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Auf den Spuren eines mutigen Zweenfurthers

Auf den Spuren eines mutigen Zweenfurthers

 Zweenfurth/Leipzig. Er war ein mutiger Mensch, ehrlich und kompromisslos, heißt es bei Zeitzeugen: Friedrich Wilhelm Schilling sei einer gewesen, der nicht mit dem Strom schwamm.

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Spurensuche in Zweenfurth und Leipzig.

Quelle: Ingrid Hlidebrandt

Offen lehnte er das gewalttätige faschistische System ab und wurde daraufhin in das KZ Sachsenhausen deportiert. Wer war der Mann, der die Häftlingsnummer 1 trug und am 12. Februar 1902 in Zweenfurth geboren wurde? Jahrzehntelang war kaum etwas über Wilhelm Schilling bekannt. Das hat sich geändert: Sein Name findet sich jetzt auch im Gedenk- und Totenbuch der Stadt Leipzig, welches an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Dort können Interessierte mehr über Lebensschicksale von Menschen erfahren, die von 1933 bis 1945 zeitweise in Leipzig gelebt haben und dem braunen Terror zum Opfer fielen. Auf Wilhelm Schilling weist zudem ein Stolperstein vor seinem ehemaligen Haus in der Katharinenstraße 9 hin, in dem er ein Zimmer bewohnte. Dass der gebürtige Zweenfurther nicht vergessen wird, ist auch Volker Anders zu verdanken. Der Leipziger ist ein Neffe von Schilling. Viel hat er zur Aufklärung um seinen Onkel beigetragen. Denn in der eigenen Familie wurde zunächst „nur wenig über ihn gesprochen, es herrschte äußerste Zurückhaltung. Ich habe nur von meiner Mutter gehört, dass er im KZ umgekommen ist.“ Erwachsen geworden, beginnt Anders zu recherchieren, „alle haben schließlich mitgeholfen, denn wie können wir einen solchen Mann in der eigenen Familie vergessen.“ Mühsam wird Bruchstück für Bruchstück ausgegraben. Anders stößt auf Urkunden aus dem Borsdorfer Taufregister, liest Dokumente von Zeitzeugen, fündig wird er auch im Militärarchiv Moskau. Ganze Ordner sind mittlerweile im heimischen Arbeitszimmer gefüllt, die wichtigsten Unterlagen wurden digitalisiert. Ein Foto zeigt Schilling als einen sensiblen, charakterfesten Mann. Was hat Anders über ihn heraus gefunden? „Der Willy stammte aus ärmsten Verhältnissen. In Zweenfurth muss seine Familie nur wenige Jahre gelebt haben, bekannt ist auch, dass sie später nach Beucha zog, wo 1906 Willys Schwester Helene geboren wurde.“Die Eltern siedeln nach Engelsdorf über, Schilling lernt Schlosser in einer Paunsdorfer Maschinenfabrik, besucht die Polytechnische Sonntagsschule, absolviert in Chemnitz erfolgreich ein Studium zum Ingenieur. Doch aus Gewissensgründen weigert er sich, in einem Maschinenbaubetrieb zu arbeiten: Denn dort würden auch Rüstungsgüter produziert, er wolle nicht an der Aufrüstung Deutschlands mitarbeiten, begründete der evangelische Christ immer wieder. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich als Musiklehrer. Mehrfach äußerte Schilling, der Gewalt widerwärtig fand, dass Hitler Kriegsabsichten habe. Im Januar 1939 geht der Friedensfreund mit einem Plakat durch die Nikolaistraße in der Innenstadt: „Hitler ist ein Verbrecher“, können die Leipziger dort lesen. „Willy war hochintelligent, er wusste, was ihn daraufhin erwartete“, so Anders. Gemeinsam mit weiteren Antifaschisten kommt der Kriegsgegner wenige Tage später in die Polizeihaftanstalt Leipzig. Das KZ Sachsenhausen, eine der schlimmsten Folterstätten des Regimes, ist die nächste Station. Bereits auf dem Weg, vom Bahnhof Oranienburg zum KZ, prügeln SS-Schergen primitiv auf die hilflosen Menschen ein. Nach der Ankunft im Lager teilt Schilling seiner Familie mit, dass Anfragen an die Kommandantur nicht gestattet seien und Strafe für den Häftling nach sich ziehen – auf einer weiteren Karte heißt es: „Barmherzig und gnädig ist der Herr… – … er behüte Dich vor allem Übel.“ Im November erreicht die Familie ein Telegramm: „Sohn Wilhelm am 4.11.39 19 Uhr Herztod verstorben. Lagerkommandant.“ Als Todesursache wird später Herzinnenhautentzündung angegeben. „Es fällt mir schwer, daran zu denken, was Willy in den wenigen Monaten dort angetan wurde“, gesteht Anders und verweist noch einmal auf jene Menschen, die seinen Onkel als einen Mann erlebt haben, „der immer bereit war, anderen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Er trat stets für Völkerverständigung ein.“ Christfried Meigen, ehemaliger Pfarrer der Leipziger Peterskirche, bescheinigt, dass er „Willy Schilling als einen treuen und aufrechten Mann gekannt habe, der den Mut hatte, nicht mit dem Strom zu schwimmen, er ließ sich durch nichts davon abbringen und ist schließlich aus diesem Grund verhaftet worden.“ Zu jenen, die das Schicksal Schillings berührt, gehört auch Eleonore Agne. Eine Ausstellung machte die in Zweenfurth Aufgewachsene mit dem mutigen Mann bekannt. Als Mitglied des Heimatvereins Borsdorf/Zweenfurth möchte sie noch mehr über ihn erfahren. „Vielleicht weiß jemand, wo seine Familie damals im Dorf gelebt hat.“ Darauf hofft auch Volker Anders: „Denn Willy Schilling soll auch an seinem Geburtsort Zweenfurth nicht vergessen sein.“ 

Ingrid Hildebrandt

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