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Chef der Schiffsmühle Höfgen verunglückt: Schicksal spielt Familie übel mit

Tragischer Jagdunfall Chef der Schiffsmühle Höfgen verunglückt: Schicksal spielt Familie übel mit

Trauer im Grimmaer Ortsteil Höfgen: Der langjährige Wirt der Schiffsmühle, Steffen Sörnitz, verletzte sich am Montag bei der Jagd tödlich. Sein Sohn Thomas, der ihn am nächsten Morgen direkt neben dem erlegten Rehbock entdeckt hatte, geht von einem tragischen Unfall aus.

In Höfgen will Sohn Thomas das Erlebnishotel „Zur Schiffmühle“ im Sinne des Vaters fortführen.
 

Quelle: Klaus Peschel

Grimma/Höfgen. Der Vater habe am Montagabend den Schuss seines Lebens abgefeuert. Es sei ein Sechser gewesen, ein starker Rehbock, sagt der Sohn und ringt kopfschüttelnd mit den Tränen: „Er war so ein guter Schütze. 35 Jahre ging er begeistert zur Jagd. Er zielte immer genau. Doch diesmal traf er das Tier offenbar nicht tödlich.“ Thomas Sörnitz (46) hatte seinen Vater am nächsten Morgen regungslos auf dem Feld liegend entdeckt. Mutter Silvia meldete sich zuvor telefonisch beim Sohn, machte sich große Sorgen, weil ihr Mann noch immer nicht zurück war. Daraufhin suchten und fanden sie ihn. „Direkt neben dem Rehbock“, kann es Sohn Thomas noch immer nicht fassen. Er geht von einem tragischen Jagdunfall aus. Er könne nur mutmaßen: „Sicher war der Sechser benommen und drehte sich im Kreis. Daraufhin hat mein Vater wohl versucht, ihm mit der Finte den Gnadenstoß zu verpassen. Dabei muss sich versehentlich der Schuss gelöst und ihn selbst in der Bauchgegend getroffen haben.“

Die Trauer um Steffen Sörnitz (67) ist groß im kleinen Dorf Höfgen. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht vom Tod des bekannten und beliebten ehemaligen Schiffsmühlen-Wirtes. „Mir ist es eiskalt den Rücken runtergelaufen“, ringt Siegmar Schuricht um Worte. Der 66-Jährige wohnt im Nachbardorf Kaditzsch und erinnert sich noch gut, wie er in Jugendjahren mit seinen Kumpels Frank Risse, Herbert Köhler und eben Steffen Sörnitz zum Zelten an die Kriebstein-Talsperre gefahren war: „Wir gingen zusammen zur Disco nach Großbardau und ins Kino nach Grimma.“ Steffen habe seinen Eltern Gerhard und Erna in der Schiffsmühle schon beizeiten geholfen. „Wir jungen Kerle standen manchmal mit in der Küche und leisteten ihm Gesellschaft. Er war ein exzellenter Koch, nach seiner legendären Sülze leckten wir uns alle zehn Finger.“

Nachdem Steffen Sörnitz die Schiffsmühle 1977 übernommen hatte, arbeitete Schuricht eine Zeit lang als dessen Hausmeister und bereite die Salate zu: „Außerdem belieferte ich Steffen mit eigenen Champignons – zu DDR-Zeit eine absolute Rarität.“ Das Schicksal habe der Familie Sörnitz so übel mitgespielt, sagt Siegmar Schuricht: „Da waren die zwei schlimmen Hochwasserkatastrophen 2002 und 2013. Doch damit nicht genug: Steffen hatte einen riesigen Hirntumor. Der musste operativ entfernt werden. Wie durch ein Wunder wurde er tatsächlich wieder ganz gesund. Im vorigen Jahr dann die niederschmetternde Nachricht: Sein Sohn Mario starb nach schwerer Krankheit.“ Mario sei der beste Freund seines Sohnes Thomas gewesen, sagt Schuricht: „Mein Junge lebt in Polen, in den Masuren. Als es Mario immer schlechter ging, war er sofort zur Stelle und besuchte ihn auf der Palliativstation des Wurzener Krankenhauses. Noch heute ist er Marios Sohn Max in besonderer Weise verbunden.“

Max arbeitet als Kellner in der Schiffsmühle. Genau wie sein Cousin Karl Felix, derzeit Lehrling im Steigenberger-Hotel in Leipzig, tritt er ganz bewusst in die Fußstapfen seines Opas. „Das Leben muss irgendwie weiter gehen“, denkt Thomas Sörnitz mit keiner Silbe ans Aufgeben. Das hätte sein Vater nicht gewollt. Vielleicht steht auch deshalb in großen Lettern an der Mauer: „Glaube an Wunder, Liebe und Glück! Schau’ nach vorn und nicht zurück! Tu’ was du willst und steh’ dazu, denn dein Leben lebst nur du.“

Auch Uwe Andrich (62), Physiker und Betreiber der Denkmalschmiede Höfgen, trauert um den Toten. „Wie jeder Leipziger kenne auch ich die Schiffsmühle schon von Kindesbeinen an. Jedes Jahr pilgerten meine Eltern und ich mindestens einmal hier her. Damals war es noch ein ganz kleines Gasthaus. Wir saßen um einen wunderbaren Lindenbaum, es gab ein Dutzend Biertische und vor allem – leckere rote Fassbrause.“ Viel später zeigte ihm Steffen Sörnitz ein winziges gebasteltes Modell der Schiffsmühle, Namenspatron des benachbarten Restaurants. Es war der Moment, als der Wissenschaftler beschloss, genau diese 1871 abgebrannte, auf der Mulde schwimmende, historische Schiffsmühle 1:1 wieder aufzubauen. „Ohne Steffen Sörnitz würde es die hölzerne Schiffsmühle heute nie und nimmer geben. Und auch nicht den gepflegten Juttapark. Das Rad der Mühle pumpt das Wasser 50 Meter hinauf in die Zisterne des Aussichtsturmes, wodurch der Park bewässert wird und der Springbrunnen sprudelt.“ Er – Sörnitz – sei ein Unternehmer mit Haut und Haar gewesen, der 1992 sogar das Wagnis einging, zusätzlich zum Gasthaus auch noch ein Hotel mit 63 Betten zu eröffnen, ist Andrich voll des Lobes: „Er war ein vergnüglicher Gesprächspartner, anregender Philosoph und ausgewiesener Menschenkenner.“

Grimmas Oberbürgermeister Matthias Berger verneigt sich vor der Lebensleistung des langjährigen Schiffsmühlenwirtes: „Die Familie hat es nie leicht gehabt. All die Schicksalsschläge. Ich kann Sohn Thomas Sörnitz nur ganz fest die Daumen drücken, dass es ihm einmal mehr gelingt, wieder aufzustehen.“

Markus Römisch (36) ist einer von 45 Mitarbeitern. Der Küchenchef hatte damals bereits in der Schiffsmühle gelernt, konnte sich bei seinem Meister, Steffen Sörnitz, viel abschauen: „Seine sächsische Hausmannskost war ungeschlagen. Bis zuletzt hatte er in der Küche mitgeholfen, kochte noch in der vorigen Woche seine Sülze.“ ,Steffens Schweinesülze’ werde auch künftig nie auf der Speisekarte fehlen, verspricht der Küchenleiter.

Sein Vater war ein ganz Lieber, der ein Leben lang gearbeitet und sich selber kaum etwas gegönnt hat, weiß Sohn Thomas. „Er ist gerade mal ein Jahr im Ruhestand, ausgerechnet jetzt, da er ein bisschen Zeit auch für sich gehabt hätte, passiert diese Tragödie“, sagt der Chef. Mit seiner Mutter, Ehefrau Ina und den Kollegen stehe er jetzt ganz allein da. Der Vater werde ihm sehr fehlen, als Freund, Berater und Jäger: „Er hatte sein Wild immer selbst zerlegt.“ Die Ideen von einst sind inzwischen alle Wirklichkeit – von der Minigolfanlage über den Abenteuerspielplatz bis zur Bowlinggrotte. Auch die eigene Hochwasserschutzmauer steht. „Da muss es einfach weitergehen!“

Von Haig Latchinian

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