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Der harte Kampf um ein Leben als Mann

Der harte Kampf um ein Leben als Mann

Luca kam im falschen Körper zur Welt. Biologisch ist sie ein Mädchen, fühlt sich aber als Junge. Im Oktober vergangenen Jahres hat die LVZ ihre Geschichte erzählt.

Muldental. Jetzt meldet sich ihre Mutter zu Wort und schildert gemeinsam mit der Tochter den anhaltenden Streit mit der Krankenkasse - denn die will eine Geschlechtsumwandlung nicht bezahlen.

Dass es eine solche Tortur werden würde, hat Lucas Mutter nicht erwartet. Sie blättert durch den Berg an Akten und Briefen, der vor ihr auf dem Tisch liegt und der in Bürokratendeutsch das beschreibt, worum sie seit Jahren für ihre Tochter kämpft. Die 18-jährige Luca ist im falschen Körper gefangen. Eigentlich ist sie eine Frau, sieht aber aus wie ein junger Mann: kurze Haare, durchtrainierter Körper, Kapuzenjacke. Transsexuell heißt das im Medizinerjargon und meint die Störung der Geschlechtsidentität. Ihren richtigen Namen möchten Mutter und Tochter nicht preisgeben, auch ihren genauen Wohnort nicht. Nur soviel: Sie leben in einem kleinen Ort im Muldental.

Luca lässt sich in Leipzig zur Betriebstechnikerin ausbilden. Die Kollegen wissen nicht, dass sie in Wahrheit mit einer Frau zusammenarbeiten. "Alle halten mich für einen Jungen." Lucas größter Wunsch ist eine Geschlechtsumwandlung. Dafür werden zunächst die Brüste abgenommen, im zweiten Schritt wird aus dem Gewebe des Unterarms ein Penis geformt. Danach wäre Luca auch biologisch ein Mann.

Das Problem ist: Die beiden Operationen sind immens teuer: Die Entfernung der Brust kostet 5000 Euro, der Penisaufbau etwa 85000 Euro. Lucas Krankenkasse will das nicht bezahlen, obwohl zwei Gutachter die Transsexualität bescheinigen. Zwei Mal schon hat die IKK Classic ein Ablehnungsschreiben geschickt. Lucas Familie hat nun einen Anwalt eingeschaltet, der die Sache vor das Leipziger Sozialgericht bringt. Es ist ein Wust an Briefen, der sich inzwischen angehäuft hat - Anträge, Gutachten, Widerspruchsschreiben. Was Lucas Mutter so ärgert: "Die Krankenkasse sagt nein, ohne ihn einmal gesehen und gesprochen zu haben." Wenn sie über ihre Tochter redet, wechselt sie öfter das Personalpronomen, verwendet aber häufiger "er". Sie wünscht sich, dass ein Mitarbeiter der Krankenkasse persönlich mit Luca redet, weil sie hofft, dass sich der Prozess dadurch beschleunigt. "Das Ganze zieht sich ewig hin, es geht nicht vorwärts", klagt sie. Ob der Eingriff gerechtfertigt sei, könne nicht "von einem optischen Eindruck abhängig gemacht werden", teilt André Mercklein von der IKK der Familie schriftlich mit. Auf LVZ-Nachfrage will sich die Kasse wegen des laufenden Gerichtsverfahrens nicht äußern.

Die IKK stützt sich auf die Einschätzung des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK), den sie beauftragt hat, den Fall zu beurteilen. Den jüngsten Bericht schrieb im August vergangenen Jahres die Dresdener Psychotherapeutin Kerstin Lange. Darin empfiehlt sie, die Kosten für die erste Brustabnahme nicht zu übernehmen. Der Grund: Luca habe nicht lange genug an einer Psychotherapie teilgenommen. Zudem sei sie noch nicht volljährig. Lange schlägt der Patientin stattdessen vor, sich in einer psychiatrischen Klinik vorzustellen.

Luca ist im Dezember vergangenen Jahres 18 geworden, die Altersvorgabe hat sie also inzwischen erreicht. Und sie ist nicht der Meinung, dass sie in eine Klinik gehört. "Was ich habe, ist nicht therapierbar", sagt sie bestimmt. Zu diesem Ergebnis kommt auch der Leipziger Kinderarzt Roland Pfäffle, der Luca kennt seit sie zehn Jahre alt ist. Er bestätigt, dass bei ihr schon seit dem Kleinkindalter "eine zunehmende Inakzeptanz der Rolle als Mädchen" zu beobachten war. Pfäffle war es, der eine Hormonbehandlung verschrieb. Mit 16 Jahren bekam sie das erste Mal Testosteron gespritzt. Das Hormon formte ihr Gesicht kantiger, ließ einen Bart sprießen und die Stimme tiefer werden. Für den Arzt gab es nie einen Zweifel: "Er fühlt sich eindeutig als Mann." Pfäffle gibt zu, dass die Geschlechtsumwandlung für die Krankenkasse "eine erhebliche Belastung" darstellt. Er hat Verständnis dafür, dass sie vor den hohen Kosten zurückschreckt. "Der Medizinische Dienst muss abwägen, was für die Allgemeinheit zumutbar ist", sagt er, betont aber gleichzeitig: "Ein Leben im falschen Körper ist eine erhebliche psychische Belastung." Negative Folgen befürchtet auch der Leipziger Psychologe Kurt Seikowski, der Luca therapeutisch betreut. Die Entscheidung des MDK sei "bar jeder Vernunft", kritisiert er und warnt: "Luca wird immer depressiver und nimmt sich irgendwann das Leben."

Lucas Mutter beobachtet den Leidensweg ihrer Tochter mit Sorge. Sie ziehe sich immer mehr in sich selbst zurück. Dabei könne man das Problem doch lösen, findet sie. "Andere Kinder kommen mit einer schweren Krankheit zur Welt. Es ist doch viel schlimmer, wenn man nichts ändern kann." Ihr Anwalt Richard Schüler gibt sich optimistisch, dass die Kasse irgendwann einlenkt. Lucas Situation sei ein "typischer Fall", so der Arbeitsrechtler, der in Naumburg eine Kanzlei betreibt. In den vergangenen Jahren hat er allein zehn Personen vertreten, die transsexuell waren. Immer ging es um die Kostenübernahme für Hormonbehandlungen und Geschlechtsumwandlungen. "Die Kassen versuchen das Verfahren zu verzögern", hat er festgestellt. Bei Luca sei die Transsexualität "unzweifelhaft." "Die Voraussetzungen liegen alle vor."

Wann Lucas Fall vor dem Sozialgericht verhandelt wird, bleibt fraglich. Zweieinhalb Jahre Wartezeit sind derzeit die Regel. Luca hofft weiter, dass ihr Traum irgendwann in Erfüllung geht. Seit mehr als fünf Jahren führt sie nun ein Leben als Junge. Noch täuscht sie ihre Umwelt. Erst nach der Geschlechtsumwandlung wird sie sich vollständig männlich fühlen - und "endlich normal sein."

 

 

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 25.02.2014
Gina Apitz

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