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Der Mythos Colditz: Waliser erfüllt das Vermächtnis seines Vaters, eines Kriegsgefangenen

Der Mythos Colditz: Waliser erfüllt das Vermächtnis seines Vaters, eines Kriegsgefangenen

Es ist der Tag, auf den der Waliser Stuart Anderson hoch droben in Conway, nahe der Irischen See, schon lange hingearbeitet hat. Am 15. April, genau 70 Jahre nach der Übergabe der Stadt Colditz an die Amerikaner, wird auch er in der Muldestadt sein.

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William Anderson: Sohn Stuart aus Wales gedenkt mit einem Konzert in Colditz an die Kriegsgefangen.

Quelle: Thomas Kube

Conway/Nord-Wales. Und nicht etwa allein. Per Auto, Bus und Flugzeug, aus Liverpool, Glasgow und London reist seine komplette Familie an. Kinder und Kindeskinder von keinem Geringeren als William Faithful Anderson, der zwischen 1941 und 1945 auf Schloss Colditz einsaß.

"Wir bilden ein 20-köpfiges Orchester mit 30 Sängern. Ist es nicht eine wunderbare Idee: Exakt 70 Jahre nach der Befreiung werden wir mit Freunden ein Konzert in der Colditzer Stadtkirche geben!" Franz Schubert, Robert Schumann, Terence Greaves - es sind genau jene Komponisten, deren Stücke damals auch das Kriegsgefangenenorchester spielte. Allen voran William F. Anderson auf seiner Oboe. Aktiv half er bei der Flucht von Pat Reid, der nach dem Krieg das weltbekannte Buch "The Colditz Story" schrieb. Während Reid mit drei weiteren Gefangenen türmte, gab Anderson auf seiner Oboe verschlüsselte Signale. Er unterbrach sein Spiel, sobald die Wache eine bestimmte Position erreichte.

Sohn Stuart Anderson, 68 Jahre alt, hatte bis zu seiner Pensionierung als Arzt gearbeitet. Inzwischen ist er im hohen Norden von Wales einflussreicher Lokalpolitiker und bekennender Umweltaktivist: "1990 hatten wir an der Küste eine schwere Flut. 5000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen. Ich weiß, auch die Stadt Colditz erlebte nun schon das zweite schlimme Hochwasser - insofern verbindet uns viel mehr miteinander als nur die Geschichte des Kriegsgefangenenlagers", sagt Stuart Anderson, der sowohl zum Hochwasserschutz als auch zur Energiegewinnung aus Wasserkraft forscht: "Im Sommer veranstalten wir eine wissenschaftliche Konferenz. Dazu möchte ich auch den Colditzer Bürgermeister, Mister Matthias Schmiedel, einladen, denn auch der hat ein Herz für erneuerbare Energien."

Dem britischen Fernsehsender BBC war es vor etwa zwei Jahren ein Zwei-Minuten-Bericht wert, und auch die renommierte "Daily Mail" vermeldete die Neuigkeit: Margaret Dinkeldein schenkte der Gesellschaft Schloss Colditz 2000 Postkarten mit vier Motiven von Aquarellen, die ihr Vater William F. Anderson als Insasse des Kriegsgefangenenlagers für alliierte Offiziere auf Schloss Colditz malte. Der Erlös von 1,50 Euro pro Karte kommt vollständig der Schlossgesellschaft zugute. Deren Geschäftsführerin, Cornelia Hippe-Kasten, würdigt das Engagement der Nachfahren von William F. Anderson ausdrücklich: "Der Maler und Musiker ist in Großbritannien sehr bekannt. Und so sind die Karten begehrte Souvenire unserer Gäste von der Insel. Schon weit mehr als die Hälfte der Karten sind verkauft."

William F. Anderson wurde am 17. Juni 1905 in Ramsgate (Kent) geboren. Er absolvierte die Schule von Rugby, die königliche Militärakademie von Woolwich und die Universität von Cambridge. 1938 heiratete er Kathleen Hunt. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs leistete Anderson seinen Militärdienst in Indien und im Nahen Osten. Im Mai 1940 war seine Einheit, die 61. Kompanie der Royal Engineers, in Nordfrankreich stationiert. In Mont de Cats an der französisch-belgischen Grenze erhielt er den Befehl, sich in kleineren Gruppen nach Dünkirchen durchzuschlagen. In einem Bauernhaus wurde er umstellt und gefangen genommen. Anderson saß anfangs in Laufen bei Salzburg ein, ehe er am 11. Juli 1941 ins Gefangenenlager auf Schloss Colditz überstellt wurde. Um Fluchtversuche zu ermöglichen, fälschte Anderson gekonnt Dokumente. Mit einer Rasierklinge, die an einem Füllfederhalter befestigt war, stellte er etliche Stempel her. Außerdem bastelte er aus Brillengläsern einen Fotoapparat. Seine große Leidenschaft war das Malen, vorzugsweise auf Leinwand. Er verwendete dabei jenen Stoff, der ursprünglich für den Bau des legendären Colditz-Gleiters vorgesehen war. Zahlreiche Aquarelle entstanden in der Lagerhaft. "Viele Bilder malte er für seine Frau", sagt Isa Köhler. Die Gästeführerin der Gesellschaft Schloss Colditz betont jedoch, dass dies die Lagerleitung nicht etwa aus reiner Menschenliebe gestattet habe: "Natürlich missbrauchten die Wachmannschaften die Gemälde auch als Propaganda. Wenn auf den Bildern etwa gut gebaute Männer bei Ballspiel sowie Sonnenbaden zu sehen sind, sollte das aller Welt zeigen, wie gut es doch den Gefangenen in deutschen Lagern geht." Zwar habe man auf Schloss Colditz, das auch als Sonderlager für Prominente wie etwa Winston Churchills Neffen, Giles Romilly, vorgesehen war, die Genfer Konvention respektiert, doch - so Köhler - der Alltag in anderen deutschen Kriegsgefangenenlagern war damit in keinster Weise zu vergleichen.

Laut Chronist Albert Peter Bräuer erreichte die US-Army das Schloss am 14. April 1945. "Der deutsche Lagerkommandant, Oberstleutnant Gerhard Prawitt, übergab die Befehlsgewalt an den britischen Leutnant, Colonel William Tod. Bewacher und Gefangene blieben zunächst weiter hinter den schützenden Mauern des Schlosses, um auf neue Befehle zu warten und nicht in die außerhalb tobenden Schießereien zu geraten." An die Befreiung von Schloss Colditz erinnert die Sächsische Schlösserverwaltung am 16. April mit einem Festakt. Schlossleiter Peter Knierriem kündigt für diesen Tag auch die Eröffnung des für 1,8 Millionen Euro sanierten Kirchenhauses an: "Im unteren Bereich ist der Fluchttunnel zu besichtigen, im Dachboden steht der Nachbau des Gleiters." Zusätzlich ist die Dauerausstellung zu sehen, in der auch Exponate des 1999 in London verstorbenen William F. Anderson präsentiert werden: Aquarelle, Tagebuchtexte und die Oboe, eine Leihgabe der Familie Anderson.

Die fünf Kinder und ihre Nachkommen tun alles, um das Vermächtnis des einstigen prominenten Gefangenen zu erfüllen - egal, ob der älteste Sohn Antony, der als einer der weltweit ersten eine Internetseite über die Colditz-Story erstellte, oder der Zweitgeborene, David, der jahrzehntelang auf der Oboe des Vaters spielte.

Selbst Filmemacher Hugh Hunt entstammt der Familie. Er drehte am Originalschauplatz erst kürzlich die packende Doku zu all den Fluchtversuchen der "Bad Boys" (Bösen Buben), ließ sogar den Gleiter maßstabsgerecht nachbauen und ihn obendrein noch per Katapultstart über Colditz fliegen. "Im britischen Channel 4 lief der Film mit riesigem Erfolg, auch in den USA flimmerte der Streifen über die Bildschirme", sagt sein Onkel Stuart Anderson voller Stolz. Er fiebert dem Auftritt seines Orchesters am 15. April mit Ungeduld entgegen. Bereits drei Tage eher trifft die Groß-Familie in Colditz ein, um ausgiebig zu proben. Wenn es nach Stuart Anderson im fernen Wales ginge, müssten den Feierlichkeiten neben dem britischen Botschafter auch noch hochrangige Diplomaten aus den USA, Polen, Frankreich und den Niederlanden beiwohnen. Er arbeitet hart daran, sie nach Colditz zu bewegen. Ob es ihm gelingt?

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 07.02.2015
Haig Latchinian

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