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Biber erschafft sich seine Welt

Biber erschafft sich seine Welt

Trebsen/Seelingstädt. In Seelingstädt gibt es den Walteich, einen roten Löwen und sogar einen zahnlosen Tiger. So jedenfalls wird der Ortschaftsrat von Kritikern bezeichnet.

. Von wegen zahnlos. Die bissigen Räte um Ortsvorsteherin Susann Schumann informierten auf der jüngsten Sitzung über einen der ihren mit besonders ausgeprägter Backenmuskulatur. Es heißt, er könne mit seinen Zähnen sogar Bäume fällen – die Rede ist vom Biber.

Seit zwölf Jahren ist er nun schon mit Gattin am Kranichbach zu Hause und sorgt jährlich für bis zu drei Kinder. So Gott will, kann er hier noch lange groß einschlagen. Gott? Kirche? Gerade letztere fürchtet der Biber wie der Teufel das Weihwasser. Im Mittelalter musste er als beliebte Fastenspeise herhalten. Wegen seines geschuppten Schwanzes erklärten ihn die Pfaffen kurzerhand zum Fisch. Doch der Biber ließ sich nicht unterkriegen. Mit Hilfe engagierter Naturfreunde tauchte er wieder auf. Das Jahrhunderthochwasser 2002 wurde für das größte europäische Nagetier jedoch zu einer Art Sintflut. Etliche Biberburgen entlang der Mulde waren auf einen Schlag herrenlos.

Doch am Kranichbach nahe Seelingstädt feiert der bis zu einem Meter lange und 25 Kilo schwere Biber fröhliche Urstände. Hier ist er es, der Zahn um Zahn die Welt erschafft. Er baut Dämme. Er staut das Wasser an. Er haut ganze Bäume um. Den auf der Ortschaftsratssitzung anwesenden Seelingstädtern war das Treiben des bis zu 15 Jahre alt werdenden „Landschaftsgestalters" nicht egal. Kein Wunder: Mindestens einen Tag lang hatte das Dorf keinen Strom, da abgestorbene Erlen in die Freileitung stürzten.

Offenbar ist der Biber doch nicht von allen guten Geistern verlassen. Ist Gott womöglich um Wiedergutmachung bemüht? Jedenfalls entsandte er rettende Engel. Er machte, dass Naturschützer und Energieversorger einige Masten versetzten und Leitungen in die Erde verlegten. Der Naturschutzbund erwarb gar einen Teil des Grundstücks, damit der Biber auch weiter auf einstigen Blumenwiesen matschen kann. Ein Mitarbeiter des Landratsamtes traf sich extra mit Kollegen des Straßenbauamtes, um zu klären, ob der ständig bis oben hin gefüllte Durchlass in Frostperioden womöglich die Fahrbahn anheben könnte. Noch, so hieß es auf der Ratssitzung, bestehe keine Gefahr, was die Dorfgewaltigen Susann Schumann, Annett Jäger, Karolin Schmidt, Doris Galle und Ulrich Leipnitz aufatmen ließ.

Der Mitarbeiter des Landratsamtes wollte anonym bleiben – offenbar aus ermittlungstaktischen Gründen. Es sei kein Geheimnis: Der auf der Roten Liste stehende Biber hat nicht nur Freunde. Der Mann vom Amt musste bereits einige Male ausrücken, weil Biber von Menschenhand erschlagen wurden. „Ich ließ die Polizei mit Blaulicht vorfahren, damit alle sehen konnten, wie ernst wir es meinen", so der verdeckte Ermittler.

Friedlicher geht‘s in Seelingstädt zu: Bis auf die Jungen des Vorjahres, die aus dem Hotel Mama verjagt würden, um eigene Familien zu gründen, lebe der Biber im hiesigen Sumpfgebiet sicher. Hier kann er sich mit genügend Zweigen bevorraten, um im Winter an der Rinde zu knabbern, ohne den Bau verlassen zu müssen.

Nein, so ein Erlenbruch sei kein Schrebergarten, so der Mann vom Amt. „Wenn wir uns jetzt tot hinlegen, sind wir in drei Tagen voller Maden", sagte er dem Reporter: „Ähnlich ist das auch bei den Bäumen, die der Biber unter Wasser setzt und die dadurch ersticken. Das Totholz ist voller Leben. Es entstehen die verrücktesten Libellenarten. Und es ist ein beliebter Eisvogelbrutplatz." Na, dann wird auch der letzte Seelingstädter beruhigt sein.

Haig Latchinian

Haig Latchinian

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