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Grimma Deckel-Aktion gegen Kinderlähmung
Region Grimma Deckel-Aktion gegen Kinderlähmung
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11:09 08.09.2018
Die Kamsportler aus Grimma sammeln Kunststoffdeckel und schließen sich damit einer Aktion zur Bekämpfung von Kinderlähmung an. Quelle: privat
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Grimma

Wenn die Grimmaer Kampfsportler sich jeden Freitagabend in der Turnhalle der Förderschule am Pulverturm zu ihrem Hobby einfinden, schütten sie – sinnbildlich – erst einmal die Taschen aus. Meist nimmt ihr Dozent Lutz Winter einen Beutel nach dem anderen entgegen, gefüllt mit Kunststoffdeckel von Getränkeflaschen, Milch- und Saftkartons oder Zahnpastatuben. Im ersten Halbjahr kamen so rund 35 000 Deckel zusammen – für einen guten Zweck.

Grimmaer sammelten schon 70 Impfdosen

Lutz Winter bringt die Deckel in eine Verwertungsanlage in Leipzig. Quelle: privat

Kleiner Dreh – große Wirkung. So wirbt der in Nürnberg sitzende Verein „Deckel drauf“ auf seiner Homepage für eine ungewöhnliche Aktion. Lutz Winter fand sie auf Anhieb gut, als er auf die Internetseite stieß, und trug die Idee in die Runde seiner Kampfsportler. Die Frauen und Männer mussten nicht lange überlegen und schlossen sich Anfang des Jahres dem Hilfsprojekt an. Die gesammelten Deckel aus hochwertigem Kunststoff werden zu einem Granulat verarbeitet, das gewinnbringend verkauft werden kann. Mit dem Geld will der Verein die Kinderlähmung auf der Welt ausrotten. 500 Deckel reichen, um eine Impfung zu bezahlen. Die Grimmaer Kampfsportler sind stolz, bereits 70 Impfdosen beigebracht und somit 70 Kinder vor der gefährlichen Krankheit, die mit dem Tod enden kann, geschützt zu haben.

Karitative Tätigkeit außerhalb des Sports

Seit dem Jahr 2000 bietet die Muldentaler Volkshochschule in Grimma den Kampfsport-Kurs an und gewann Lutz Winter als Dozent. „Wir fühlen uns wie ein Verein“, erzählt der 48-jährige Leipziger mit Blick auf den stabilen Stamm von Teilnehmern. Manche sind von Anfang an dabei und halten hier ihr Steckenpferd hoch. Sie zelebrieren das WonHwaDo, eine Kampfsportart, bei der alles rund, weich und harmonisch verläuft. „Harmonie ist bei uns nicht nur im Namen, wir möchten auch außerhalb des Sports für die Umwelt und karitativ tätig sein“, betont Großmeister Winter, der momentan zwölf 18- bis 65-Jährige in Grimma um sich weiß. Vor zwei Jahren etwa sammelten sie bei den Umwelttagen Müll im Wald auf.

Mitstreiter in Grimma gefunden

Die Kampfsportler aus Grimma sammeln Kunststoffdeckel und schließen sich damit einer Aktion zur Bekämpfung von Kinderlähmung an. Quelle: privat

Die 35 000 Deckel brachten 70 Kilo auf die Waage. Ende Juni schaffte Winter die Charge zu einer Sammelstelle in der Messestadt. „Wir haben jetzt schon wieder einen Zehn-Kilo-Sack voll“, freut sich der 48-Jährige, der durch die WonHwaDo-Schule des Japaners Hiroshi Karita gegangen ist und seine Kampfkunst seit 1996 regelmäßig bei Korea-Besuchen vervollkommnet. Mitte September wolle auch eine Grimmaer Schule zwei Säcke voller Deckel vorbei bringen, berichtet er. Winter nimmt das Sammelgut entgegen und lagert es zunächst unter seinem Carport.

Die Grimmaer Kampfsportler setzen sich keine Sammelziele, wollen unter dem Slogan „Je mehr, desto besser“ die Aktion aber auf unbestimmte Zeit unterstützen. Deshalb würden sie sich freuen, wenn die Hilfe in und um Grimma Flügel bekommt. Nach Absprache würde Lutz Winter in Zehn-Kilo-Säcken gesammelte Deckel abholen oder zum Training in der Förderschul-Turnhalle entgegen nehmen (freitags, 18 Uhr). „Es muss aber händelbar bleiben“, betont der Dozent und verweist darauf, dass die Deckel nur bis zu vier Zentimeter groß sein dürfen. Auch die gelben Hüllen der Überraschungseier eignen sich für die Maschinen zur Granulierung.

Hintergrund

Auf der Rotary International Convention 2013 in Lissabon stellte der Rotary Club of Sintra sein Projekt vor. Er sammelt Deckel von Plastikflaschen, verkauft diese an einen Verwerter und finanziert damit Rollstühle für bedürftige Menschen in Portugal. Von dieser Grundidee begeistert, begannen die ersten Mitglieder des 2014 gegründeten Vereins „Deckel drauf “ ein Konzept zur Nachahmung in Deutschland zu entwickeln.

Das Ziel des gemeinnützigen Vereins mit Sitz in Nürnberg besteht darin, durch das Sammeln und Verwerten von Kunststoffdeckeln aus hochwertigen Kunststoffen (HDPE und PP) Projekte finanziell zu unterstützen. Im ersten Schritt kommen die Erlöse aus dem Deckelverkauf dem Rotary Projekt „End Polio Now“ zu. Es geht es um die Bekämpfung und weltweite Ausrottung der Kinderlähmung. Polio ist die Abkürzung für Poliomyelitis, eine durch Polioviren hervorgerufene Infektionskrankheit. Sie kann bisher nur durch Impfungen eingedämmt werden.

Auf der Homepage des Vereins sind die Sammelstellen ebenso aufgeführt wie Einzelheiten zum Sammelgut.

Winter hat sich übrigens bei einem seiner Korea-Besuche verliebt und die Koreanerin geheiratet. In seiner Familie ist das Deckelsammeln sozusagen in Fleisch und Blut übergegangen. Sein achtjähriger Sohn Justin macht sogar die Mitschüler mobil.

Polio-Erkrankungen in Afghanistan, Pakistan und Nigeria

„Wir achten darauf, dass Flaschendeckel gleich in eine gesonderte Tüte kommen“, erzählt Holger Tanhäuser, der seit 2012 der VHS-Truppe angehört. „Meine Frau habe ich eingenordet“, schmunzelt der Brandiser. Die dreiköpfige Familie von Daria Kunadt steuert auch Beutel für Beutel bei. „Ich habe viele fleißige Kollegen“, erzählt sie. Sie alle finden die Aktion gut. In Deutschland gilt Polio zwar als ausgerottet, doch in Afghanistan, Pakistan und Nigeria tritt die Krankheit immer noch auf.

Kontakt: Lutz Winter, Telefon: 0177/8385393, Mail: whd-germany@t-online.de / Internet: deckel-gegen-polio.de

Von Frank Prenzel

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