Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Grimma Busunglück bei Colditz: „Wir hatten 100 Rettungsengel“
Region Grimma Busunglück bei Colditz: „Wir hatten 100 Rettungsengel“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:16 30.10.2018
Nach dem schweren Schulbusunfall am Montag gegen 7.15 Uhr auf der B107 bei Colditz stehen die Telefone nicht still. Quelle: Frank Schmidt
Colditz/Grimma

„Eine Glasscheibe im Kopf wäre doch ein gutes Halloween-Kostüm.“ Auch am Tag danach war der sechsjährige Jino in Gedanken noch ganz bei dem schweren Busunglück mit 14 Verletzten. Der Junge saß mit seiner zehnjährigen Schwester Janin im 626-er Bus, musste mit ansehen, wie Kinder der nur Minuten eher gestarteten Linie 619 an der Unfallstelle weinten, wie Eltern besorgt riefen und Retter beherzt halfen. Wie berichtet, kollidierte ein Schulbus auf der B 107 zwischen Schönbach und Leisenau mit einem Audi. Dieser war zuvor aus bislang ungeklärter Ursache auf die Gegenfahrbahn geraten. Der schwer verletzte Insasse musste von der Feuerwehr aus dem Wrack befreit werden. Nach neuesten Angaben befanden sich mehr als 40 Kinder und Jugendliche im Bus. Sie mussten diesen über die Notausstiege der Seitenscheiben verlassen.

Die Schönbacher Mutti Katrin Juhrich steht telefonisch in ständigem Kontakt mit Lehrern und Eltern. Quelle: Haig Latchinian

Eigentlich interessiere sich ihr Sohn sonst nicht für den Grusel rund um die Kürbisse, wundert sich Katrin Juhrich. Aber irgendwie müsse er die schrecklichen Ereignisse ja verarbeiten. An jenem bitterkalten Montagmorgen hatte die Mutter zwei ihrer Kinder in Schönbach in den Bus gesetzt. Das Ziel: die Grundschule Großbothen. Weil sie selbst einen Termin in Grimma hatte, machte sie sich wenig später mit dem Auto auf den Weg in die gleiche Richtung: „Schon von weitem habe ich die blinkenden Warnleuchten des im Graben gelandeten Busses gesehen.“ In der Abzweigung zum Stausee parkte die Mutter ihren Wagen. Feuerwehrmann Kay Matetschk lief ihr entgegen. Er alarmierte weitere Kameraden. Wenig später heulten in und um Schönbach die Sirenen.

Der Audi, der unvermittelt auf die Gegenfahrbahn geriet und mit dem Bus kollidierte, ist nur noch ein Wrack. Quelle: Frank Schmidt

Dass ihre eigenen Kinder unverletzt blieben – für sie nur ein schwacher Trost. Katrin Juhrich ist Elternsprecherin der Grundschule Großbothen: „Es war schlimm. Ein Mädchen verlor einen Zahn. Ein Junge blutete am Mund. Ein weiterer klagte über Kopfschmerzen. Überall Glassplitter und Schnittwunden.“ Die Kinder waren geschockt, weinten und zitterten. Die Mutter informierte die Eltern, beruhigte die Kleinen, reichte ihnen Taschentücher. Und sie lobt Polizei, Retter sowie Busfahrer: „Alle arbeiteten sehr umsichtig, waren stets bemüht, die dramatischen Bilder vor den Kindern abzuschirmen.“

Kriseninterventionsteam im Einsatz

Unterdessen hatte Steffen Kunze vom Brand- und Katastrophenschutz der Stadt Grimma das Kriseninterventionsteam des Landkreises alarmiert. Das traf wenig später in Großbothen ein, um den Kindern in der Grundschule seelisch beizustehen. Direktorin Kerstin Arnold: „Wir haben alle Betroffenen in einen separaten Raum gesetzt und mit ihnen gesprochen.“ Man habe den Schülern die Angst vorm Busfahren nehmen und sie darin bestärken wollen, am nächsten Morgen wieder einzusteigen. Auch Anja Wojtyschak und ihre Kollegen vom Hort waren am Tag danach um Rückkehr zur Normalität bemüht. Das Halloweenfest fand wie geplant statt.

„Wir hatten 100 Rettungsengel“

„Wir hatten 100 Rettungsengel“, sagt Mutti Katrin Juhrich. Ihrer Meinung nach hätte es noch schlimmer ausgehen können. Dass den Kindern ernste Verletzungen erspart blieben, sei Glück im Unglück: „Die drei Großbothener Grundschüler, die im Unfallbus saßen, waren schon am Dienstag wieder in der Schule.“ Sie selbst sei am Morgen danach zur Haltestelle gelaufen, um zu schauen, wie sich die Kinder verhielten, sagt die Mutter: „Alle sind sie wieder in den Bus gestiegen. Ich musste niemanden mit dem Auto bringen.“ Katrin Juhrich fuhr am Unglückstag noch liegen gebliebene Ranzen und Turnbeutel zu den Eltern. Sie bedankt sich beim Busunternehmen, das ein Ersatzfahrzeug schickte, so dass kein Kind unnötig frieren musste.

Er bedauere den Unfall zutiefst, sagt Thomas Fröhner von Regionalbus Leipzig. Im Busunternehmen habe das Ausmaß des Zusammenpralls niemanden kalt gelassen. Er wünscht den Verletzten gute Besserung, vor allem dem Audifahrer, den es besonders schlimm erwischte. Laut Polizei liegt er noch immer im Krankenhaus. Die Busfahrerin habe die Kollision nicht verhindern können, so Fröhner: „Das Auto kam völlig unvermittelt auf die Gegenfahrbahn.“

Von Haig Latchinian

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Bei einem Auffahrunfall in der Ausfahrt Naunhof an der A 14 Richtung Dresden sind am Dienstagnachmittag zwei Fahrer leicht verletzt worden. Die beiden Fahrzeuge blockierten die Straßen nach Brandis und Naunhof und sorgten für Rückstau auf die Autobahn.

30.10.2018

Am Tag nach dem schweren Busunfall auf der B 107 bei Colditz bemühen sich Schüler und Lehrer der Grundschule Großbothen um Normalität. Alle Kinder waren am Morgen zum Unterricht erschienen, auch die drei verletzten Schüler. Am Nachmittag findet im Hort wie geplant das Halloweenfest statt.

30.10.2018

Für den neuen Aldi-Markt in Grimmas Innenstadt wird derzeit der Bebauungsplan erarbeitet. Mit dem Markt erhält die Weberstraße ein neues Gesicht: Sie wird verbreitert und beidseitig befahrbar sein.

29.10.2018