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Brennstoff aus Mutzschen

Brennstoff aus Mutzschen

Das „Weiße Ross“ ist bekannt für sein schmackhaftes Schnitzel. Beim Vortragsabend des Heimatvereins drehte sich diesmal aber vieles um Grilletten. Nein, gemeint sind nicht die DDR-Hamburger, jene gegrillten Buletten im Brötchen, sondern der einst in Mutzschen abgebaute und nach Firmenchef Max Grille benannte Torf.

Mutzschen. Während dieser vor 10 000 Jahren entstand, ist die Braunkohle mehrere Millionen Jahre alt. Auch sie war Thema des gut besuchten Heimatabends.

Nach seinen beiden Töchtern habe der Ragewitzer Gutsbesitzer Friedrich August Schippan damals zwei Braunkohle-Abbaugebiete benannt: Aline und Flora. Flora? Ein blumiger Name für eine finstere Grube, weiß Heimatfreund Wolfgang Wittig, einst Lehrer in Mutzschen: „Zwar trugen die Bergleute statt Helmen ausrangierte Ausgehhüte mit daran befestigter Lampe. Aber ein Sonntagsausflug war ihr fast zwölfstündiger Arbeitstag nicht gerade. Schicht im Schacht war nicht mal zum Mittagessen: „Das Kochgeschirr wurde über Hunte in die Tiefe gelassen.“ Die bergbauliche Ausrüstung sei nicht die modernste gewesen, berichtet der 79-jährige Wittig. So gesehen habe es vergleichsweise wenige Unfälle gegeben. Und doch erinnert der Rentner an ein Unglück: „1902 brannte es in der Grube. Der Obersteiger wollte löschen. Da er giftige Gase einatmete und laut zu röcheln begann, eilte ihm der Mutzschener Hermann Ritter zu Hilfe. Vergebens. Am Ende starben beide.“

Der Bedarf an Kohle sei enorm gewesen, betont Wittig: „Pferdefuhrwerke transportierten den Brennstoff zu den Verbrauchern. 1929 sorgte ein besonders strenger Winter mit bis zu minus 32 Grad für eine noch größere Nachfrage. Die Tagebaue bei Leipzig waren eingefroren und so kamen auch großstädtische Kohlehändler nach Ragewitz.“ Durch den Krieg waren Leipzigs Abbaugebiete größtenteils beschädigt. Also steigerten die 68 Ragewitzer Beschäftigten ihre Produktion zwischen 1945 und 1946 von 20 000 auf rund 30 000 Tonnen pro Jahr.

Hier schließt der Wermsdorfer Chronist Eckart Säuberlich nahtlos an: „Die Kohleversorgung lag am Boden. Deshalb erließ die Sowjetische Militäradministration Befehle, wie zusätzliche Reserven erschlossen werden könnten. Unter anderem auch durch den Abbau von Torf.“ Größere Mengen vermutete man unter dem seit Mitte des 19. Jahrhunderts trocken gelegten und seitdem als Wiese genutzten Göttwitzsee. „Der Dahlener Unternehmer Max Grille führte eine Probegrabung durch und war begeistert. Nur drei Tage später bekam er den Zuschlag für den Abbau. Da sieht man mal, wie entscheidungsfreudig die Ämter damals waren“, witzelt Säuberlich. Anfangs diente der Torf als Brennmaterial, den Bauern aus der Umgebung selbst gewinnen mussten und zu Hause zu Ziegeln formten. Später wurde der Torf von Grille selbst abgebaut und zunehmend als Düngetorf zur Bodenverbesserung verkauft. Der gewiefte Tüftler habe schon bald eine eigene Torfpresse konstruiert. Seine Grilletten wurden auch überregional zum Renner. „1948 schaltete er im Neuen Deutschland eine Anzeige, in der er seine Ware anpries.“ Grille beschäftigte bis zu neun Leute. „Die brauchten gewiss kein Fitnessstudio. Die Arbeit war hart. Die Männer standen anderthalb Meter unter Niveau und beluden die Loren über Kopf.“ Da sich der Torf auch zur Behandlung von Rheuma eignete, habe es zwischenzeitlich gar Überlegungen gegeben, ein Kurbad einzurichten.

Die wirtschaftliche Situation in der DDR entspannte sich. Der Torf-Absatz ging zurück. Ente gut, alles gut. Säuberlich: „1959 beschloss die SED-Bezirksleitung, den Göttwitzsee wieder anzustauen und ein Entenkombinat anzusiedeln. Dem entschädigten Unternehmer Grille kam das sogar entgegen: Nun brauchte er seine Abbaufelder nicht mehr aufwändig für die Landwirtschaft herzurichten.

Haig Latchinian

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