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Deutsche und Franzosen erinnern an Opfer der Todesmärsche im Muldental

Deutsche und Franzosen erinnern an Opfer der Todesmärsche im Muldental

An der Mulde vor Wurzen, fern der Heimat, war der Franzose Alain Nocquet am Sonntag seiner Großmutter Marie ganz nah. "Es ist einer der bewegendsten Momente meines Lebens", strahlte der pensionierte Fernfahrer mit der Sonne um die Wette.

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Zum bereits 16. Mal: Zwischen Borsdorf und Wurzen gedachten Aktivisten am Sonntag der Opfer der Todesmärsche von 1945.

Quelle: Frank Schmidt

Wurzen. Er umarmte seine Schwester Annie und seine Frau Jacqueline und dankte immer wieder seinen deutschen Freunden. Allen voran dem Wurzener Oberbürgermeister, Jörg Röglin, der sich gemeinsam mit Ingo Stange vom Netzwerk für Demokratische Kultur und der Großzschepaer Firma Kafril für die Errichtung des Gedenksteines stark gemacht hatte.

Gewidmet ist die Erinnerungsstätte Alain Nocquets Großmutter Marie, die in Sträflingskleidung mit mehr als 1000 Frauen auf Todesmarsch getrieben wurde und dabei in der eiskalten Nacht vom 14. zum 15. April 1945 auf der Muldenwiese lagerte. Während sein Großvater Octave im KZ Neuengamme zu Tode kam, überlebte Großmutter Marie die Schrecken. Bevor sie 1983 in Frankreich starb, übergab sie dem Lieblings-Enkel als Vermächtnis ihr Tagebuch, in dem sie die Gräuel von Buchenwald und Ravensbrück beschreibt, aber auch an die Nacht vor Wurzen erinnert: "Über das Lager ragt eine riesige Brücke, auf der Militärfahrzeuge rollen. Flugzeuge überfliegen uns und werfen Bomben ..."

Am Vortag seines heutigen 60. Geburtstages legte Alain Nocquet gestern einen Teil der Strecke zurück, den seine Großmutter damals von SS-Wachleuten getrieben wurde. Er erlebte, wie Borsdorfs Bürgermeister Ludwig Martin mit Sohn Ilko den Choral "Daheim" blies. Wie Bärbel Rößler mit dem Gerichshainer Kirchenchor "Ich bin bei euch, alle Tage" intonierte. Wie Dorothea und Michael Bachmann in Machern auf Französisch und Deutsch das Lied "Alarm" von Marc Robin sangen: "Als sie gekommen sind, die Roten zu holen, hab' ich nichts gesagt, ich misstraute den Roten. Als sie gekommen sind, zu holen die Dirnen, ging es mich nichts an - ich verkehrte nicht mit ihnen. Als sie gekommen sind, die Schwulen zu quälen, hab' ich nichts gesagt, ich gehörte nicht zu denen ... Heute, da ich selber bin an der Reihe, ist keiner da, der mich vom Mob befreie."

Alain Nocquet lauschte den Reden an der Strecke. Dank der Übersetzung des jungen Oliver Zschoche erfuhr er, dass Borsdorf dringend Privatunterkünfte für Asylbewerber sucht. Nocquet zeigte sich schockiert darüber, dass Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung bereits 30 Morddrohungen erhielt, nur weil er sich, wie Ex-Pfarrer Hans-Henning Rößler sagte, entschieden gegen ausländerfeindliche Parolen wandte. Nocquet applaudierte, als Macherns Ortschefin Doreen Lieder und der Bennewitzer Bürgermeister Bernd Laqua appellierten, nicht wegzusehen, wenn im Mittelmeer Flüchtlinge ertrinken.

Neben den Gymnasiasten Franka Pfordte und Ole Götze, sowie Rolf Nicolaus, Klaus Uhlemann und Klaus Meißner, den Urgesteinen des Gedenkens, erreichte der zweifache Familienvater Alain Nocquet den Wurzener Friedhof, auf dem 13 Opfer der Todesmärsche beerdigt sind. Laurent Guillet ergriff das Wort und würdigte die freundschaftlichen Beziehungen zur Stadt Wurzen.

Franzose Guillet ist Initiator der längsten historischen Schnitzeljagd der Welt. Auf den Spuren seines von den Nazis verschleppten Großonkels legten er und seine Mitstreiter 4200 Kilometer zwischen Frankreich, Deutschland und Tschechien zurück. Alain Nocquet gehörte 2014 mit zu den Teilnehmern der Schnitzeljagd. Genau wie fünf weitere Aktivisten erhielt er gestern in Wurzen aus den Händen von Laurent Guillet die allerersten Diplome, auf die nur Anspruch hat, wer die Schnitzeljagd lückenlos zurücklegt hat. Guillet spricht nicht nur von deutsch-französischer Freundschaft, er lebt sie auch. Seit zwölf Jahren ist Gabriela Kaubisch die Frau an seiner Seite, eine Sächsin.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 04.05.2015
Haig Latchinian

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