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70 Jahre nach Kriegsende entdeckt: Das Tagebuch des Manfred Büchner

70 Jahre nach Kriegsende entdeckt: Das Tagebuch des Manfred Büchner

5. Januar 1945: Ernst im Westen gefallen. 8. Januar: Straßburgkaserne Einkleidung, Mama vergaß Zucker und Marmelade einzupacken. 23. Januar: Gerücht: In 14 Tagen ist der Krieg gewonnen! Neue Waffe im Luftkrieg.

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Der 75-jährige Klaus Büchner präsentiert das kürzlich aufgetauchte Tagebuch seines geliebten, längst verstorbenen Bruders.

Quelle: Haig Latchinian

Grimma/Wurzen. Über See werden alle abgeschossen. 25. Januar: Stalin: Niemand kann mir den Weg nach Berlin versperren!

Grimmas 75-jähriger, aus Wurzen stammender Gästeführer Klaus Büchner ist tief beeindruckt. In den Händen hält er eine Sensation, einen Schatz - das Tagebuch seines damals 15-jährigen Bruders Manfred. Dessen Frau Rita entdeckte dieser Tage jenes gebundene Heft, in dem der damals halbwüchsige Wurzener mit Bleistift die Dramatik des letzten Kriegsjahres festhielt.

 

 

26. März: 12.22 Uhr nach Grimma. Stärke 105 Mann. Alarm. In Stube 101 mit 20 Mann ziemlich eng. Beim Anziehen Schuhe weg - Imi hatte sie an. 14. April: Sonderzuteilung bei Barthels: 4 Dosen Ölsardinen pro Kopf für 1,15 RM, Schlange bis Hunds Papierladen. Riesenlager von ausländischen Frauen. Abmarschierende von Jagdbombern angegriffen. 22. April: Abends heftiger Beschuss. Ziel Krietschwerke. Fensterscheiben zittern. In den Sachen oben geschlafen.

 

 

Sein zehn Jahre älterer Bruder sei hoch begabt gewesen, sagt Klaus Büchner. In der Nachkriegszeit wird der Malergeselle nach Leipzig geschickt, um in der Grafik-Meisterklasse zu studieren. In Kulturhäusern malt der junge Mann riesige Wandbilder. Als der Student seinen Militärdienst bei der Kasernierten Volkspolizei ableisten soll, gerät er in Konflikt mit der Staatsmacht. "Manfred war überzeugter Pazifist", so der Bruder.

 

 

24. April: Weiße Fahnen auf Kirche und in Straßen. Um 9 Uhr erste Amerikaner. 28. April: Russen rücken auf Berlin vor. 3. Mai: Speer gibt zu: Deutschland hat den Krieg verloren. Auf dem Markt wütendes In-die-Luft-Geknalle.

Weil er den Militärdienst verweigert, wird der Druck auf den Bruder so groß, dass dieser Mitte der 50er-Jahre nach Westberlin geht, sagt Klaus Büchner. "Dort studiert er an der Kunstakademie." Weil ihn furchtbares Heimweh plagt, besucht Manfred seine Lieben in Wurzen, heimlich und auch mit Fahrrad.

 

 

15. Juni: Verbot in die Heidelbeeren zu gehen. 24. Juni: Gestern stürzte sich eine Flüchtlingsfrau aus Verzweiflung in der Knabenschule zum Fenster heraus. Sofort tot. Randbemerkung: Großes Gerede um mich in Wurzen. Manche: Ich hätte mit Steinen hinter Russen hergeworfen. Andere: Die Russen hätten mich verhaftet.

 

 

Zu Wurzens 1000-Jahr-Feier durfte sein Bruder im Juni 1961 offiziell einreisen, erinnert sich Klaus Büchner, der in Ost-Berlin studierte und sich mit Manfred regelmäßig traf. Nach dem Mauerbau sahen sich die Brüder nie wieder. Manfred, Vater zweier Söhne, erkrankte schwer und starb 37-jährig. Witwe Rita hielt den Kontakt zu Klaus Büchner und händigte ihm jetzt das in einer Kiste entdeckte Tagebuch ihres Mannes aus.

 

 

30. Juni: Hitler soll mit einem U-Boot, das riesige Mengen Lebensmittel und Treibstoff an Bord hatte, am 29. April Europa verlassen haben. 10. Juli: In Dresden für 5 Jahre Heiratsverbot. 7. August: Amerika setzt in Japan die Atombombe ein. 18. August: Typhus in Wurzen. Am Tag sterben 15 bis 20 Menschen.

 

 

Klaus Büchner ist bereit, eine Ablichtung der am 26. November 1945 endenden Tagebuchaufzeichnungen dem Wurzener Museum zur Verfügung zu stellen: "Es ist bewundernswert, wie genau der damals 15-jährige Manfred die Zustände beschreibt. Hurrapatriotismus und Durchhalteparolen waren ihm fremd. In einer Randnotiz übte der Junge sogar Kritik an Hitlers ,Mein Kampf'."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 30.04.2015
Haig Latchinian

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