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Grimma Der Otterwischer „Leichenfinger“ lebt
Region Grimma Der Otterwischer „Leichenfinger“ lebt
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11:47 19.02.2018
Käserei Alfred Ludwig in Otterwisch. Inhaber Albrecht Naumann. Hier in der Reifekammer Uta Naumann (54), Großmutter Johanna Naumann (95), Albrecht Naumann (63). Foto: Andreas Döring BOG MTL Quelle: Andreas Döring
Otterwisch

Lebt denn der alte „Leichenfinger“ noch? Na aber! Ob unter Königen, Kommunisten und Kapitalisten – der Otterwischer Blauschimmelkäse ist einfach nicht tot zu kriegen. Der legendäre „Finger“ gilt sogar als Garant für ein besonders langes Leben: Alfred Ludwig, einer der Familienoberen, brachte es auf stolze 101 Jahre. Er schwor auf seinen Otterwischer Sauermilchkäse, hatte ihn neben Brot, Gänsefett und einer Tasse heißem Kakao auf seinem täglichen Speiseplan.

Alles Käse – seit fast 150 Jahren! Da nehmen sich die 30 Jahre, die sein Enkel Albrecht Naumann nun schon Firmenchef ist, geradezu bescheiden aus. Der 63-Jährige will den Staffelstab über kurz oder lang an die nächste Generation weitergeben – Sohn Florian steht bereits in den Startlöchern. Der 28-jährige Molkereimeister, der als selbstständiger Lebensmittelhygieneberater im ganzen Land unterwegs ist, gilt als würdiger Nachfolger: „Sobald mein Vater ruft, bin ich da. Ich will sowohl Produktionsgebäude als auch Maschinenpark modernisieren und den Ausstoß insgesamt erhöhen“, sagt Florian, Mitglied der Otterwischer Feuerwehr – „Floriansjünger, eben“, lacht er.

Zwei Tonnen „Leichenfinger“ verlassen die angestammte Produktionsstätte in der Großbucher Straße binnen 14 Tagen. Albrecht Naumann persönlich fährt den Stangenkäse breit. Ob Kaufland, Globus, Edeka oder Rewe, ob Grimma, Colditz, Leipzig oder Wurzen – der Blaue Edelschimmel, Kostenpunkt zwischen 1,20 und 1,75 Euro, ist in aller Munde.

Vier Leute „ernährt“ das Otterwischer Nischenprodukt derzeit: die beiden mit helfenden Dorfbewohner Elke Grohme und Jürgen Jerusel sowie das Ehepaar Naumann. „Unser Käse hat weniger als ein Prozent Fett“, berichtet Uta Naumann, „deshalb bin ich auch so rank und schlank“. 1994, zur 725-Jahrfeier von Otterwisch, lief sie mit einem Handwagen und vorgespannten Hunden beim Festumzug mit: „Genauso wie unser Großvater Alfred damals von Dorf zu Dorf zog und seinen Käse verkaufte. Der wurde zu der Zeit noch nicht in Folie transportiert, sondern in Holzkisten, die mit Haferstroh ausgelegt waren.“

Das geheime Rezept der Altvorderen ist noch heute aktuell, nur stammt der Sauermilchquark nicht mehr wie früher von den Bauern des Dorfes, sondern von der Meierei Schmalfeld. Der Quark wandert zunächst in die Mischwanne, wird mit Kümmel sowie Salz versetzt und anschließend ordentlich durchgeknetet. Über den Steilförderer gelangt das Ganze in Trichter, Rührwerk und Formmaschine, ehe die Röllchen auf Edelstahlhorden landen. Dort werden sie mit Edelschimmel bespritzt und lagern dann eine Woche lang bei 18 Grad Celsius im Reiferaum. Am leckersten schmeckt der Käse etwa eine Woche nach dem Abpacken. Er ist mindestens sechs Wochen haltbar und verändert seine Note mit zunehmendem Alter von leicht mild bis herzhaft.

Zur Feier des Tages schaute gestern auch die 95-jährige Johanna Naumann, Tochter von Alfred Ludwig, vorbei. Bis vor drei Jahren arbeitete sie selbst noch in der Produktion mit, gilt als unbestrittene graue Eminenz im Hintergrund. Wie kein Zweiter stehe sie für die alte Schule, nach der die Zehn-Minuten-Pause noch auf Kommando endete, bemerken die Nachgeborenen und verneigen sich vor deren Lebenswerk. Bis der Sohn übernimmt und Neuerungen Einzug halten, setzen Uta und Albrecht Naumann auch weiter auf die altgediente Technik: „Ketten und Zahnräder müssen noch geölt und geschmiert werden. Und wenn was kaputt geht, können wir alles selber reparieren. Wie früher unseren Trabi.“

Von Haig Latchinian

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