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Der Glöckner von Großbothen hat die Zügel fest im Griff

Kirche Der Glöckner von Großbothen hat die Zügel fest im Griff

Die Digitalisierung des Alltags macht auch vor den Kirchen nicht halt. Immer mehr Glocken werden elektronisch angetrieben. In Großbothen bei Grimma jedoch sorgt seit Generationen Familie Herms dafür, dass die Glocken erschallen – von Hand angetrieben.

Jeden Tag am Zug: Wie schon sein Vater Dietrich lässt Manfred Herms in Großbothen die Glocken erschallen.

Quelle: Thomas Kube

Großbothen. Die Leidenschaft fürs Läuten liegt Familie Herms schon in den Genen. So führt der „Glöckner von Großbothen“, Manfred Herms, zunächst zum Friedhof. Auf dem Grabstein seines Vaters erinnert eine güldene Glocke an dessen Verdienste. Dietrich Herms war es zu verdanken, dass das 1968 auf Elektrik umgestellte Großbothener Geläut nicht schon längst verstummte. „Der Kirchturm wurde 1981 neu verschalt und mit Kupfer gedeckt“, holt Manfred Herms (47) aus: „In dem Zusammenhang stellte man fest, dass der Glockenstuhl schwer beschädigt und elektrisches Läuten fortan nicht mehr möglich ist.“ Drei Alternativen standen zur Wahl: Erstens, einen Glockenturm anbauen. Zweitens: Einen Glockenstuhl auf dem Friedhof errichten. Oder drittens: Gar nicht mehr läuten. Die Großbothener entschieden sich für viertens. Bitte?

„Mein Vater Dietrich fragte, ob es nicht auch denkbar wäre, per Hand weiter zu läuten. Im Prinzip ja, antworteten die Spezialisten, aber das mache niemand.“ Doch. Bis zu seinem Tod, 2008, stieg Dietrich Herms jeden Tag die 64 Stuben bis in die Glockenstube hinauf, läutete und zog die Turmuhr auf.

Wie der Vater, so der Sohn. Schon als Kind begleitete Manfred seinen Herrn Papa auf der steilen Holztreppe. Seit zehn Jahren nun läutet er ganz allein und wird immer wieder gefragt, warum er sich das antue, jeden Tag dort hinauf steigen zu müssen: „Ich muss nicht. Ich darf.“ Ja klar, es gebe Tage, die würde man am liebsten eintüten und zurück schicken. „Aber wenn du hier oben stehst und an den Seilen ziehst, dann erdet das, und du denkst, so schlecht kann der Tag nicht gewesen sein.“

Der selbstständige Friedhofsgärtner ist mit seiner Kirche, dem geliebten Jesusbild und nicht zuletzt mit den drei Glocken per du. Seit 1480 habe das Gotteshaus in etwa das heutige Aussehen. Der mit fast 30 Metern riesige Turm sei in Wirklichkeit ein Dachreiter und erinnere an die Zisterzienser: „Das Kloster Nimbschen ist ja ganz nah.“ Herms schwärmt vom 1884 in Dresden gegossenen F-Dur-Geläut aus dem Hause Bierling. Anders als die kleine wurden die große und die mittlere Glocke im Februar 1942 zu Rüstungszwecken beschlagnahmt. „Beide erhielten wir nach dem Krieg zurück. Die mittlere war durch einen Bombensplitter beschädigt und wurde 1950 in Apolda neu gegossen.“

Pfarrerin Dorothea Schanz, die gleich nebenan wohnt und arbeitet, möchte die Glocken nicht missen: „Sie lassen uns innehalten, rufen zum Gebet. Gerade in der hektischen Zeit ist es gut, dass es in der Gleichmäßigkeit des täglichen Geläuts noch eine Vergewisserung ,nach oben’ gibt.“ Dass Manfred Herms ehrenamtlich den Feierabend einläutet, die Glocken auch zu Trauungen, Taufen und nach Todesfällen erschallen lässt, könne sie gar nicht hoch genug würdigen. „Manchmal öffnet er das kleine Fenster oben im Turm. So haben wir uns schon zugewunken.“ Die Pfarrerin hat großen Respekt nicht zuletzt auch vor der sportlichen Leistung ihres Glöckners: „Am Ostermorgen und in der Silvesternacht lässt Manfred Herms das dreifache Geläut dreimal je eine Viertelstunde erklingen!“

Herms winkt ab, es sei weniger eine Frage der Muckis als vielmehr der Übung. Und des Gefühls. Sprach’s und zieht zur Veranschaulichung an den Seilen. „Zu Silvester ist das schon heftig. Da mache ich mir Stöpsel rein, sonst hast du Ohren wie Rhabarberblätter.“

Von hier oben genießt er den Ausblick auf Grechwitz und Kaditzsch. „Colditz siehst du leider nicht, Großbothen liegt im Tal, da ist nicht mal unser Turm hoch genug.“ Er justiert die stündlich schlagende Turmuhr von 1882 nach und schaut andächtig zu den drei Glocken: „Wenn man sich vorstellt, für wen die alles schon geläutet wurden – zur Taufe meines Vaters ... und zu seiner Beerdigung.“

Das Ehrenamt sei für ihn Berufung, etwas ganz besonderes eben, schließlich höre man die Glocken im ganzen Dorf, sagt Manfred Herms: „Der tägliche Gang hinauf schenkt mir mehr Freude und Kraft, als er mir abverlangt.“ Ein Satz, wie in Blei gegossen. Vielleicht ziert er in 100 Jahren ja sogar seinen Grabstein.

Von Haig Latchinian

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