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Älteste Nerchauerin feiert Geburtstag

Älteste Nerchauerin feiert Geburtstag

Nerchau/Trebsen. Geboren wurden Sie in Altenhain? – „Nee, in Ammelshain." Da haben Sie Ihre Kindheit also in Ammelshain verbracht? „Nee, in Altenhain.

." Wer mit Nerchaus ältester Bewohnerin plauschen möchte, muss schon ziemlich brüllen. Zwar hat es die gerade erst 97 Jahre alt gewordene Lisbeth Schumann faustdick hinter den Ohren: „Aber hören tue ich ganz schlecht. Früher hörte ich noch die Flöhe husten."

„Ach, heren Sie off mit dem Miste!" Was solle sie schon groß von ihrer Kindheit erzählen, schüttelt Lisbeth den Kopf. Es sei keine schöne gewesen: „Vater kloppte Pflastersteine, Mutter machte Knack. Und 1914 war Kriesch." Als junges Mädel ging Lisbeth „in Stellung". Nicht im Schützengraben, sondern bei Wutzigs Hulda – in der Seelingstädter Dorfbäckerei. Sieben Jahre machte sie sich dort nützlich, half beim Brotbacken, nahm die Kuchenbleche der Kunden in Empfang und fuhr die heiße Ware manchmal sogar selber mit breit. Per Pferdekutsche, bis Hohnstädt und Bahren. Sie betont die beiden Orte mit so viel Hingabe, als befänden sie sich am anderen Ende der Welt. Ob Lisbeth sich damals hätte vorstellen können, später mal einen Urenkel auf La Palma zu haben? „Na woher denn!", winkt Lisbeth ab, lässt aber nicht unerwähnt, dass sie zwischenzeitlich als Weberin in Grimmas „Spitzenbude" gearbeitet hatte.

Mit 23 heiratete sie. Kurios: Herbert erblickte genau am gleichen Tag wie Lisbeth das Licht der Welt. „Er in Beiersdorf. Ich in Altenhain." – Ich denke in Ammelshain? „Das ist doch piepegal." Beim Maskenball im „Roten Löwen" habe sie ihren sogar künstlerisch ambitionierten Herbert kennengelernt, im Zweiten Weltkrieg in Polen verlor sie ihn. Bevor Herbert fiel, hatte er seiner Lisbeth noch die süße Christel geschenkt.

Die Tochter brachte Lisbeth 1950 in ihre neue Ehe mit ein. Bruno hieß ihr Gatte, damals verwitweter Vater von vier Söhnen. Ein Jahr später kam der gemeinsame Junge Roland zur Welt. „Da war die Bude voll, das könn Se sich ja vorstellen", bemerkt Lisbeth. Noch heute, ein halbes Jahrhundert später, wohnt sie in Brunos damaligem Nerchauer Elternhaus. Nicht etwa alleine, sondern zusammen mit Sohn Roland und dessen Frau Gerlinde: „Meine Schwiegermutti ist eine ganz liebe. Roland und ich bekamen Zwillinge, Evelyn und Carola. Jeden Tag brachte die gute Lisbeth die beiden in den Kindergarten. Später half sie uns in der Bäckerei Kühne." Bruno, der als Schlosser in der Wutra arbeitete, starb bereits 1971. Gleich mehrere Söhne traten in seine Fußstapfen – auch Roland, der es in der Wurzener Luftfiltertechnik als Stahlbauschlosser bereits auf 43 Dienstjahre brachte. Er ist voll des Lobes über seine Mutter: „Sie schmeißt ihren Haushalt noch ganz allein, kocht jeden Tag und macht ihre Wäsche selber. Sie trifft sich mit ihren einstigen Arbeitskolleginnen Liesbeth Bohr und Ilse Glaser. Zu DDR-Zeiten hatte sie für die Leute oft die Gardinen gespannt." Schwiegertochter Gerlinde: „Sie ist geistig voll da. Sie liest die Zeitung von vorn bis hinten und sagt uns, welche Straße gesperrt ist."

„Ach Mensch, hört off. Das werd ja ä Roman!", beschwert sich das Geburtstagskind, das ohnehin gerade beim Abendbrot gestört wurde. Die zehnfache

Großmutter „hält Freundschaft" zu Ur- und Ur-Ur-Enkeln, darunter auch jenem auf La Palma. Um alle Lieben um sich zu scharen, bräuchte sie schon den Sternsaal. Was sie mit Stolz erfüllt: „Sogar der Pastor gratulierte mit Blumen." – „Mutti, das war doch der Bürgermeister", korrigiert Gerlinde. – „Das ist doch Wurscht", lacht sie, widmet sich wieder ihrer Bemme und triumphiert: „Na unser Berschermeester war doch mal Paster. Oder nisch?"

Haig Latchinian

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