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Grimma Das Geheimnis des Altwerdens – Herbert Ihle wird 103
Region Grimma Das Geheimnis des Altwerdens – Herbert Ihle wird 103
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00:21 29.10.2017
103 Jahre alt, fit und altersweise: Herbert Ihle hat heute Geburtstag. Im Video auf www.lvz.de/grimma verrät der Grimmaer das Geheimnis eines langen Lebens.
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Grimma

Die Hände sind immer in Bewegung. Herbert Ihle reibt und knetet sie, streicht über die Wolldecke neben ihm, berührt den Bettpfosten. „Meine Hände sind in Russland ziemlich erfroren. Ich hab’ da nicht mehr so richtig Gefühl drin“, sagt er und tippt einzelne Finger an. Dann schiebt er das Thema schnell beiseite: „Na ja, ist alles lange her.“

Der alte Mann will sich nicht an 103 Jahre im Detail erinnern. Doch an seine Kindheit denkt er gern und oft zurück. Am 26. Oktober 1914 kam der kleine Herbert in einem Dorf im Erzgebirge zur Welt. Der Vater war schon Soldat im Ersten Weltkrieg. Die Mutter lebte mit Herbert und seinem vier Jahre älteren Bruder bei der Großmutter. „Wir hatten ein bisschen Landwirtschaft, wie das damals eben so war. Unser Haus stand am Waldrand. Eigentlich bin ich im Wald groß geworden“, sagt er und lächelt. „Das war schön!“

Bäume und überhaupt Natur mit viel frischer Luft liebt er seitdem. Deshalb begann er in der Forstwirtschaft zu arbeiten, wurde 1938 nach Glasten ins Muldental versetzt. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Mittzwanziger sofort eingezogen. „Zwischendrin, 1940, durfte ich sogar noch mein Staatsexamen als Forstwart machen“, erzählt er. Frankreich und Russland waren seine nächsten Kriegsstationen. Es folgte Gefangenschaft in einem Lager in Ostsibirien, wo er im Bergbau unter Tage arbeitete. 2500 Deutsche und 1500 Ungarn seien dort gewesen, „jeden Tag wurden acht bis zehn Personen beerdigt, wer bei den Gräbern in der hart gefrorenen Erde mithalf, bekam einen Schlag Essen mehr“. 1947 kam er zurück in die Heimat, „ich wog noch 38 Kilogramm“.

Forstwirtschaft und Betonwerk prägen Arbeitsleben

Heimat hieß Grimma. Denn in Glasten hatte er seine Frau kennen gelernt, die er noch während des Krieges heiratete. Weil er in der Partei der Nationalsozialisten Mitglied gewesen war, durfte er nicht zurück in seinen geliebten Wald, berichtet er und bedauert das bis heute: „Ich hätte gern im Forst ein Leben lang gearbeitet.“

Er begann als Beifahrer in einem Fuhrgeschäft, wechselte in die Baubranche, war später Betriebsleiter in einem Betonwerk. So oft es ging, fuhr er mit seiner Frau und den beiden Söhnen in sein Erzgebirge mit viel Wald.

Auch in Grimma schuf er sich seine Welt mit Natur. 1967 baute er ein Haus – mit selbst gemachten Betonsteinen. 2000 Quadratmeter Grundstück gehörten dazu, jedes Stückchen Erde bepflanzte, hegte und pflegte er mit Leidenschaft.

Begeisterter Skiläufer und lange Spaziergänge bis ins hohe Alter

Sein zweites Hobby waren Briefmarken. Schon als kleiner Junge saß er gern im Büro seines Großvaters, der ein Sägewerk hatte, und bestaunte die vielen Briefe – wegen der Marken. Bald löste er sie vorsichtig von den Umschlägen und begann zu sammeln. In Grimma war er nach dem Krieg Mitbegründer des Philatelistenvereins, baute eine Nachwuchsgruppe mit hundert Kindern auf, sagt er. Sonntagvormittag traf er sich gern mit den Jungen und Mädchen in der Schule und begeisterte sie für die gezackten Marken, die so viel erzählen können.

Herbert Ihle kennt das Geheimnis des Altwerdens. Es klingt aus einem Mund ganz einfach: „Bewegung, Bewegung und noch mal Bewegung an der frischen Luft, das ist alles.“ Sein ganzes Leben sei er viel gelaufen. Im Erzgebirge war er ein talentierter Skiläufer. Schon als kleiner Junge glitt er auf seinen Langläufern durch den Wald. 1936 war er sogar bei den Deutschen Meisterschaften in Altenberg dabei. Bis ins hohe Alter liebte er die Bretter. Seine letzte Skitour? Der Senior überlegt: „Wann war denn das nur? Das fällt mir jetzt nicht mehr ein!“ Ganz selten passiert das im Gespräch. Ansonsten weiß der 103-Jährige nahezu alle Jahreszahlen und jede Menge Anekdoten auf Anhieb.

Sein großer und selbst angelegter Garten fehlt ihm bis heute

Auch als er nicht mehr Ski fuhr, setzte er auf tägliche Bewegung, lief jeden Tag mindestens von Grimma nach Nimbschen und zurück. Und das bis vor kurzem, auch noch als Bewohner der K&S Seniorenresidenz Grimma.

„Vorher habe ich immer alleine gewurschtelt“, sagt er. Seine Frau starb schon vor zwanzig Jahren. Doch eines Tages wollte er seine gebügelte Wäsche in den Schrank räumen „und da bin ich einfach umgefallen, ich weiß bis heute nicht warum“. Obwohl er schon seit fünf Jahren im Heim lebt, fehlt ihm sein Garten immer noch. Überhaupt sei das Altwerden „nicht so einfach und zum Teil ist es auch richtig schwer“. Im Heim empfinde man das noch mehr als außerhalb, weil es hier eben viele alte Leute gibt und „jeder hat sein eigenes Schicksal zu tragen“. Er fühle sich häufig schwach, „ich bin oft so müde, das kenne ich von mir gar nicht“. Der Grimmaer gibt sich einen Ruck und sagt: „Was soll’s? Die Gegenwart zählt, es muss gehen!“

Neben viel Bewegung gehören zu seinem Altwerden-Rezept noch zwei Dinge: „Alkohol und Rauchen wenig bis gar nicht.“ Er hat seine letzte Zigarette zu Silvester 1950 ausgedrückt. „Seitdem hab’ ich wirklich nie wieder geraucht!“, sagt der 103-Jährige entschieden und mit ein bisschen Stolz in der Stimme.

Von Claudia Carell

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