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Akten statt Armee: Husarenkaserne wird zum Finanzamt umgebaut

Akten statt Armee: Husarenkaserne wird zum Finanzamt umgebaut

Eine graue Ruine, ein Schandfleck fürs Stadtbild - die frühere Königin-Karola-Kaserne ist alles andere als eine Zier für Grimma. Besonders die wuchtigen ehemaligen Militärbauten entlang der Lausicker Straße galten bislang als Ärgernis.

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Gerlind Berndt und Michael Mayer vom Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB) vorm Erweiterungsbau des Grimmaer Finanzamtes.

Quelle: Thomas Kube

Grimma/Borna. Doch jetzt zeigt der Freistaat Flagge, nimmt viel Geld in die Hand und erbarmt sich eines weiteren traditionsreichen Gemäuers.

Wo über Jahrzehnte Soldaten campierten, sollen sich künftig Steuerbescheide aneinanderreihen. Die Bediensteten des Finanzamtes sind die ersten, die in der über hundertjährigen Geschichte des Gebäudes keine Uniformen tragen werden. "Für 10,6 Millionen Euro verwirklichen wir eine weitere große Baumaßnahme auf dem einstigen Kasernen-Areal", erklärt Gerlind Berndt. Sie ist als zuständige Niederlassungsleiterin des Staatsbetriebs Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB) mit allen Details des Mammutprojektes vertraut. Auftraggeber für die millionenschweren Sanierungs- und Umbauarbeiten ist das Finanzministerium, das den Klinkerbau für den Einzug weiterer Landes-Bediensteter rüstet. "Sämtliche Mitarbeiter, die jetzt noch beim Finanzamt in Borna tätig sind, haben künftig in Grimma ihren Arbeitsplatz", erläutert Berndt bei einem Gang über die Baustelle.

Die Muldestadt ist damit großer Gewinner der Ämter-Fusion. In der Lausicker Straße führt der Freistaat die beiden bislang getrennten Behörden Borna und Grimma zusammen. Begründet wird dies damit, dass der Freistaat in Borna nur Mieter ist, während sich die Liegenschaft in Grimma im Landeseigentum befindet. Hier investierte Dresden bereits vor zwei Jahren mehrere Millionen Euro in Haus A, den Sitz des Grimmaer Finanzamtes. Haus B wird nun seit Oktober in Angriff genommen. Die fusionierte Behörde soll nach Abschluss der Arbeiten 303 Bedienstete zählen: 115 aus Borna und 188 aus Grimma.

Militär ging auf dem Gelände über Jahrzehnte ein und aus. "Zuerst waren es die Mitglieder des Königlich-Sächsischen Husarenregiments Nr. 19, die hier einquartiert waren", blickt Gerlind Berndt zurück. Das Haus, das aktuell saniert wird, nahmen die Kavalleristen 1903 in Besitz. Hinter den dreistöckigen Gebäuden, die zur Lausicker Straße hin eine geschlossene Front bilden, waren Pferdeställe und Scheunen für das berittene Regiment entstanden. Später folgte die Wehrmacht. Der jüngeren Generation ist der Standort nur als Liegenschaft der Roten Armee geläufig. Die hatte auf dem weitläufigen Gelände zu DDR-Zeiten Station bezogen. Der Sowjetstern prangte bis Januar 1993 am Kasernentor - damals erfolgte der Abzug der Truppen. "Seitdem", berichtet Gerlind Berndt, "stand das Gebäude über 20 Jahre leer."

Die hinterlassene Bausubstanz könne man nur als marode bezeichnen, so die Bauexpertin. An Unterhaltungsmaßnahmen hätten es alle bisherigen Nutzer vermissen lassen, umschreibt sie diplomatisch, dass an den Gebäuden seit über hundert Jahren nichts gemacht wurde. Bauliche Erinnerungen finden sich dadurch sogar aus der Zeit der Husaren. "Damals", erläutert SIB-Projektleiter Michael Mayer, "war der Dübel noch nicht erfunden. Deshalb findet man in den Wänden noch Holzplättchen, in die die Husaren ihre Nägel geklopft haben."

Der jahrelange Leerstand tat ein übriges. Eindringende Nässe, Frost und Witterungseinflüsse verwandelten das einst stattliche Armee-Quartier in eine Ruine. "Auf dem Dach wuchsen mannshohe Bäume", schildert Mayer. Der obere Bereich des Klinkerbaus war nicht zu retten. Das gesamte Dachgeschoss wurde neu aufgebaut. Erhalten werden musste allerdings der Original-Giebel aus der Entstehungszeit der Kaserne. Darauf habe der Denkmalschutz Wert gelegt.

Im Innern bietet sich ein Blick auf die immense Arbeit, die noch vor den Beteiligten liegt. Auf drei geräumigen Stockwerken reihten sich früher Mannschaftsunterkünfte aneinander. "Die Räume waren rund 50 Quadratmeter groß. Und sie bleiben in ihrer Grundstruktur auch erhalten", erläutert Berndt mit Hinweis auf den Grundriss. In der Mitte wird jeweils ein sogenannter Aktenraum angeordnet. Auf diesen haben dann alle Mitarbeiter aus dem jeweiligen Büro Zugriff. Überhaupt - die Akten: Die Last, die durch zahlreiche Unterlagen der Steuerbürger zu stemmen sein wird, diktierte auch das Vorgehen bei der Sanierung. "Sämtliche Decken auf allen Etagen mussten rausgerissen werden, weil sie der künftigen Nutzung nicht standgehalten hätten", erläutert Michael Mayer. Dabei wurde nach genauem Plan vorgegangen, um die Standfestigkeit des Gebäudes nicht zu gefährden. "Pro Quadratmeter", rechnet der Projektleiter vor, "müssen die Decken 750 Kilo Last aushalten." Diese Anforderung erfüllen sogenannte Ziegeleinhangdecken. "Die sind relativ leicht, belasten die Bausubstanz nicht über Gebühr - sorgen aber dennoch für eine hohe Tragfestigkeit." An anderer Stelle muss das Mauerwerk gereinigt, Ziegel und Putz erneuert werden. Fenster stehen auf den Fluren zum Einbau bereit.

Auch das äußere Erscheinungsbild wird denkmalgerecht wiederhergestellt. erklärt Gerlind Berndt. Noch finden sich kyrillische Buchstaben an den Wänden. Sie verschwinden bis zur geplanten Einweihung Ende April 2016. Dafür überlebt der Löwe, der noch aus der Husaren-Ära stammt und über dem südlichen Seiteneingang wacht. Unter ihm schreiten künftig die Mitarbeiter des Amtes hindurch auf einen kleinen Pausenhof. Ansonsten sorgt ein Aufzug dafür, dass das gesamte Gebäude barrierefrei erschlossen wird.

Meterhohe Stützen ragen dort in den Himmel, wo sich architektonisch die Neuzeit einmischt. "Ein moderner Stahlbetonbau wird die beiden Kasernengebäude miteinander verbinden", entrollt Gerlind Berndt eine weitere Bauzeichnung. "Der zweigeschossige Neubau fungiert künftig als zentraler Eingangsbereich. Hier finden Bürger die neue Informations- und Annahmestelle vor." Im Neubau hat außerdem der Vorsteher des Finanzamtes sein Büro. Und im Keller wird Platz für was wohl geschaffen? Richtig. Jede Menge Akten - "9500 laufende Meter".

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 24.06.2015
Simone Prenzel

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