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Anje Heinz aus Colditz baut die Brücke zwischen den Lebenden und den Toten

Totensonntag Anje Heinz aus Colditz baut die Brücke zwischen den Lebenden und den Toten

Am Sonntag ist Totensonntag. Der Ewigkeitssonntag, wie er auch genannt wird, ist in den evangelischen Kirchen Deutschlands ein Gedenktag für die Verstorbenen. Wenn Menschen einen nahen Verwandten, Familienangehörige oder auch Freunde verlieren, übernimmt die Colditzerin Anje Heinz nicht selten eine wichtige Funktion. Die 40-Jährige schreibt Trauerreden und hält diese dann auch selbst bei den Beisetzungen.

Am Totensonntag wird der Verstorbenen gedacht.

Quelle: Leipzigreport

Landkreis Leipzig. Wenn ein Mensch stirbt – erwartet oder unerwartet, jung oder alt – ist das für die Hinterbliebenen ein heftiger Einschnitt in das gewohnte Leben. Neben der Trauer müssen viele organisatorische Dinge bewältigt werden. Einer davon: die Rede auf der Beerdigung organisieren. Ist der Verstorbene kein Mitglied der Kirche übernimmt ein freier Redner die Aufgaben des Pastors.

So wie Anje Heinz aus Colditz. Hauptberuflich ist sie Standesbeamtin, daneben arbeitet sie als Rednerin für freie Trauungen, Namensgebungen, Trauerrednerin und Moderatorin. „Die Arbeit als Trauerrednerin liegt mir besonders am Herzen“, erklärt sie. „Ich komme in einer sehr verletzlichen Situation in die Familien, man kennt mich nicht. Aber dennoch sind die Menschen bereit, mir von dem Menschen und einem mir völlig fremden Leben zu berichten.“

In der Regel trifft sich Anje Heinz ein oder zweimal zu Vorgesprächen mit den Angehörigen. Die Rede schreibt sie dann allein, zeigt sie auch den Hinterbliebenen vor der Trauerfeier nicht mehr. „Ich versuche, eine Brücke zu schlagen mit den Angehörigen. Eine Brücke zwischen dem Land der Lebenden und der Toten. Und dankbar zu sein, für die Momente, die man mit dem Verstorbenen hatte. Für manche waren es nur wenige Augenblicke des Lebens – für andere viele gemeinsame Jahre.“ Für Heinz ist es wichtig, in ihren Gesprächen ein Gefühl für den Menschen, der gegangen ist, zu bekommen und dieses dann in ihrer Rede rüber zu bringen.

„Ein wichtiger Faktor ist dabei auch die Musik“, so die zweifache Mutter. Bei freien Trauerfeiern ist es üblich, das weltliche Lieder gespielt werden: das Lieblingslied des Verstorbenen, das Hochzeitslied oder eines, was Heinz für die Feier aussucht. „Viele lassen mir freie Hand und dann finde ich das richtige für jeden – mal geht es schnell, mal brauche ich länger, um die richtigen Lieder zu finden. Wenn die Musik ertönt, möchte ich die Hinterbliebenen gedanklich an die Hand nehmen, mit ihnen den letzten Weg gehen und auf eine wundervolle Zeit, voller Freunde und Dankbarkeit zurückschauen.“

Wie sie es schafft, die aufwühlenden Gespräche nicht in ihr Privatleben zu tragen, erklärt sie so: „Nach den Gesprächen bin ich immer sehr geerdet und dankbar für die Gesundheit meiner Familie und Freunde. Aber ich kann dann einen Schalter umlegen und das alles ablegen.“ Anders, so sagt sie, würde es gar nicht gehen.

Zwischen ihrer Arbeit als Trauerrednerin hat sie auch immer wieder freudige Feste, die sie begleiten darf. „Das tolle an freien Trauungen ist ja, dass man sie überall feiern kann und sie so völlig individuell auf die Wünsche des Brautpaares anpassen kann“, erklärt die 40-Jährige. So feierte sie auf dem diesjährigen Wave-Gotik-Treffen in Leipzig eine Grufti-Hochzeit oder traute ein Paar im Mittelalterlook. „Freie Zeremonien werden immer beliebter. Zum einen, weil weniger Leute in der Kirche sind und zum anderen, weil das Standesamt für viele wirklich nur der bürokratische Akt ist. Die Feier an sich möchten viele nach ihren Wünschen gestalten und nutzen die Chance der freien Trauung.“

Besonders beliebte Feierlocations in der Region sind das Wasserschloss Podelwitz, die Schladitzer Bucht oder die Klosterruine in Nimbschen. „Viele heiraten auch im eignen Garten.“ Besonders emotional sagt sie, seien solche Paare, die sich erneut das Ja-Wort geben oder die den Sprung in die zweite Ehe wagen. „Diese Paare sind oft sehr entspannt und so sicher, weil sie das Gefühl haben, endlich angekommen zu sein“, schildert sie ihren Eindruck.

Angefangen hat bei Anje Heinz alles, als sie 2012 als Standesbeamtin und Kulturbeauftragte in Colditz anfing. „Beim Stadtfest landete ich dann mal als Moderatorin auf der Bühne oder musste bei anderen Anlässen vor das Mikrofon“, erinnert sie sich. Seit dem vergangenen Jahr bietet sie nun ihre Dienste als freie Rednerin an. „Das tolle an meinem Beruf ist, dass ich eine Familie praktisch durch das ganze Leben begleiten kann“, so Heinz. „Bei einer Familie durfte ich die weltliche Taufe, die freie Trauung und eine Beerdigung begleiten.“ Für Heinz eine schöne Bestätigung, dass sie ihre Arbeit gut macht und die Menschen ihr vertrauen. Rund 50 Trauerfeiern hat sie schon begleitet. Und nach der Beerdigung ist oft nicht Schluss. „Viele bedanken sich hinterher, schreiben Briefe oder Karten. Manche schreiben mir auch mitten in der Nacht und man merkt, dass es da noch ganz schön arbeitet.“ Aber auch dann antwortet sie den Klienten gern – selbst wenn es nicht zum Aufgabenbereich von Heinz zählt.

„Wenn ich die CDs mit den Liedern der Trauerfeiern höre, weiß ich genau, welches Lied für wen war. Dann sehe ich den Menschen vor mir. Ich habe das Gefühl, ich kenne ihn, ich habe seine Rede geschrieben. Er hat nicht nur bei seiner Familie und Freunden seine Spuren hinterlassen, sondern auch ein kleines bisschen bei mir.“

Von Tatjana Kulpa

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