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Grimma Bürgermeister Matthias Schmiedel verabschiedet sich in Ruhestand
Region Grimma Bürgermeister Matthias Schmiedel verabschiedet sich in Ruhestand
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00:28 04.06.2018
Michael Hultsch, Bürgermeister von Bad Lausick, verabschiedet sich in der Zschadraßer Kirche von Amtskollegen Matthias Schmiedel. Quelle: Haig Latchinian
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Colditz

Er traute seinen Augen nicht: Als die 97-jährige Cora Anderseck die gut gefüllte Zschadraßer Anstaltskirche betrat, wurde selbst einem Politprofi wie Matthias Schmiedel warm ums Herz. „Ich war drei und sie mein Kindermädchen.“ Überhaupt geriet die Verabschiedung des Colditzer Bürgermeisters in den Ruhestand zum Heimspiel: „Zschadraß, das ist Heimaterde! Als Arztsohn bin ich hier groß geworden. Es war eine tolle Kindheit, mitten auf dem Klinikgelände – ein Staat im Staate“, holte Schmiedel aus und fuhr fort: „Als Stift illerte ich bei den ,Abenden der heiteren Muse’ immer durchs Fenster in die Garderobe. Einmal sah ich, wie sich ein Künstler sein Bein abnahm und es in die Ecke stellte: Ein Zauberer, platzte ich heraus. Nein, sagten die Älteren, ein Sänger ... der im Krieg verwundete Fred Frohberg.“

Matthias Schmiedel mit seinem früheren Kindermädchen Cora Anderseck (97) Quelle: Haig Latchinian

Abschied nach 28 Jahren

Mit Matthias Schmiedel nimmt einer der letzten sächsischen Bürgermeister-Dinos seinen Hut – nach 28 Jahren. Angefangen hatte seine Polit-Karriere in Hausdorf: „Es war 1990. Nach der ersten freien Wahl. Da saßen wir nun. Die Ratskollegen waren Betriebsdirektoren und Firmenchefs – die mussten sich alle erst mal um ihren eigenen Laden kümmern. Also war ich fällig. Ich sei jung, sie würden es mir zutrauen“, schaut der einstige Betriebshandwerker Schmiedel zurück. Sein langjähriger Wegbegleiter Gottfried Ulbricht (Für unsere Heimat) erinnerte an Schmiedels Coup, zur ersten Direktwahl des Bürgermeisters 1994: „In Hausdorf, Erlbach und Zschadraß kandidierte er gleichzeitig. Sein Slogan: ,Wer mich wählt, wählt die Großgemeinde.’ Er siegte und wurde Bürgermeister der fortan größeren Gemeinde Zschadraß, zu der ein Jahr später auch noch Tanndorf kam.“

Beliebter Bürgermeister

Am 1. Januar 2011 fusionierten Colditz, Zschadraß und Teile Großbothens. „Und wieder war es Matthias, der den Prozess forcierte, obwohl er als ,Hainbergianer’, wie sich die Zschadraßer gern selber nennen, ein ruhigeres Leben hätte haben können.“ Er sei ein beliebter und erfolgreicher Bürgermeister gewesen, betonte der Laudator. Ob bei unzähligen Bauprojekten, den verheerenden Fluten oder der 750-Jahrfeier – Schmiedel habe sich als Glücksfall für Colditz erwiesen, so Ulbricht: „Ja, aus Anlass von 70 Jahren Kriegsende wollte er 2015 sogar die britische Königin aufs Schloss holen!“ Immerhin, Botschafter Sir Simon Mc Donald kam tatsächlich, und Schmiedel wurde zur Gartenparty der Royals nach Berlin eingeladen.

Konstruktiver Kollege

Kein Gremium sei ihm zu viel gewesen, würdigte auch Landrat Henry Graichen (CDU) das Engagement dieses „konstruktiven Kollegen“, dessen Markenzeichen der rote Schal sei. Bis 2003 war Schmiedel noch Mitglied der SPD, trat dann aus, um unabhängiger vermitteln zu können, wie er sagte. Seine Amtskollegen aus dem Wurzener Land, Thomas Pöge (CDU/Thallwitz), Bernd Laqua (parteilos/Bennewitz) und Uwe Weigelt (SPD/Lossatal) dankten dem scheidenden Freund vor allem für seine Verdienste um das EU-Fördergebiet im ländlichen Raum. „Bis heute weiß kaum einer: Ohne Matthias wären wir nach sehr schwieriger Phase heute nicht eine der diesbezüglich fortschrittlichsten, innovativsten Regionen des Freistaates. Wir machen hier Dinge, von denen andere nur träumen“, so die Rand-Wurzener. 2004 gründete sich die ökologische soziale Stiftung Zschadraß. Deren Ziel: Die Kommune unabhängig von Energieriesen zu machen. Im städtischen Ofen verfeuert man noch immer Holzhackschnitzel und heizt damit Schule, Turnhalle, Kindergarten, Hort sowie Verwaltung.

Mann mit offenen Ohr

Jörg Schülert vom Männerchor Liedertafel bescheinigte dem Stadtoberhaupt stets ein offenes Ohr – der Sänger bot dem angehenden Rentner sogar die aktive Mitgliedschaft an: „Das würde auch unseren Altersdurchschnitt erheblich nach unten drücken.“ Allgemeine Volksbelustigung. Anerkennende Worte gab es auch von Roberto Schimana, Geschäftsführer der Diakoniewerke Zschadraß, Pfarrerin Angela Lau und Nachfolger Robert Zillmann. Dem parteilosen 33-Jährigen, der am 1. Juni, sein Amt antritt, wünschte Schmiedel ein jederzeit glückliches Händchen: „Das Feld ist bestellt.“ Der Bürgermeister sei immer nur so gut wie die Verwaltung. Entsprechend bat Schmiedel nacheinander aktuelle und ehemalige Kollegen auf die Bühne, etwa Hans-Peter Kiesel, Jürgen Uhlig, Angelika Rößner.

Gute Kinderstube

Der Schlüssel des Erfolgs bleibe seine gute Kinderstube, schloss Schmiedel. „Mein Vater rettete einem ihm zunächst unbekannten Chemnitzer gleich zweimal das Leben: An der Ostfront nach einem Volltreffer und später in Zschadraß im Kampf gegen Tbc. Aus Dankbarkeit und weil er Obsthändler war, schickte er uns Kindern zu Weihnachten ein Paket mit Südfrüchten. Mein Vater ordnete an, den kostbaren Inhalt nur zur Hälfte aufzufuttern. So passte noch ein selbst gebackener Stollen rein. Damit fuhren wir nach Hohnstädt und übergaben das nun wieder volle Paket im kirchlichen Altersheim.“ Man müsse teilen, in guten wie in schlechten Zeiten, habe der Vater den nichts ahnenden Kindern zu erklären versucht.

Von Haig Latchinian

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