom Papst heilig gesprochen wurde.

Zurück zum eigentlichen Weltwunder, der Bergkirche. Am besten sieht sie, wer dem Trampelpad folgt, der rund um den Bruch führt. Ein richtiger Rundweg ist bereits in Planung. Sportliche können die Bergkirche auch von unten, also schwimmend bewundern. Sogar von der A 38 aus ist ein Blick auf die in der Ferne grüßende Kirche zu erhaschen: „So was Verrücktes habe ich nirgendwo sonst gesehen. Genau über dem braunen touristischen Hinweisschild am Straßenrand taucht die Kirche in echt auf – Wahnsinn“, lacht Bärbel Uhlig.

Längst haben auch Reiseführer das inoffizielle Weltwunder bei Leipzig entdeckt, so dass sich im Gästebuch sogar Eintragungen von Touristen aus Indien, Israel und Japan finden. Da bei Dreharbeiten zur ZDF-Krimireihe „Soko Leipzig“ eine Leiche aus dem Bruch gefischt wurde und in der ARD-Serie „In aller Freundschaft“ ein Filmheld am Traualtar verstarb, wird die Bergkirche immer bekannter. Acht Konzerte pro Jahr gibt es in der einmaligen Kulisse – ob Orgelmusik, spanische Leidenschaft oder Weihnachtsoratorium. Das Chorkonzert zum 1. Advent ist mittlerweile genauso Kult wie das festliche Konzert am Silvesterabend. Die Bergkirche Beucha ist eine im wahrsten Sinne des Wortes offene Dorfkirche. Ein Kreis von zehn Ehrenamtlichen, darunter Ute Benedikt, Antje Dörfer, Karin Klöthe, Dorle Ross, Ute Großmann und Ingrid Olschewski, sorgt dafür, dass die Kirche zwischen Ostern und dem Reformationsfest jeden Sonntag von 14 bis 17 Uhr zu besichtigen ist.

Besucher erfahren dann aus erster Hand, weshalb das Kirchenschiff nach Westen und nicht wie sonst üblich nach Osten an den romanischen Turm gebaut ist. Grund ist einzig und allein der nahe Steinbruch. Von wegen heute stehen wir am Abgrund, morgen sind wir einen Schritt weiter. In Beucha waren die Bauherren eben vorausschauender. Vermutlich diente der Turm ganz früher als Ausguck und zu Verteidigungszwecken. Siedler flüchteten im Ernstfall in die dörfliche Burg, die Wehrkirche.

Letztlich hat sich die Bergkirche von allen Schicksalsschlägen erholen können. 1429 wüteten Hussiten. Im Dreißigjährigen Krieg fielen kaiserliche Truppen ein. 1813 dann die Völkerschlacht bei Leipzig. Das Dorf wurde mehrfach besetzt, im Mai von Franzosen, im Oktober von Russen. Ironie der Geschichte: Der für den Bau des 100 Jahre später eingeweihten Leipziger Völkerschlachtdenkmals benötigte Granitporphyr stammt zu großen Teilen aus Beuchaer Brüchen.

 Am 6. März 1945 wurden Kirche und Pfarrhaus durch Bomben eines angeschossenen Flugzeuges schwer beschädigt. Die Reparatur dauerte vier Jahre. Erst Ostern 1949 konnte wieder Gottesdienst gefeiert werden. 1989 musste die Kirche wegen baulicher Mängel gesperrt werden. Die Holzbalkendecke war besonders schwer betroffen. 1991 gründete sich der Förderverein der Bergkirche Beucha unter Leitung von Professor Wolfgang Schröder. Nach umfangreicher Rekonstruktion war am Reformationstag 1997 feierliche Wiedereinweihung der Kirche. Das Geläut besteht aus drei Glocken. Die kleinste wurde sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen. Inzwischen ist auf der 341 Kilo schweren Glocke das Bibelwort „Schwerter zu Pflugscharen“ zu lesen. Morgen, pünktlich um Mitternacht, werden alle drei Glocken zu hören sein.

Pfarrer Christoph Steinert macht auf die rote Rankenbemalung in der Sakristei aufmerksam. Er datiert sie auf die Frühzeit der Kirche. Zur Nacht der offenen Dorfkirche wird er gegen 23 Uhr eine Andacht halten. Er lädt insbesondere auch Menschen ein, die sonst nichts mit Kirche am Hut hätten: „Es ist ein ganz besonderer Moment, diese Kirche in der Dämmerung zu erleben, draußen zu sitzen und inne zu halten.“ Seit zwei Jahren ist die Bergkirche in den Abendstunden angestrahlt, freut sich Bärbel Uhlig vom Vorstand. Und wenn es doch mal stockdunkel sei, gäbe es den himmlischen Fingerzeig auf das inoffizielle Weltwunder: „Im Dorf kursiert ein Foto mit unserer Kirche und dem Kometen Halley.“

Termine zur Nacht der offenen Dorfkirchen

Hier ein Überblick über Angeobte zum Tag der offenen Kirchen am Sonnabend:

  • Kirche Altenhain: ab 17 Uhr Vortrag und Bildershow über 230 Jahre Historie, 19 Uhr Filmabend mit Peter Beddies, 21 Uhr Geschichten am Lagerfeuer.
  • Kirche Althen: 18 Uhr Andacht mit Orgelmusik, bis 22 Uhr Führungen.
  • Kirche Altmörbitz: 18 Uhr Eröffnung mit Kirchenchor und Instrumentalisten, 18.30 Uhr Die Entfernung und Rettung unseres Altars – aus der Ortskirchen- und Theologiegeschichte geplaudert, 20.30 Uhr Aufheiternde Klänge für die Seele, 22 Uhr Andacht - Nachtgebet - Segen.
  • Kirche Ballendorf: 19 Uhr „Tatort Kirche“ - Krimilesung mit Leipzigs berüchtigtstem Krimiautor Steffen Mohr alias Kommissar Gustav Merks.
  • Kirche Benndorf: 18 Uhr Chormusik und Taizé-Andacht, 19.30 Uhr Konzert des Männerchores Benndorf, 20 Uhr Vortrag zur Dorfgeschichte, 20.30 Uhr Liedervortrag der Familie Kupfer, 21 Uhr Konzert der Jugendband, 22.30 Uhr Abendsegen. Kirchenführungen am ganzen Abend.
  • Katholische Kapelle St. Ludwig Beucha: 19.45 Uhr Lieder und Texte mit dem Ensemble „4 sing 4 you“.
  • Bergkirche Beucha: 21 Uhr „Ringelnatz bei Rotwein“ mit den TheaterMacher(n), 23 Uhr Andacht, 24 Uhr Glockenläuten zur Nacht.
  • Emmauskirche Borna: 19 Uhr Sommerabendschwatz vor der Kirche auf dem Martin-Luther-Platz mit Lutherschluck und Fettbemmchen, 21 Uhr Klezmer-Musik und Lieder aus dem Ghetto.
  • Kirche Borsdorf: Ausstellung zum Kirchenbau und ab 18.30 Uhr jede halbe Stunde Lesungen aus den Unterlagen der Baugeschichte und der Chronik der Pfarrstelle anlässlich des 50. Einweihungsjubiläums der Kirche, 22 Uhr Abendandacht.
  • Kirche Burkartshain: 18 Uhr Posaunenmusik, 18.30 Uhr Kirchenführung zum Staunen, 19 Uhr Renaissance-Kammermusik mit Shakespeare-Lesung, 20.15 Uhr Primetime-Kirchenkino: „Ziemlich beste Freunde“, 22 Uhr Orgelmusik zur Nacht.
  • Kirche Döben: 20 Uhr Führung zur Geschichte der Döbener Kirche. Für Kinder ab 5 Jahren gibt es eine Info-Runde zu den tierischen Kirchbewohnern.
  • Kirche Erdmannshain: 18 Uhr Abendsegen, 18 bis 24 Uhr Ausstellung: un-gewohnt. Wohnungslose Menschen stellen sich vor. Wiesenlabyrinth neben der Radwegekirche.
  • Kirche Fremdiswalde: 18 Uhr  „Die Spuren Gottes in der Natur ...“ – Vernissage zur Ausstellung „Natur- und Tierfotografie“ von Ute Kniesche mit Musik von Pfarrer Henning Olschowsky und der Musikinitiative Mutzschen, 19.30 Uhr Abendsegen.
  • Kirche Gatzen: 19 Uhr Turmbegehung und Kirchenführung; 19.30 Uhr der 1. Gang: Die Vorspeise Heiteres von und mit Martin Luther (Sprecher Christian Melchert) , musikalische Begleitung von Katharina Schauer (Harfe) und Libor Kaltofen (Geige), 20 Uhr in der Pause 2. Gang: Die Hauptspeise; 22 Uhr das Dessert mit Platz am Lagerfeuer, 23 Uhr Abendgeläut.
  • Kirche Grethen: 17 Uhr Ausstellung „Grethen im Wandel der Zeiten“, 18 Uhr Führung „Durch die Orgel hindurch“, 19 Uhr Konzert mit dem Flötenkreis Grimma & Nerchau, 20.30 Uhr Führung „Holz, nichts als Holz“, 21.45 Uhr Abendandacht
  • Kirche Großpötzschau: 19 Uhr „Von Liebe, Lust und Trommelklang“ – Märchenabend mit Erzählerin Regina Vitzthum und Musikerin Kristin Böhm mit Rahmentrommel und Flöte.
  • Kirche Grubnitz: 17 bis 24 Uhr – zu jeder vollen Stunde 15 Minuten zum Nachdenken. Es werden Abschriften von Todesnachrichten gefallener Soldaten an die Angehörigen aus der Zeit 1940 bis 1945 verlesen, verfasst vom jeweiligen Kompaniechef.
  • Kirche Köhra: 18.30 Uhr Musikalische Andacht, 19 Uhr Besichtigung der Kirche, 20 Uhr Sommernachtsmusik mit dem Vokalensemble enchore leipzig, 21 Uhr Konzertante Musik, die rockt – Malte Vief, akustische Gitarre, 22 Uhr Segen zur Nacht.
  • Kirche Körlitz: 19 Uhr Pilgerbank und Psalmenklang: Eine Präsentation in Bild und Klang  zur Entwicklung der Kirche, anschließend Einweihung einer Pilgerbank, Picknick im Kirchengarten und Abendsegen.
  • Kirche Polenz: 18 und 19.15 Uhr Musik an der restaurierten Geißlerorgel, 18.30 Uhr Chormusik, 19.45 Uhr „Luther vor, zur, nach der Reformation“ – eine Geschichte, 20.15 Uhr „Mit einem Lächeln“ –  Heiter-Beschwingtes am Abend mit Pfarrer Christoph Steinert, 24 Uhr Glockengeläut zur Nacht.
  • Kirche Ramsdorf: 18.30 bis 20 Uhr „Rund um den Kirchturm“ – Kutschfahrten und Turmbesteigung sowie „Wir über uns“ – unsere Kreise stellen sich vor; 18 Uhr „Hier gibt‘s was auf die Ohren“ – heiße Sambarhythmen mit Como Vento; 19 Uhr „Kinder machen Laune“ mit dem Kinderkreis; 20 Uhr „Gänsehautmusik“ – mit Orgel und Trompete, 21 Uhr „El Condor Pasa“ – internationale Musik auf der Panflöte mit Ernest Giolbas;  Gebet zur Nacht bei Kerzenschein.
  • Kirche Schönbach: 17 Uhr „Das Wunder hinter der Mauer“ – Puppentheater Angelika Rotter und Freunde, 18.30 Uhr Improvisationen auf der Schmeißerorgel von Manuel Rotter, anschließend Kirchenführungen.
  • Kirche Seifertshain: 18 bis 22 Uhr offene Kirche mit der Plakatausstellung zum Reformationsjahr „Here I stand“. Die Ausstellung zeigt die Epoche der Reformation: Herkunft - Lebenswelt - Aufbruch - Erfolge - Krise - Blickwechsel - Nachwelt.
  • Kirche Zweenfurth: 18 bis 22 Uhr offene Kirche, 18.30 Uhr Orgelmusik und Lesung, Führungen durch Kirche und Turm 19.15 Uhr, 20.15 Uhr, 21.15 Uhr.

Quelle: Ev.-Luth. Superintendentur Leipziger Land sowie Kirchgemeinden

Von Haig Latchinian

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