Volltextsuche über das Angebot:

13 ° / 2 ° wolkig
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland RND

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Abriss oder Erhalt? An Grimmaer Papierfabrik Golzern scheiden sich die Geister

Hochwasserschutz Abriss oder Erhalt? An Grimmaer Papierfabrik Golzern scheiden sich die Geister

Zum Abriss der alten Papierfabrik Golzern liegt jetzt die Verträglichkeitsuntersuchung zu den umgebenden Naturschutzgebieten vor. In den letzen Zügen liegt auch das Abbruchprojekt. Die Bürgerinitiative „Papierfabrik Golzern retten“ bezweifelt, dass beim Abriss spürbarer Hochwasserschutz erreicht wird und klammert sich an einen möglichen Investor.

Gebäude mit langer Geschichte: Ob die Papierfabrik Golzern für einen besseren Hochwasserschutz abgerissen werden soll – an dieser Frage teilen sich die Meinungen.

Quelle: Photo-Pippig

Grimma/Golzern. Abriss oder Erhalt? Zur Brikettfabrik Golzern, die nach der Flut 2013 stillgelegt wurde, stehen sich zwei unversöhnliche Seiten gegenüber. Auf der einen Seite die Stadt Grimma mit dem parteilosen Oberbürgermeister Matthias Berger an der Spitze, die im November 2013 zur Verbesserung des Hochwasserschutzes eine Abbruchgenehmigung bei der Landesdirektion (LD) beantragte. Auf der anderen Seite die 15-köpfige Bürgerinitiative „Papierfabrik Golzern retten“ um Döbens Schlossherrin Dorothea von Below, die für den Erhalt des industriellen Kulturdenkmals inmitten der Mulde kämpft. Die alte Fabrik wenige Kilometer von Grimma entfernt, die 1862 das erste Papier ausspuckte, ist längst zum Politikum geworden. Auch den CDU-Stadtverband Grimma treibt das Thema um, neulich lenkten seine Mitglieder beim Kommunalspaziergang ihre Schritte zum Werk.

Verträglichkeitsuntersuchung fertig

Und es wird viel Papier bemüht. Druckfrisch liegt im Rathaus die von der Stadt in Auftrag gegebene Verträglichkeitsuntersuchung zu den Schutzgebieten im Falle des Abbruchs vor. Der Klinkerbau ist vom Fauna-Flora-Habitat (FFH) „Vereinigte Mulde und Muldeauen“ und der Special Protected Area (SPA) „Vereinigte Mulde“ umgeben. Das Fazit der 74-seitigen Untersuchung: Erhebliche Beeinträchtigungen auf die Natur können ausgeschlossen werden, wenn beim Abriss Regeln befolgt werden. Die Gewölbe, in denen wohl Fledermäuse hausen, sollen stehen bleiben. Nachgewiesen wurde hier das Große Mausohr, bei einer Begehung im November vorigen Jahres mit Rathauschef Matthias Berger (parteilos) wurde eines der Tiere gesichtet.

Die FFH- und SPA-Untersuchung hatte die Landesdirektion angefordert, Grimma leitet sie ihr jetzt zu. In den letzten Zügen liegt auch das Abbruchprojekt, das die GIS-Dienst GmbH Grimma erarbeitet und auf das die Landesbehörde ebenfalls wartet. Vom Denkmalschutz gebe es grünes Licht für den Abbruch, sagt Berger. Derzeit liege es noch am Naturschutz. Geht es nach dem Stadtchef, würden die Bagger „lieber heute als morgen“ anrollen. Seinen Worten zufolge liegt die Fördermittel-Zusage auf dem Tisch. Aus dem Efre-Brachenprogramm seien zwei Millionen Euro in Aussicht gestellt. Die Eigenmittel in Höhe von 200 000 Euro – sprich zehn Prozent – habe die Stadt im Haushalt eingestellt.

Bürgerinitiative lässt Gutachten erstellen

Die Bürgerinitiative hält dagegen. Sie hatte im vorigen Jahr zwei Gutachten in Auftrag gegeben, die den Genehmigungsbescheid der Landesdirektion vom November 2014 zum Abbruch der Papierfabrik in Frage stellen. Die Gutachten – das eine von der Leipziger Rechtsanwaltskanzlei Wolfram Günther, das andere vom Leipziger Büro für Umwelt und Planung Holger Seidemann – kommen zum gleichen Schluss. Durch den Abriss der Papierfabrik Golzern sei keine spürbare Verbesserung des Hochwasserschutzes für Grimma oder Dorna nachgewiesen und nach Stand der Dinge auch nicht zu erwarten. Punkt für Punkt sind in beiden Dokumenten die Argumente der Landesdirektion als „logisch nicht schlüssig“ verworfen worden. Die Abbruchgenehmigung sei rechtswidrig und verstoße gegen Sachsens Denkmalschutzgesetz, beugt sich die Kanzlei, die auf Denkmalrecht spezialisiert ist, weit vor.

Geschichte der Papierfabrik

1838 entstand am östlichen Muldeufer eine Papiermühle, die unter anderem Bütten- und Notenpapier fertigte.

1847 ließ Schlossermeister Hartmann nahe der Mühle eine Nagelfabrik errichten. Das Werk spezialisierte sich später auf die Herstellung von Maschinen für die Zellstoff- und Papierherstellung. Die Produktion wurde später nach Grimma verlagert.

Nach dem Brand der Papiermühle 1851 erwarb Adolf Schröder, Inhaber der Papiergroßhandlung Sieler und Vogel aus Leipzig, den Standort. Er errichtet in zwei Jahren eine moderne Papierfabrik, die 1862 mit der Produktion von Druck- und Spezialpapieren begann. Ständigen Erneuerungen und Umbauten begleiteten die Fabrik. Zur Energieversorgung entstand ein drei Meter hohes Wehr in der Mulde.

Am 1. Juli 1877 erhielt Golzern einen Eisenbahnanschluss an die Strecke Glauchau-Wurzen.

Unternehmer Max Schröder (1853-1901) zeichnete sich durch eine sehr fortschrittliche Einstellung zu seinen Mitarbeitern aus. Er stellte seinen langjährigen Betriebsleuten Siedlungshäuser am westlichen Muldeufer zur Verfügung, errichte eine Schule für die Kinder der Betriebsangehörigen, schuf eine Familienversicherung für die Belegschaft und gründete einen Konsumverein und eine Pensionskasse.

1907 übernahm Fritz Schroeder, 1929 Georg Schroeder die Leitung des Unternehmens, nach 1933 Direktor Schwanenberger.

In den Räumen der stillgelegten Maschinenbauanstalt für die Papierfabrik wurden 1914 Lager für etwa 6000 kriegsgefangene Franzosen, Russen und Serben eingerichtet. Auch im 2. Weltkrieg wurden im Werk Kriegsgefangene und Fremdarbeiter beschäftigt.

1946 wurde die Papierfabrik in Volkseigentum überführt und die Unternehmerfamilie vertrieben. Zu DDR-Zeiten wurden in Golzern Druck- und Spezialpapiere hergestellt. 1990 wurde der Betrieb eingestellt.

1993 wurde die Papierfabrik Golzern GmbH gegründet und die Produktion wieder aufgenommen. Es wurden Format- und Rollenware sowie Verpackungs- und Krepppapiere produziert.

Die Papierfabrik wurde beim Hochwasser 2002 und 2013 massiv überflutet. Das Unternehmen gab den Standort auf und produziert seit 2015 im Gewerbegebiet Mutzschen als neue Firma: Papierverarbeitung Golzern GmbH.


:

 

Beim CDU-Kommunalspaziergang gab nicht nur von Below Auskunft, sondern auch Architekt Marius Zwigart, der als Student seine Masterarbeit zur Nachnutzung der Fabrik schrieb und deren Zustand unter die Lupe nahm. Von städtischer Seite war Döbens Ortsvorsteher Michael Gessel, zugleich Geschäftsführer der GIS-Dienst GmbH, zugegen. „So eine Fabrik gibt es in Sachsen nicht noch einmal“, schwärmte von Below und versteht die Welt nicht mehr. Beim Abriss würden hochwirksame Flusshindernisse nicht angetastet, deutete sie auf Wasserkraftwerk und Wehr. Der berechnete Pegelgewinn von etwa sechs Zentimeter bei einer sieben bis neun Meter hohen Flut ist aus ihrer Sicht marginal. Die Bürgerinitiative widerspricht auch der Feststellung im Genehmigungsbescheid, dass Gefahr für Leib und Leben bestehe, würde die Fabrikanlage erneut im Hochwasser versinken. Besser sei es, mit den zwei Millionen Euro das Wehr stellbar zu machen und den zugeschütteten Graben zu öffnen, so die Verfechter des Erhalts. Das würde den Abfluss und damit den Schutz von Dorna erhöhen.

Zweidimensionale Berechnung

Eine Ansicht, die Oberbürgermeister Berger kontert. Das Wehr würde bei Hochwasser überspült, außerdem könnten die Mittel aus dem Brachenprogramm nicht umgewidmet werden. „Wir haben die einmalige Chance, die Fabrik gefördert abzureißen.“ Berger sieht die Gefahr, dass sie sonst eines Tages unkontrolliert zusammenrutscht und zur Staufalle wird. Es wäre falsch, nichts zu tun, „nur weil wir keine optimalen Verhältnisse haben“. Berger will um jeden Zentimeter ringen, um die Hochwassergefahr flussaufwärts zu verringern. Die Landestalsperrenverwaltung habe eine zweidimensionale Berechnung vorgelegt, wonach bei Abbruch der Fabrik eine Absenkung des Pegels in Golzern von sechs bis acht Zentimeter erreicht wird – sich dann linear verringernd.

Wer ist der Investor?

In den Streit um den Flutschutz kommt ein weiterer Aspekt ins Spiel. Angeblich interessiert sich seit Herbst vorigen Jahres eine Investorengruppe für die Fabrik. Eine Summe von über 35 Millionen Euro steht im Raum, von Below spricht von einer angedachten Mischnutzung aus Kultur, Hotel und Wellness. Die Investoren, deren Identität ein wohl gehütetes Geheimnis ist, hat aber noch niemand zu Gesicht bekommen. Sie schicken mit der Leipziger Dr. Lauer & Koy Consulting Partners GmbH vielmehr eine Steuerberatungsgesellschaft vor. Und während von Below davon spricht, dass sich die Stadt für Gespräche öffnen müsse und durch ihr „unprofessionelles Vorgehen“ die Gefahr eines Abspringens bestehe, bemängelt Oberbürgermeister Berger fehlende Fakten. Ein Treffen mit Stadtentwicklungsamtsleiter Jochen Lischke im September sei ergebnislos verlaufen. Jetzt warte er auf einen Terminvorschlag für ein weiteres Gespräch. Steuerberater Michael Koy verweist auf LVZ-Nachfrage auf sein Mandatsgeheimnis. Dem Grimmaer Rathaus will er dann einen konkreten Gesprächstermin anbieten, „wenn ich von meinem Mandanten klare Eckpunkte habe“. Möglicherweise ist das noch im April.

„Die müssen sagen, was sie vorhaben. Mit Geheimhaltung kommen wir nicht weiter“, wettert der Oberbürgermeister. Alles sei bislang nebulös. Die Stadt sei bereit, die Pläne zu prüfen. Der Investor müsse aber „die Ziele des Hochwasserschutzes erfüllen und nachweisen, dass er eine Baugenehmigung erhält“. Schon das bezweifelt Berger. Die alte Fabrik hatte Bestandsschutz, erläutert er. Kein Landratsamt werde dort eine Baugenehmigung erteilen. Berger glaubt auch nicht, dass eine Versicherung das Risiko eingeht. Zweimal ist die alte Fabrik auf der Muldeinsel in den Fluten versunken. Der Rathauschef wird deutlich: „Wir opfern keinen Zentimeter Hochwasserschutz und keinen Tag für irgendwelche Spinnereien. Die Sicherheit der Dornaer geht absolut vor.“ Eine wirtschaftliche Nachnutzung der Fabrik sei nicht möglich. „Das Ding ist tot.“

Von Below erläutert, dass der neuerliche Termin zwischen der Consulting und der Stadt nur auf Drängen der Bürgerinitiative zustande kommt. Der Investor sei bereit, ein Hochwasserschutz-Konzept zu erarbeiten. Sie beklagt, dass aus Sicherheitsgründen die Fabrik mit potenziellen Interessenten nicht betreten werden darf. „Die Stadt kooperiert nicht.“

Mit Ruine hätte Stadt ein Problem

Etwa zehn Hektar umfasst die Fläche, zwei Hektar sind laut Berger bebaut. Abgebrochen würde nur bis Oberkante, die Keller und Katakomben blieben erhalten. Die Verfechter zum Erhalt des imposanten Denkmals klammern sich an mögliche Wendungen und den laut Architekt Zwigart „potenten Investor“. „Wenn Sie wirklich einen haben, muss es schnell gehen“, sagt Döbens Ortsvorsteher Gessel. „Es ist ein schönes Gebäude.“ Ihm fehle aber die Fantasie, dass der Investor wirtschaftlich arbeiten könne. Bliebe eine Ruine, habe die Stadt ein Problem. Auch CDU-Stadtchef Lutz Simmler hofft, dass es zwischen Rathaus und Investor zu einem Gespräch kommt. Dann müsste man schauen, unter welchen Bedingungen und Kosten was möglich sei. „Das wäre dann abzuwägen“, so Simmler. „Die reine Lehre gibt es nicht.“

Von Frank Prenzel

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Grimma

Blättern Sie in der prall gefüllten Veranstaltungsbeilage und entdecken Sie die Termine aus unserer Region. mehr

  • Sportlerwahl
    Aktionslogo Sportlerwahl Landkreis Leipzig 2016

    Kreissportbund Landkreis Leipzig, Sparkasse und Leipziger Volkszeitung suchten die besten Sportler 2016. mehr

  • Zeitung in Schulen

    Herzlich willkommen bei den Schulprojekten der Leipziger Volkszeitung und ihrer Regionalausgaben. mehr

  • Geld für Vereine der Region
    Mikrologo Angestust

    Die aktuelle Förderrunde der Aktion „Angestupst“ von LVZ und Sparkasse Leipzig ist beendet. Hier das Ergebnis! mehr

  • LVZ-Fahrradfest 2017
    Logo LVZ-Fahrradfest

    Das 13. LVZ-Fahrradfest lädt am 14. Mai 2017 wieder Radler ein, gemeinsam in die Pedalen zu treten. Alle Infos in unserem Special. mehr

21.04.2017 - 14:47 Uhr

Stadtliga-Schlusslicht spielt am Sonntag beim Tabellenführer - LVB gastiert in Lindenau

mehr
  • 24 Stunden in der Region

    Firmen und Unternehmen in der Region Leipzig stellen sich vor. mehr

  • TAW - Technische Akademie Wuppertal
    TAW  - Technische Akademie Wuppertal

    Ein Werbespecial der LVZ für die Technische Akademie Wuppertal mit Infos zum breitgefächerten Angebot. mehr

  • Zoo Leipzig
    Zoo Leipzig

    Infos und Events aus dem Zoo Leipzig sowie zahlreiche Bilder aller Vierbeiner und der geflügelten Zoobewohner. mehr

  • Asisi - Welt der Panoramen
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Titanic" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zum Titanic-Panorama im Panometer Leipzig und den asisi-Panoramen in Dresden. mehr