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Grimma DDR-Geheimdienst verhörte Opfer in Grimmaer Keller
Region Grimma DDR-Geheimdienst verhörte Opfer in Grimmaer Keller
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00:22 12.02.2018
Blick in zwei der einst als Gefängniszellen genutzten Kellerräume im Haus Colditzer Straße 14. Quelle: Bert Endruszeit
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Grimma

In dem Einfamilienhaus in der heutigen Colditzer Straße 14 – damals hieß sie Ernst-Thälmann-Straße – hatten sich bis zum März 1953 Mitarbeiter des DDR-Geheimdienstes eingerichtet. Eine Einquartierung mit russischer Vorgeschichte, wie Hauseigentümer Klaus Uhlig (78) weiß: „Meine Großmutter wollte kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges im damals leerstehenden Haus nach dem Rechten sehen. Ein russischer Posten verhinderte das jedoch. Wie sich herausstellte, hatten sich dort russische Offiziere Wohnungen eingerichtet.“

Zum Kriegsende hatten russische Offiziere das Gebäude besetzt

Damals wurde nicht nur die Wohnung kurzerhand von der Besatzungsmacht beschlagnahmt, sondern auch alle Möbel und Einrichtungsgegenstände. „Diese Dinge waren damals unersetzlich“, so Uhlig. Seine Familie hatte zwar eine Wohnung in Grimma erhalten, die Möbel blieben jedoch im beschlagnahmten Wohnhaus schräg gegenüber der Gattersburg.

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In Grimma hat die Staatssicherheit der DDR den Keller eines Hauses in der Colditzer Straße für de Inhaftierung und Verhöre von Gefangenen genutzt. Hinweise darauf sind bis heute erhalten geblieben.

Bis heute belegen Briefe an die russische Kommandantur die damalige Situation. Uhligs Großvater bat im November die russische Kommandantur, ihm die Möbel zurückzugeben. Eine Antwort fand sich in den Unterlagen nicht – im Gebäude hatte weiterhin die Besatzungsmacht das Sagen.

DDR-Geheimdienst richtet sich Ende 1949 in Grimma ein

Ende 1949 räumten die russischen Offiziere das Gebäude. „Meine Mutter wollte dann mit mir und meinen Geschwistern in das nun leerstehende Haus einziehen.“ Die Hoffnungen zerschlugen sich jedoch. „Hier ist jetzt eine Behörde“, hieß es damals knapp. Bürokratisch korrekt wurde am 3. November ein offizieller Mietvertrag abschlossen. Vertragspartner damals war das „Ministerium des Innern, Verwaltung II, Registrierabteilung“.

Wer das Gebäude tatsächlich nutzte, blieb jedoch nicht lange verborgen. Die monatliche Miete von 135 Mark zahlte offiziell die Stasi. Klaus Uhlig fand die Einzahlungsquittungen in alten Unterlagen. „Was sich aber im Haus abspielte, das wusste damals niemand. Unsere Nachbarn erzählten uns, dass in der Nacht immer Leute gebracht und wieder fortgeschafft wurden.“ Angesichts dieser Beobachtungen lag es auf der Hand, dass dort Verhöre stattfanden und Gefangene einsaßen.

In Uhligs Hausdokumenten findet sich zudem ein Brief vom April 1950, in dem sich sein Großvater beim Ministerium für Staatssicherheit in Dresden darüber beklagte, dass auf dem Grundstück ohne seine Genehmigung ein Hundezwinger gebaut wurde. Offenbar waren das nicht die ersten Umbauten, die der Geheimdienst ohne Wissen des Eigentümers durchführen ließ. Wie ein Stasi-Schreiben belegt, trennte die Behörde damals den vorderen Teil des Grundstücks mit einem Lattenzaun vom hinteren Gartengelände ab. Der Dresdner Stasi-Kommandeur Reichert betonte in einem Schreiben vom 30. März 1950, dass „aus dienstlichen Gründen das Betreten des von uns gemieteten Grundstücks nach wie vor nur mit Genehmigung unseres dortigen Dienststellenleiters erfolgen kann“.

Stasi hinterlässt eindeutige Spuren

So schnell wie die Staatssicherheit damals das Grundstück in Beschlag nahm, so schnell verließ sie es auch wieder. Der Mietvertrag wurde am 5. März 1953 mit sofortiger Wirkung gekündigt – Uhligs konnten schon wenige Tage später wieder einziehen.

Auf die Idee, mögliche Spuren zu verwischen, kam die Staatssicherheit jedoch nicht. „Die Kellerfenster hatten innen dicke Gitterstäbe erhalten. An den Kellerwänden fanden sich Befestigungen für Betten und Tische“, so Uhlig. Überaus verräterisch waren jedoch Spuren, die die Gefangenen der Stasi an den weiß gekalkten Wänden hinterließen. „Meiner Mutter war damals gleich klar, dass die Kellerräume als Gefängnis genutzt wurden“, erinnert sich Uhlig. Denn eingeritzt wurden nicht nur Namen und konkrete Jahreszahlen, sondern auch die typischen Striche, die Häftlinge überall auf der Welt für jeden verflossenen Tag in Haft hinterlassen.

Inschriften von Häftlingen bis heute sichtbar

Die Staatssicherheit hatte nach ihrem Auszug offenbar alles nur einmal dünn mit weißer Farbe überstrichen. Die Einritzungen der Häftlinge verschwanden dabei jedoch nicht, so dass viele Spuren bis heute lesbar blieben. Manchmal finden sich auch Hinweise auf Namen. „v.H. Ka. Zott. vom 11.8.51“ ritzte ein Häftling in die Wand, versehen mit rund 20 senkrechten Tagesstrichen. Gleich doppelt findet sich die Aufschrift „Gott lebt“, einmal zusätzlich mit einem Kreuz versehen.

Was in den hier Inhaftierten damals vorgegangen sein mag, lässt sich nur erahnen – sicher Hoffnung, aber wohl auch Verzweiflung. Unklar ist auch, was einen der Häftlinge bewogen haben mag, SS-Runen einzuritzen. Denkbar ist, dass hier tatsächlich ein früherer SS-Angehöriger einsaß, doch auch eine pure Provokation gegenüber der Stasi könnte denkbar sein.

Die meisten Signaturen sind kurz, oft sind nur ein paar Zahlen und Striche zu erkennen. Manche Spuren lassen sich nur noch erahnen. Sicher ist jedoch, dass sich im Keller des Hauses damit wohl einzigartige Spuren aus den frühen Jahren des DDR-Geheimdienstes erhalten haben.

Geblieben sind Erinnerungen – viele Jahre später schaute sich sogar mal ein ehemaliger Häftling in den Kellern um. „Der Mann wohnte mittlerweile im Rheinland und war mit seinem Sohn hier. In unserem Keller hat er vieles wiedererkannt“, erzählt Uhlig.

Von Bert Endruszeit

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