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Grimma Buch über Kalten Krieg in Altenhain und Wurzen
Region Grimma Buch über Kalten Krieg in Altenhain und Wurzen
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00:22 08.05.2018
Militärhistoriker und Heimatforscher Dirk Reinhardt mit seiner neuen Broschüre und einem russischen Überbleibsel vorm Haupteingang der Muna in Altenhain. Quelle: Thomas Kube
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Trebsen/Wurzen

„Als ich 1997 begann, die Vergangenheit zu erforschen, war es politisch ruhig auf der Welt. Ich dachte, das Kapitel des Kalten Krieges ist für Europa abgeschossen. Aber im Grunde befinden wir uns schon wieder in einem.“ Dirk Reinhardt, der diese Worte spricht, fand heraus, wie speziell im Trebsener Ortsteil Altenhain und in Wurzen ein Stück Militärgeschichte im Konflikt zwischen Ost und West geschrieben wurde. Die Broschüre, die er diesen Sonntag öffentlich vorstellt, soll aber nicht nur Historiker interessieren, sondern auch helfen, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen.

Historische Beiträge für Heimatseite der LVZ

Seit langem schreibt der Autor historische Beiträge für die Heimatseite der Leipziger Volkszeitung. „Viele Leser baten mich, ob ich meine Zeilen nicht auch in Buchform herausbringen könnte“, sagt Reinhardt. Das hat er jetzt getan. Auf 57 Seiten widmete er sich speziell den nuklearfähigen Raketen, die seinerzeit die Sowjetarmee in der 1939 errichteten Heeresmunitionsanstalt, kurz Muna, und in der Wurzener Kaserne an der Eilenburger Straße vorhielt.

Die in der LVZ veröffentlichten Texte hat er für das Heft überarbeitet und etwas verlängert. „Dennoch konnte ich nicht jedes Detail aufnehmen, das hätte den Rahmen gesprengt“, schränkt er ein. Reich bebildert und mit zahlreichen Originaldokumenten und Lageplänen ausgestattet, soll das Werk trotzdem einen wesentlichen Überblick über das Geschehen zu DDR-Zeiten geben.

Lagen in Altenhain und Wurzen Atomsprengköpfe?

Die letzte aller spannenden Fragen vermag Reinhardt trotzdem noch nicht endgültig zu beantworten: Lagerten in Altenhain und Wurzen Atomsprengköpfe? „Alle Indizien sprechen dafür“, erklärt der 49-jährige Trebsener. „Ich sprach mit dem letzten Kommandeur der Muna, Iwan Iwanowitsch Kaleda, der mir versicherte, dass es sie hier gab. Aber erst ein Schriftstück wäre der 100-prozentige Beweis.“

Diesen könnte er wohl nur in russischen Archiven finden. „Sie würden sensationelle Entdeckungen bieten, sind aber immer noch weitgehend geschlossen“, bedauert der Hobbyhistoriker. Mehr sei da schon in den USA zu holen. Und dass in Deutschland die Akten der Staatssicherheit (Stasi) für jedermann zugänglich sind, wäre einzigartig in der Welt.

Spannende Details aus Archiven

In diesen Papieren stieß er darauf, wie wenig die DDR der Sowjetunion noch vertraute, als dort Michael Gorbatschow als Präsident Reformen einleitete. „Bekannt war dem Staat, dass in Altenhain und Wurzen Raketen liegen. Aber nicht, welche“, erläutert er. „Nun aber fand die Stasi heraus, dass die Sowjetarmee nukleare Gefechtsköpfe mit der Reichsbahn durch die DDR fahren ließ. Sie koppelte Wagen an die Züge an, die verschlossen waren.“ Dunkelmänner wurden die Transporte genannt. Sie durften nur nachts in Altenhain ankommen und abfahren. Das Licht am Bahnhof musste in dieser Zeit abgeschaltet werden. Auch davon weiß Reinhardts Broschüre Spannendes zu berichten, die als Spezial des Trebsener Sackblatts vom Verein „Trebsen erleben“ produziert wurde.

Animation einer Explosion einer Atombombe über Altenhain

Wären die nuklear bestückten Raketen zum Einsatz gekommen, dann nach Reinhardts Erkenntnissen wohl von den Abschussrampen in Weißenfels und Jena aus. „Möglicherweise hätten sie aber auch in unserer Region starten können, denn in Wurzen gab es mobile schießende Abteilungen“, erläutert er. Im Gegenzug wäre freilich ein Einschlag von der Gegenseite denkbar gewesen. In einer Animation stellt Reinhardt dar, wie sich die Explosion einer Atombombe von 17-facher Hiroshimakraft über Altenhain ausgewirkt hätte. „Ein Gebiet von Eilenburg bis Colditz, von Borsdorf bis Mutzschen wäre verstrahlt worden. Es hätte bis zu 10 000 Tote und 100 000 Verletzte gegeben“, ist er sich sicher.

Alle zwei Jahre wären in Ost und West neue Pläne geschmiedet worden, wie der Gegner angegriffen werden kann, um ihn zu vernichten. „Beide Seiten waren schuld“, sagt Dirk Reinhardt, der sich schon von Kindesbeinen an für Historie interessiert. „Heute gibt es wieder Kräfte, die politische und wirtschaftliche Interessen verfolgen, aber nicht für sich die Lehren aus der Geschichte ziehen. Sie versuchen die Welt in Konflikte zu treiben, dazu gehören Putin und Trump.“

Die Deutschen müssten aus seiner Sicht zwischen beiden Positionen verhandeln, würden sich aber auf eine von ihnen stellen. „Ich schreibe meine Texte, damit jeder die Abläufe von damals einordnen kann und die Grundlage hat, um beide Seiten zu verstehen“, betont er.

Dirk Reinhardt: „Geschichte(n) aus dem Kalten Krieg, 7,90 Euro, erhältlich beim Verein „Trebsen erleben“ und über seine Homepage www.muldental-history.de; Präsentation am Sonntag, ab 15 Uhr, im Heimathaus Altenhain, Dorfstraße 2

Von Frank Pfeifer

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