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Grimma Colditzer Turnhalle verwandelt sich in ein Opernhaus
Region Grimma Colditzer Turnhalle verwandelt sich in ein Opernhaus
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00:30 05.03.2018
Der französische Gewandhausorchester-Geiger Tristan Thery lässt zur Feier des Tages den kleinen Colditzer Drittklässler Elias Schlender ran. Quelle: Andreas Döring
Colditz

So einen Mitspieler hat Marlon Rothe aus der 4 a noch nie gehabt. Der kleine laufende Meter im Totenkopf-Sweatshirt geht mit keinem Geringeren als Tobias Haupt auf Korbjagd. Der lange Lulatsch im schwarzen Anzug und mit fliegendem roten Schlips ist ein Star. Weniger im Basketball als vielmehr im weltberühmten Leipziger Gewandhausorchester.

Die Leipziger Oper und das Gewandhausorchester waren in der Grundschule Colditz zur Auführung des Märchens „Hänsel und Gretel“ zu Gast.

Weil der Geiger noch etwas Zeit bis zur Abfahrt seines Busses hat, kickt er ein paar Bälle, wie früher, als er so jung wie Marlon war. Das ungleiche Team – ein Bild für die Götter. Unterdessen verschwinden die Kollegen Karin Lovelius, Andreas Kuhfuß und Mirjam Neururer auf der Bühne in jeder Menge Schülertrauben, geben ein Autogramm nach dem anderen.

140 junge Zuschauer

Die Colditzer Dreifelderturnhalle verwandelte sich am Donnerstag in ein Opernhaus. Bühne, Orchester, Scheinwerfer – Solisten der Oper Leipzig und das Gewandhausorchester spielten Engelbert Humperdincks „Hänsel und Gretel“ in einer Fassung für junge Zuschauer. 140 Kinder sahen das Märchen in drei Bildern. Zwei Euro mussten die Mädchen und Jungen selber berappen, jeweils drei Euro pro Kind schoss die Grundschule dazu: „Das wiederum finanzieren wir über unsere Altpapiersammlung. Drei Container stehen in der Schule. Im Jahr kommen da bis zu 600 Euro zusammen“, so Direktorin Katrin Knoll, die die Oper bereits zum dritten Mal nach Colditz holte.

Die Leipziger Oper und das Gewandhausorchester waren in der Grundschule Colditz zur Auführung des Märchens „Hänsel und Gretel“ zu Gast. Quelle: Andreas Döring

Aber der Reihe nach: Als die prominenten Künstler morgens die Mehrzweckhalle betreten, hält ihnen der über beide Ohren strahlende Viertklässler Julian Jentzsch höflich die Tür auf: „Kaffee und Kuchen gibt’s oben.“ Joey Reuter und Sina-Marie Scholz weisen den Weg zu Umkleide und Toilette. Derweil kümmert sich Bühnenbauer Ulrich Peter mit Schülern um die Technik. Die Mütter Kathleen Weber und Katrin Hofmann haben sich extra frei genommen, schmieren fleißig Käse-, Salami- und Schinkenbrötchen für die ausgehungerten Sänger.

Keiner muss still sitzen

Niemand musste still sitzen. Die Kinder machten es sich auf Turnmatten bequem. Überhaupt kam manches anders und zweitens als gedacht: Die Hexe war ein Mann (Dan Karlström, ein schwedischsprachiger Finne), Hänsel (Sandra Maxheimer) dagegen ein Mädchen. Es gab keine Posaunen und keine Pauken, weniger Holz und weniger Blech, dafür aber eine Frau, die mit einer riesigen Trommel für Wind sorgte, und ein Mann, der mit dem Heilig’s Blechle allerhand Donner fabrizierte, nicht Döner, wie ein Mädchen in der hinteren Reihe auf dessen Hemd zu lesen glaubte.

Die frisch-frechen Hanna und Greta könnten dem Colditzer Sophienplatz entsprungen sein. Mitten auf der Bühne wundern sie sich über die altbackene Mucke in der Turnhalle und schießen ein Selfie vor der komischen Küche, in der es nicht mal einen Kühlschrank gibt. Dirigent Christian Hornef stellt sie zur Rede, erklärt ihnen die Instrumente und ehe man sich’s versieht wird aus Hanna Hänsel und aus Greta Gretel.

40 Musiker, Sänger, Techniker, ...

„Brüderchen, komm’ tanz’ mit mir, beide Hände reich’ ich dir. Einmal hin, einmal her, rund herum das ist nicht schwer.“ Bevor die armen Eltern vom Markt kommen, beschließen Hänsel und Gretel in den Wald zu gehen. Sie wollen Beeren sammeln. Sie verlaufen sich und erreichen ein Pfefferkuchenhaus. Sie knabbern daran und plötzlich meldet sich eine Stimme: „Knusper, knusper, knäuschen ...“

Die Leipziger Oper und das Gewandhausorchester waren in der Grundschule Colditz zur Auführung des Märchens „Hänsel und Gretel“ zu Gast. Quelle: Andreas Döring

Das war auch der Titel des Vormittags. Spielleiterin Gundula Nowack hatte die sonst durchkomponierte Oper extra für Kinder umgeschrieben und Dialoge hinzugefügt: „Die Schüler verstehen die gesungenen Texte nur sehr schwer, deshalb halten wir sie mit dem zusätzlich gesprochenen Wort bei der Stange.“ Mit ihren gut 40 Musikern, Sängern, Technikern, Maskenbildnern, Ankleidern und Komparsen reise sie gern ins Leipziger Umland.

Wissbegierige Kinder

Die Kinder dort seien wissbegierig, dankbar, eben noch nicht so satt wie manch Gleichaltrige in der Großstadt. „Wenn man bedenkt, dass so eine Vorführung fast 4000 Euro kosten würde, sind die etwas mehr als 600 Euro beinahe ein Geschenk unsererseits.“ Das Gastspiel sei nicht zuletzt Werbung in eigener Sache: „Sollte sich zu Weihnachten auch nur ein Kind von seinen Eltern einen Opernbesuch in Leipzig wünschen, hätten wir gewonnen.“

Es kommt, wie es kommen muss. Die Hexe im güldenen Gewand mag keine dünnen Kinder, weil die nicht schmeckten. Flugs wird ihr Reifrock zum Käfig, in dem Hänsel mit Rosinen und Mandeln gemästet wird. Da kann die Hexe noch so oft auf ihrem fliegenden Besen reiten, am Ende landet sie selbst im Backofen. Und als dann auch noch die Eltern aufkreuzen, ist die Wiedersehensfreude groß.

Kinderbeifall ist der schönste Lohn

Für Arrangeur Rainhard Leuscher war der Beifall der Kinder, allen voran Justin René Berger, der schönste Lohn: Man spüre den Stolz der Schüler, dass gestandene Künstler extra zu ihnen kommen und nicht umgekehrt. Bassklarinettist Volker Hemken, der in Höfgen bei Grimma wohnt, erzählte seinen Kollegen vom kultigen Fluchtflugzeug, das damals eingesperrte alliierte Offiziere auf Schloss Colditz zimmerten.

Jürgen Kurth, der Hänsels und Gretels Vater mimte, erinnerte an Ludwig Schumanns Schicksal. Der Sohn des Komponisten Robert Schumann kam auf der im Schloss angesiedelten einstigen Landesirrenanstalt zu Tode. Leider hatten die Künstler keine Zeit mehr für einen Stadtbummel: Die nächste Probe, der nächste Auftritt wartete.

Schüler stehen gut im Stoff

Jamie Keller aus der 1 a nutzt noch schnell die Chance, um Cellisten Daniel Pfister zu fragen, wo er überall schon gespielt hat: „In New York, Tokio, Paris, Wien ... und heute in Colditz!“ Drittklässler Elias Schlender darf sogar kurz auf der Geige des Franzosen Tristan Thery spielen, ehe er sich eine Autogrammkarte sichert.

Die Künstler loben, wie gut die Schüler im Stoff stehen. Und das, obwohl Theaterpädagogin Heidi Zippel, die sonst eine kleine Einführung gibt, krankheitsbedingt fehlt. Derweil genießt Geiger Tobias Haupt im hinteren Teil der Halle den verdienten Auslauf. Gern hätte der Hobby-Basketballer noch ein bisschen länger mit Marlon Rothe gebolzt, aber der Bus steht schon zum Einsteigen bereit.

Oper mobil

Seit 2001 gibt es die Initiative unter dem Motto: Oper mobil. Dabei reisen Mitglieder der Oper Leipzig und des Gewandhausorchesters in Orte des Leipziger Umlandes und gastieren mit einem auf die jungen Zuschauer zugeschnittenen Programm. Zweimal im Jahr touren die Künstler zu jeweils vier bis sechs Terminen in der Woche. Voraussetzung ist eine Turnhalle oder ähnliches.

Interessierte Schulleitungen können sich jederzeit mit den beiden Musiktheaterpädagoginnen der Oper Leipzig, Christina Geißler (Tel. 0341/1 26 13 13) oder Dr. Heidi Zippel (Tel. 0341/1 26 13 24) in Verbindung setzen, um einen Termin festzumachen. Fällig wird für die Schüler ein eher symbolischer Unkostenbeitrag, wobei die Veranstalter Wert darauf legen, dass auch Kindern aus sozial schwächeren Elternhäusern ein Besuch ermöglicht werden sollte.

Vor den Gastspielen kommt in der Regel eine Theaterpädagogin in die teilnehmende Schule, um die Kinder in das Stück einzuführen.

Von Haig Latchinian

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