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Grimma Der Brexit und die Folgen im Landkreis Leipzig
Region Grimma Der Brexit und die Folgen im Landkreis Leipzig
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09:40 15.01.2019
Am heutigen Dienstag findet die Abstimmung zum Brexit in London statt. Quelle: dpa
Landkreis Leipzig

Die Sorgen von deutschen Firmen in punkto Brexit sind verschieden: Produkte verteuern sich durch mögliche Zölle; Probleme bei der Grenzabfertigung werden erwartet; Unsicherheiten sorgen jetzt schon für weniger Aufträge. Drei Beispiele aus Grimma, Wurzen und Geithain.

ESA Grimma: Einfuhrzölle verteuern Produkte auf der Insel

Die Firma Elektroschaltanlagen (ESA) in Grimma hat einen Jahresumsatz von rund 42 Millionen Euro und 350 Beschäftigte. Das Unternehmen agiert weltweit – auch in Großbritannien. „Wir haben dort seit zwölf Jahren eine Industrievertretung“, sagt Jörg Gaitzsch, einer der beiden Geschäftsführer. Das sei eine eigenständige Firma, die Produkte vom Grimmaer Werk kauft und auf der Insel sowie von dort aus zum Beispiel auch in Australien verkauft.

Wenn der so genannte harte Brexit kommen würde, bedeutet das, dass wegen der Einfuhrzölle auch ESA-Produkte in Großbritannien teurer werden – ein Wettbewerbsnachteil. „Aber bisher kennt ja keiner Details“, sagt der Geschäftsführer zur derzeit unklaren Situation.

Sein Betrieb entwickelt und baut weltweit Systeme für die Stromversorgung in Krankenhäusern und medizinisch genutzten Räumen. Dabei handelt es sich um so genannte isolierte Netze, die speziell überwacht werden, um Fehler sofort zu erkennen und zu beheben, so Gaitzsch.

Eine europäische Norm verlangt diese Sicherheit bei der Stromversorgung in Krankenhäusern. Aber längst kommen die Aufträge nicht nur aus Europa. Auch Russland, China und Malaysia sind daran interessiert.

Entsprechend entwickelte sich der Markt. Der Grimmaer Betrieb hat heute weltweit zwölf Industrievertretungen, darunter auch in Kairo und Shanghai. Doch von politischen Verhältnissen sei die Wirtschaft oft abhängig. Der Unternehmer nennt als Beispiel Iran, wo es noch vor einiger Zeit einen guten Markt gab, heute sei es „sehr schwierig“.

Was den Brexit betrifft: Der Jahresumsatz mit der englischen Industrievertretung liege bei rund 300.000 Euro und sei damit finanziell kein Schwerpunkt, dennoch sieht er Großbritannien als „wichtigen Partner“.

ESA-Geschäftsführer Jörg Reinker (r.) und Jörg Gaitzsch verkaufen ihre Produkte weltweit – auch in Großbritannien. Erst kürzlich schaute sich Landrat Henry Graichen (l.) das Werk in Grimma an. Quelle: LVZ-Archiv / Simone Prenzel

WRC Wurzen: Probleme mit Genehmigungen – „Wir erwarten ein Chaos“

Für die Word Resources Company (WRC) in Wurzen ist Großbritannien ein wichtiger Markt, sagt Geschäftsführer Eberhard Lüderitz. Das Unternehmen mit 70 Beschäftigten recycelt metallhaltige Reststoffe aus Elektronik-, Luftfahrt-, Automobil- und Schmuckindustrie. So werden beispielsweise Metallkonzentrate aus Galvanikschlämmen für die Hüttenindustrie aufgearbeitet, die daraus Nickel, Kupfer und Blei herstellt. Die Firma ist eine Tochter der amerikanischen Word Resources Company und hat Geschäftsbeziehungen in ganz Europa, Nord- und Südamerika sowie im pazifischen Raum.

WRC-Geschäftsführer Eberhard Lüderitz erwartet Probleme bei der Abfertigung von Waren an der Grenze. Quelle: privat

Bei Birmingham hat die WRC seit rund 15 Jahren ein Büro mit zwei Mitarbeitern. Im Gegensatz zu anderen deutschen Firmen exportiert der Betrieb keine Produkte nach England, sondern erhält von dort Material, das in Wurzen recycelt wird.

Sollte der „harte Brexit“ kommen, seien nicht die Zölle das Problem – Abfälle sind nicht zollpflichtig – sondern die Abfertigung an der Grenze. „Wir erwarten ein Chaos“, sagt Lüderitz. Bis dato würde noch alles normal laufen. Auch gebe es Kontakt zu Behördenvertretern, die hoffen, dass noch vernünftige Lösungen gefunden werden, aber zurzeit wisse ja niemand etwas Genaues. Seine Mitarbeiter im englischen Büro „wissen auch nur das, was in der Zeitung steht“.

Die Sorgen würden nicht nur sein Geschäftsfeld betreffen. Der Unternehmer geht davon aus, dass es eine ganze Reihe von Firmen gibt, die nach England ihre Produkte exportieren und nun Probleme bekommen.

Darüber hinaus habe der Brexit noch ganz andere gesellschaftliche Folgen. Er sieht ihn als „Betrug an der Jugend in Großbritannien“, die nun nicht mehr, wie die anderen jungen Leute in Europa, entscheiden kann, wo sie ihre Ausbildung macht, wo sie lebt und arbeitet.

Musikelectronic Geithain: Schon jetzt sind Unsicherheiten bemerkbar

„Seit letztem Jahr ist es schwierig mit Großbritannien“, sagt Olaf August, Sales Manager bei Musikelectronic Geithain. Das kleine Unternehmen mit zwanzig Mitarbeitern sorgt weltweit für guten Klang. Nicht nur ARD und ZDF benutzen ihre Anlagen, auch der Vatikan in Rom sowie Musiker und Tonstudios im In- und Ausland sind treue Kunden.

Seit Jahrzehnten gibt es gute Verbindungen zu einem englischen Händler, der gebürtiger Tscheche ist. Doch die Brexit-Diskussion hat den wirtschaftlichen Kontakt in letzter Zeit getrübt. „Es gibt Unsicherheiten. Die Leute wissen nicht, was auf sie zukommt. Wir merken das jetzt schon, obwohl es noch gar keine Entscheidung gibt“, meint der Geithainer.

Wenn Großbritannien als Markt wegbrechen würde, wäre dies ganz sicher keine Katastrophe für das Unternehmen, „aber es wäre ärgerlich, weil wir dort Zeit und Energie investiert haben“. Präsentationen, Schulungen, Besuch von Messen – Mitarbeiter von Musikelectronic reisen regelmäßig um die Welt, um ihre Produkte vorzustellen.

Handarbeit wird in dem Unternehmen groß geschrieben. Zulieferteile kommen aus der Region, aus Dresden, Mittweida und Altenburg. In Geithain wird getüftelt, entwickelt, montiert. Lautsprecher aus deutscher Manufakturarbeit – so wirbt die Firma für sich.

Erfinder und Experte Joachim Kiesler, in Fachkreisen das „goldene Ohr“ genannt, hat das Unternehmen vor knapp 60 Jahren gegründet. Sein Lautsprecher RL 900 revolutionierte in den 1980er Jahren nicht nur die Tonstudios der DDR.

Mit zwölf Jahren bastelte er sein erstes Radio, weil seine Familie damals kein Geld hatte, eins zu kaufen. Jahrzehnte später schlug der Leiter der Tonstudiotechnik beim DDR-Fernsehen launisch vor, für Lautsprecher aus Geithainer Produktion eine neue Klassifikation einzuführen – weil sie so gut waren. Die Wende bremste den Betrieb nicht aus, denn schon damals war er auch im Westen bekannt. Hinzu kamen dann noch Aufträge aus aller Welt.

Erfinder, Experte und Firmengründer Joachim Kießler mit Lautsprechern der Geithainer Musikelectronic – schon jetzt gibt es Unsicherheiten bei wirtschaftlichen Beziehungen nach England. Quelle: LVZ-Archiv / Jens Paul Taubert

Brexit-Abkommen

Sollte Großbritannien die Europäische Union ohne Freihandelsabkommen verlassen – der so genannte harte Brexit – müssten deutsche Firmen Zölle von mehr als drei Milliarden Euro jährlich zahlen. Das ergab eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft.

Demnach ist Großbritannien der drittwichtigste Handelspartner hiesiger Unternehmen: Fast fünf Prozent des deutschen Bruttoinlandsproduktes sollen direkt und indirekt am Handel mit den Briten hängen.

Ein harter Brexit wäre ein Desaster, das in Europa Zehntausende von Unternehmen und Hunderttausende von Arbeitnehmern auf beiden Seiten des Ärmelkanals in größte Schwierigkeiten bringen würde, heißt es beim Bundesverband der deutschen Industrie (BDI). Die Zölle verteuern die Produkte. Grenzkontrollen und behördliche Hemmnisse kommen möglicherweise hinzu.

Die Brexit-Verhandlungen verliefen in den vergangenen Monaten zäh. Im März soll Großbritannien die EU verlassen. Noch immer ist nicht entschieden, wie das organisiert werden soll. Auch ein neues Referendum ist nach wie vor im Gespräch.

Vor der wichtigen Abstimmungen am Dienstag über das Brexit-Abkommen von Premierministerin May in London halten es Experten für eher unwahrscheinlich, dass eine Mehrheit des britischen Unterhauses zustimmen wird.

Von Claudia Carell

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