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Au Backe! Älteste Zahnarztpraxis der Welt öffnet in Zschadraß

Halbe Million Exponate Au Backe! Älteste Zahnarztpraxis der Welt öffnet in Zschadraß

Der Gang zum Zahnarzt fällt vielen schwer. Leichter lässt er sich für jene ertragen, die einen Blick ins Dentalhistorische Museum Zschadraß geworfen haben. Zurzeit wird die älteste Zahnarztpraxis der Welt nachgebaut.

Gebissmodelle, echte Zähne, technische Geräte und sogar aus Zähnen gestaltete Bilder sind im Dentalhistorischen Museum in Zschadraß zu sehen.

Quelle: Thomas Kube

Colditz/Zschadraß. Der Gang zum Zahnarzt fällt den meisten Menschen schwer. Leichter lässt er sich für jene ertragen, die schon einmal einen Blick ins Dentalhistorische Museum Zschadraß (Stadt Colditz) geworfen haben. Zeugnisse der Behandlungsgeschichte zeigen, welche enormen technischen Fortschritte über die Jahrhunderte gemacht wurden und zur Schmerzreduzierung beitrugen. Zurzeit wird die älteste Zahnarztpraxis der Welt nachgebaut, die am 28. Mai eröffnen soll.

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Das Dentalhistorische Museum im Colditzer Ortsteil kommt mittlerweile auf über eine halbe Million Exponate. Neben dem für Besucher zugänglichen Teil gibt es eine Bibliothek zur Zahnheilkunde und das Technikum für eine wissenschaftliche Arbeit.

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Vor dem Patientenstuhl steht eine Hitsche, auf der die Leidenden ihre Füße abstellen können. Auf dem Tisch des Arztes liegen Gerätschaften, die sich euphemistisch als rustikal bezeichnen lassen – der Anblick tut schon weh. Wir stehen in der Praxis des königlich-privilegierten Hofzahnarztes von Friedrich II., wie sie um 1750 aussah. Die einzige historische Ungenauigkeit hängt an der Wand: Ein Gemälde des zahnlosen Alten Fritz’ von 1780. Solch einen Affront hätte niemand überlebt.

Faible für historische Gerätschaften

Andreas Haesler darf ihn sich erlauben, er ist der Kopf hinter der Einrichtung. „Es gibt 120 Dentalmuseen in der Welt, und das hier ist das mit Abstand größte – fünfmal größer als das zweitgrößte“, sagt der 55-Jährige selbstbewusst. „Allein aus Deutschland haben wir 670 Privatsammlungen. Dazu kommen zehn tonnenschwere Universitätsarchive sowie die Bestände von sechs großen Museen und 170 Fachbibliotheken, die sich aufgelöst haben.“ Dieses Jahr konnte er zum Beispiel das Dentalhistorische Institut Wien zu sich holen. „Das ist eine Sensation, es gehört eigentlich ins Grüne Gewölbe“, meint er begeistert.

Die Anfänge seiner Sammlung reichen ins Jahr 1990 zurück. Damals kaufte der Zahntechniker aus Kössern mit Joachim Plumhof ein staatliches Labor in Grimma. „Dort stand viel Kram herum, das meiste warfen wir weg“, blickt er zurück. „Aber ein paar wichtige Dinge hob ich auf, ohne sie wirklich zu sammeln. Sie bildeten den Grundstock für das spätere Museum.“

Viel Beachtung bei den Museumsbesuchern finden diese Bilder von Zähnen und vor allem aus Tausenden von originalen Zähnen, weiß Andreas Haesler

Viel Beachtung bei den Museumsbesuchern finden diese Bilder von Zähnen und vor allem aus Tausenden von originalen Zähnen, weiß Andreas Haesler, der der leidenschaftliche Sammler des Museums und selbst Zahntechniker von Beruf ist.

Quelle: Thomas Kube

Es sprach sich herum, dass Haesler ein Faible für historische Gerätschaften hat. Von Zahnärzten, Dental-Vertretern und Zahntechnikern erhielt er nach und nach Einzelstücke. Im Dezember 1999 kam die große Sammlung des Grimmaer Zahnarztes Manfred Zimmermann hinzu, einen Monat später folgte das 1929 gegründete Dentallabor der Familien Horst Brasch und Horst Schlegel aus Döbeln.

„Mit einem Mal hatte ich so einen großen Fundus, dass ich mich fragte, was ich damit machen soll“, erinnert sich Haesler. Er sprach den damaligen Geschäftsführer der Gesellschaft Schloss Colditz, Manfred Gergs, an, der auf einem kurzen unbürokratischen Weg die Lösung in seinem Domizil fand. Schon im September 2000 wurde das Dentalhistorische Museum im Kanzleihaus eröffnet.

Nur drei Monate später, zur Schlossweihnacht, ließen sich 1000 Besucher von der Ausstellung in den Bann ziehen. „Fast alles waren Fachfremde. So entschloss ich mich wegzugehen vom Fachmuseum und hin zu einer 360-Grad-Betrachtung, in deren Mittelpunkt der Zahn steht“, sagt Haesler. „Hätte ich mich nicht auch auf Laien ausgerichtet, würde es das Museum sicherlich nicht mehr geben. Auch heute noch sind 65 Prozent der Gäste Fachfremde.“

Exponate aus über 2500 Jahren Geschichte

2003 übernahm der Freistaat das Colditzer Schloss, baute von da an viel um, auch die Museumsräume. „Für mich war das gut, mir entstanden dafür keine Kosten, auch nicht für Strom, Heizung und die Abdeckung der Öffnungszeiten“, erklärt Haesler. „Aber das Land wollte ein kleines schickes Museum, und für mich war schon die Entscheidung gefallen, ein Wissenschaftszentrum einzurichten. Deshalb entschied ich mich für die Unsicherheit, die zugleich Eigenständigkeit hieß.“ 2005 mietete der Wagemutige ein erstes Haus in den Zschadraßer Diakonie-Kliniken an. Ein Jahr später erwarb der Verein zur Förderung und Pflege des Dentalhistorischen Museums, den er mit Freunden gegründet hatte, diese Immobilie und drei weitere Gebäude nebenan.

Die Museums-Sammlung wird ständig erweitert

Die Museums-Sammlung wird ständig erweitert.

Quelle: Thomas Kube

Heute befinden sich in ihnen das eigentliche Museum, das im Aufbau befindliche Gästehaus und das Wissenschaftszentrum, das sich in die weltweit größte Bibliothek zur Zahnheilkunde und das Technikum, unter anderem mit 60 Arztpraxen aller Zeiten und 30 Dentallaboren, teilt. Insgesamt bringt es die Einrichtung auf mehr als eine halbe Million Exponate aus über 2500 Jahren, angefangen vom Zahnstocher über Zungenreiniger aus dem Orient, Schädel, Gemälde, Werbung und Zahnbürsten bis hin zu Laborgegenständen. Nur das Museum ist regulär zugänglich, für die anderen Häuser bedarf es der Anfrage. Perspektivisch sollen aus ihnen eine öffentliche Bücherei und ein Schauarchiv werden.

Wann das so weit sein wird, hängt von den Finanzen ab. Die Eintrittsgelder decken nicht die Kosten für die Unterhaltung der Einrichtung. Die drei Mitarbeiter sind zwar über Maßnahmen angestellt, die das Arbeitsamt fördert, außerdem engagieren sich ehrenamtliche Helfer. „Dennoch schieße ich privat zu“, sagt der Zahntechniker, dem das renommierte Dentallabor Schlegel im Trebsener Ortsteil Altenhain gehört. „Im Grunde fehlt uns ein dauerhafter Sponsor. Zum Glück kommen Spenden rein und Einnahmen durch Filmaufnahmen.“

Dentalmuseum als Star in Film und Fernsehen

Für 46 Filme und Fernsehbeiträge hat das Museum schon Sprechzimmer eingerichtet sowie Exponate zur Verfügung gestellt. Die wichtigsten waren der ZDF-Dreiteiler „Ku’damm 56“, die Neuverfilmung der „Buddenbrooks“, der Streifen „Mein Leben – Marcel Reich-Ranicki“ und, jenseits allen Ernstes, die Helge-Schneider-Serie „00 Schneider“. „Zum Teil war ich sogar bei der Regie dabei“, bemerkt Haesler.

Noch richtet Andreas Haesler die älteste Zahnarztpraxis Deutschlands ein

Noch richtet Andreas Haesler die älteste Zahnarztpraxis Deutschlands ein. Am 28. Mai soll sie eröffnet werden.

Quelle: Thomas Kube

Ihm ist der Spaß bei der ganzen Sache anzumerken. Auch die Faszination, wenn er durch die Räume des Museums führt. „Hier, das ist das älteste Dentallabor der Welt, der Beginn der Deutschen Gold- und Silberscheideanstalt in Frankfurt, besser bekannt als Degussa“, erläutert er. „Und dort der Dokumentationsschrank für Gebisse und Zahnanomalien von Alexander Richter aus Wurzen. Unbezahlbar!“ In einem Spielzimmer können die Besucher Bohrer und Fräser selbst anwerfen. Die Kopie des ersten Buchs zur Zahnheilkunde, geschrieben 1530 von einem unbekannten Mittweidaer, liegt hinter Glas. „Das ist die Luther-Bibel der Zahnheilkunde“, schwärmt der Enthusiast.

Je schneller seine Sammlung wächst und über internationale Besucher wie auch Fachzeitschriften in aller Herren Länder bekannt wird, umso mehr Ausstellungsstücke treffen bei ihm ein. „Ich bekomme alles geschenkt“, sagt er dankend. Manches sogar doppelt und dreifach. Was davon noch zu benutzen ist, verschenkt er gern an jene weiter, die es dringend brauchen. Vieles ging nach Sri Lanka, Nordafrika und sogar an ein Kloster in Finnland. Haesler: „So kann ich der Welt etwas zurückgeben von dem, was ich von ihr erhalte.“

Dentalhistorisches Museum, Im Park 9b, Zschadraß. Öffnung: mittwochs bis sonntags 10 bis 17 Uhr sowie nach telefonischer Anmeldung unter 034381/18 95 06 und 0174/3 26 11 61. Winterpause im Dezember und Januar, Besuch bei Voranmeldung möglich. Feierliche Eröffnung der ältesten Zahnarztpraxis Deutschlands am 28. Mai, 14 Uhr.

Von Frank Pfeifer

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