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Grimma Alte Bahnhöfe im Muldental: verfallen, verkauft und umgenutzt
Region Grimma Alte Bahnhöfe im Muldental: verfallen, verkauft und umgenutzt
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20:09 11.10.2018
Wie der Bahnhof in Trebsen sind viele der alten Bahn-Immobilien heruntergekommen. Quelle: Thomas Kube
Wurzen

Gläserklirren im Gastraum, spielende Kinder zwischen den Sitzreihen in den Wartesälen der ersten und zweiten Klasse, lange Schlangen vor den Fahrkartenschaltern. So könnte ein Tag in einem Bahnhof im Muldental ausgesehen haben – vor langer Zeit. Heute können Reisende zwischen Thallwitz und Colditz häufig dankbar sein, wenn sie einen Snackautomaten finden. Und obwohl die Zeiten des Glanzes längst der Vergangenheit angehören, gilt eines noch immer: Die Bahnhöfe bilden das Tor zur Stadt. Und als solche bieten sie mit ihrem Leerstand oft ein trauriges Bild.

100 Jahre haben die Empfangsgebäude entlang Deutschlands Streckennetz im Schnitt auf dem Buckel, zum Teil stammen sie noch aus der Gründerzeit. Ihr Betrieb ist für die Deutsche Bahn nicht mehr wirtschaftlich, weswegen das Unternehmen schon 1994 beginnt, die Bauten zu verkaufen. Derzeit gehören der DB Station&Service AG in Sachsen zwölf Empfangsgebäude, etwa in Leipzig, Chemnitz und Dresden. Ihnen gegenüber stehen 375, die veräußert wurden. Dabei ging das Vorkaufsrecht an die Kommunen, die übrigen Objekte kauften Privatleute.

Alles sei möglich, das Tangostudio ebenso wie das Buddhistische Zentrum, wirbt die Bahn. Dass private Investoren Bahnhofsgebäude komplett umnutzen ist jedoch selten, im Muldental zumindest. Oft sind die Häuser baufällig, was eine Sanierung teuer und aufwändig macht. In vielen Fällen sind dazu Auflagen des Denkmalschutzes zu beachten. Deshalb rotten viele Immobilien auch nach dem Verkauf vor sich hin – wie etwa in Brandis, Trebsen und Großbothen. Ausnahmen bestätigen dabei die Regel. Eine davon hat Frank Altner 2005 mit dem alten Güterboden in Borsdorf erworben. Hier ist der 59-Jährige seit zwölf Jahren selbsternannter Museumsdirektor und führt mit blauer Schirmmütze und einer Leidenschaft für Geschichten Tankstellentechnik aus mehreren Jahrzehnten vor. Auch in Beucha ging das Empfangsgebäude an einen leidenschaftlichen Sammler. Einmal im Jahr, zum Tag des offenen Denkmals, veranstaltet Fred Richter dort Ausstellungen und zeigt etwa alte Kinotechnik oder Geschichtliches aus Beucha.

Alte Bahnhöfe sind beliebte Spekulationsobjekte

Andere Bahnhofskäufer haben gar nicht erst die Absicht, ihren Besitz zu nutzen. So ging das Gebäude im Parthensteiner Ortsteil Großsteinberg 2012 zunächst in das Eigentum des Schlossers Karl-Leo-Spettmann über. Dieser ist für Immobilienspekulationen bekannt. Für 6000 Euro wechselte der Bahnhof bei der Versteigerung den Eigentümer, Spettmann verlangte im Anschluss ein Vielfaches. Ein Borsdorfer, der das Haus gern bewohnbar gemacht hätte, warf 2014 deshalb das Handtuch. Spettmann ging daraufhin mit dem Preis herunter und verlangte zuletzt 25 000 Euro. „Wir sind natürlich ganz und gar nicht glücklich“, heißt es von Seiten der Gemeinde. Wem der Bahnhof jetzt gehöre, wisse man nicht. Nur, dass zwischenzeitlich mal jemand darin gewohnt habe. 2017 fand das Objekt über eine Online-Versteigerung des Auktionshauses Karhausen den Weg zurück auf den Markt – für 10 000 Euro. Den Auftrag vergab eine Firma aus NRW. In der Zwischenzeit verfällt das Stationsgebäude weiter.

Kommunen können ihren Bahnhof retten

Vor einem ähnlichen Schicksal wollte die Stadt Grimma ihren Bahnhof eigentlich bewahren. „Wir wollten verhindern, dass der Bahnhof von Spekulant zu Spekulant geht“, sagte Oberbürgermeister Matthias Berger (parteilos) im Juli der LVZ. Der ersehnte Investor wurde bisher jedoch nicht gefunden, das Gebäude ist sanierungsbedürftig, die erwarteten Kosten liegen bei zwei Millionen Euro.

Auch in Naunhof erwarb die Stadt ihren Bahnhof 2002 selbst, nach jahrelangem Leerstand und Verfall. Mittlerweile ist das Haupthaus saniert, es gibt eine Park&Ride-Station, auf dem Vorplatz plätschert ein Springbrunnen. Mit einer Bäckerei und dem Kreissportbund im Empfangsgebäude ist der Bahnhof wieder in ins Leben zurückgekehrt. 2018 eröffnete im alten Stellwerk außerdem eine Stadt- und Touristeninformation. Wurzen plant zusammen mit dem Geopark Porphyrland ebenfalls ein Besucherzentrum. Die Vorabsprachen dazu scheitern aber an der Kommunikation mit dem Besitzer des Bahnhofs, einem Wurzener Geschäftsmann. Dieser betreibt dort einen Kiosk sowie ein Reisezentrum und muss für die Eigentumsübertragung sein Einverständnis erklären.

Noch völlig in den Sternen steht die Zukunft des Empfangsgebäudes Gerichshain. Für 35 000 Euro kann es über die Makler-Firma Künne aus Leipzig erworben werden. Ob der Bahnhof dann zu neuem Glanz kommt, oder wie so viele andere weiter verrotten wird, wird die Zeit zeigen.

Von Hanna Gerwig

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