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Die Kollwitz von Colditz – eine Stadt entdeckt seine Künstlerin neu

Gedenkausstellung Die Kollwitz von Colditz – eine Stadt entdeckt seine Künstlerin neu

Mit 103 Jahren ist sie kürzlich gestorben, doch ihre Arbeiten erleben derzeit eine Wiedergeburt: Mit einer Gedenkausstellung im Schloss erinnern die Colditzer an ihre einstige Lehrerin Irmgard Sander, die nebenbei Kunst machte. Und was für eine! Ob Pflanzhenne oder DDR-Präsident, Piepmatz oder Ringelnatz – ihre Vielseitigkeit ist bewundernswert.

Der Colditzer Apotheker Eberhard Jasinski initiierte die Werkschau zur Erinnerung an Irmgard Sander.

Quelle: Thomas Kube

Colditz. Nein, Irmgard Sander gehörte nicht zu jenen, die – wie der Kellner das Tablett – ihren Künstlertitel vor sich her tragen. Bis zur Rente war sie vor allem Lehrerin, zuletzt an der Sonderschule in Colditz. Da blieb für das „Landschaftern“, so nannte sie es, nur wenig Zeit. Mit Walter Schäfer und den Freunden der AG Bildende Künstler fuhr sie zum Malen so oft es ging hinaus an die Mulde. Oder sie arbeitete in ihrem „Tonbunker“. Ob die Flötenspieler, die Wartenden oder der Ja-Sager – ihre liebenswerten, aber auch kritischen Figuren aus heimischer Schamotte erinnern an die Handschrift von Käthe Kollwitz. Die Ton-Katzen versah sie nicht wie üblich mit dem Loch unten, sondern oben: So konnte im Kindergarten heißes Wasser eingelassen werden. Und die Kleinen wärmten sich daran die Fingerchen.

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Skizzen in Schwarz-Weiß, Landschaften in Pastelltönen, Porträts in wilder Linienführung, sogar Schweine aus Keramik: Die Handschrift der Colditzer Künstlerin Irmgard Sander ist facettenreich.

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Kinder und Katzen – die hatten es Irmgard Sander besonders angetan. Mit ihrem Fritz zog sie 1954 in die Tiergartenstraße 16, ins ehemalige Haus der Eltern des Tierarztes Gottfried Metzger. Mit ihm waren die Sanders zeitlebens befreundet. Ihr gastfreundliches Heim – halb Künstleratelier, halb Tierasyl. Kinder, die auf der Straße streunende Miezen einfingen, standen über kurz oder lang bei den Sanders auf der Matte. Ein Plätzchen neben Sittichen, Schildkröten und Schafen fand sich immer noch. Mit Fritz züchtete Irmgard, die als Kind unbedingt Tierärztin werden wollte, Berner Sennenhunde. Sie machte sich einen Namen als Ziegenhebamme.

Katzen, Pferde, aber auch manchen Piepmatz und sogar Ringelnatz bannte sie auf die Leinwand. Zu sehen sind einige ihrer oft völlig unbekannten Arbeiten derzeit im Saalhaus auf Schloss Colditz. Nachdem Irmgard Sander erst kürzlich im 103. Lebensjahr gestorben war, plante der örtliche Apotheker und Hobbyfotograf Eberhard Jasinski spontan eine Gedenkausstellung. „Zu der Zeit hatte ich gerade mal zwei Blumenbilder der Künstlerin. Was dann passierte, war sensationell. Besitzer von Sanders Werken meldeten sich bei mir. Aus der ganzen Region. Alle wollten Bilder und Plastiken beisteuern. Unglaublich.“ Monika Krause, Elke Wünscher, Jürgen Lehmann, Barbara Joseph, Jochen Ziska, Manfred Gottschling, Familie Tilgner, Kerstin Leuschel, Holger Schäfer, Peter Bräuer, Katrin Rives und viele andere mehr überraschten den kunstliebenden Apotheker mit Landschaftsbildern, Stillleben, Akten und – Porträts. Etwa jenem vom einstigen Präsidenten Wilhelm Pieck. Mangels Kopiertechnik vervielfältigte Irmgard Sander das Konterfei des damaligen DDR-Lenkers per Hand – beinahe so wie die Mönche im Kloster die Bibel abpinselten. Während Irmgard auf der Leinwand den Rittersporn verewigte, malte Ehemann Fritz schwarze Zahlen in Gotisch-Antiqua. Der begnadete Schriftschreiber hatte einen Vertrag mit der Herrnhuter Brüdergemeine und pinselte Anschlagstafeln für zu singende Lieder. Noch heute sind sie in Kirchen zwischen Kap Arkona und Zittauer Gebirge zu bewundern. Er sammelte kluge Sprüche, brachte sie zu Papier und rahmte sie – genauso wie Irmgards Arbeiten. 2001 starb er, zu dem Zeitpunkt lebten die beiden Söhne Dieter und Michael schon nicht mehr. Ihre Mutter holte Irmgard Sander damals zu sich nach Colditz und stand ihr bis zu deren Tod bei. Die zuletzt bettlägerige Irmgard Sander wurde liebevoll von Sieglinde Neubert und Gabriele Mühlbach gepflegt. Ihr Lieblingsspruch: „Das Leben gibt, das Leben nimmt, geht seinen Lauf, wie’s Gott bestimmt. Es führt ins Glück, es führt durchs Leid, doch währet alles seine Zeit.“

Ausstellung auf Schloss Colditz

Die Gedenkausstellung „Irmgard Sander – Zeichnungen, Aquarelle, Ölbilder und Plastiken“ ist auf Schloss Colditz noch den ganzen Oktober lang täglich von 10 bis 16 Uhr zu besichtigen. Der Eintritt ist frei. Randy Zyma vom Colditzer Kanu- und Sportverein lädt am 4. November, 19 Uhr, zum thematischen Filmabend über Irmgard Sander ins Bootshaus ein. Als Vortragender wird Hobbyfilmer Jürgen Flöritz erwartet. Einen Tag später, am 5. November, 15 Uhr, wird in der Hofstube auf Schloss Colditz ein Film von Gunter Möbius über die beliebte Künstlerin gezeigt.

Unvergessen ihr 100. Geburtstag, als sie an ihrem Lieblingsplatz, dem grünen Kachelofen, saß und die Glückwünsche entgegen nahm. Hans Rietzsch in der Bamberger Straße in Dresden – ja, der sei wichtig gewesen, sagte die Jubilarin. Als sie noch ganz jung im Hof begann, mit einem Stöckchen Bilder von Pferden aufs Pflaster zu kritzeln, habe der Nachbar dem werten Herrn Vater mit Nachdruck auf die Sprünge geholfen: „Oswald, Du musst die Irmgard auf die Kunstschule schicken.“ Gesagt, getan. Doch während das Mädchen helle Farben mischte, zogen tiefschwarze Wolken auf. Vater Oswald starb viel zu früh, der Krieg stand bevor. Irmgard kümmerte sich um ihr „Muttl“ und die fünf Jahre jüngere Schwester. Geld für die Familie verdiente sie als Stenotypistin in einer Rechtsanwaltskanzlei. Im stickigen Luftschutzkeller überlebte sie die Bombardements.

Bei aller Tierliebe – Irmgard Sander, bis zuletzt bekennende Sozialistin, katzbuckelte nie. Wenn sie als Leiterin der Mal- und Zeichenkurse für Erwachsene oder der AG Keramik-Plastik an der Station Junge Techniker etwas brauchte, ließ sie sich von keinem Bürgermeister abwimmeln. Sie spendierte den Baubrigaden manches Bierchen, damit diese ja nicht das schöne Fachwerk am Baderberg-Haus zuputzten. Sie redete nicht von der Gleichberechtigung der Frau, sie lebte sie: „Abwaschen kann jeder, malen aber nicht!“ Kaum ein Gast, mit dem sie keinen Kognak zwitscherte. Holger und Gerti Schäfer aus Bennewitz erinnern sich, wie die damals hochbetagte Irmgard Sander mit ihrem Trabi zu Besuch kam. Die mehrfache Großmutter und Uroma machte noch mit 65 Jahren ihren Autoführerschein und sattelte vom Krause-Duo auf den Plastebomber um. Begründung: „Fürs Mopedfahren sind wir zu alt.“

Schicksalsschlägen wie dem Schlaganfall ihres geliebten Mannes begegnete sie mit Humor: Da Fritz zuletzt kaum noch sprechen konnte und immer nur Ja-ja-ja sagte, konterte seine Frau mit Augenzwinkern: „Hätte er das nicht schon all die Jahrzehnte zuvor sagen können, da hat er immer nur Nein gesagt.“ So hart die Zeiten, so zart die Zeichnerin: Einen „stürmischen Aufstieg“ wünschte die Colditzerin 1959 ihren Freunden und überreichte ihnen zum neuen Jahr traditionell ein Flugblatt. Darauf zu sehen auf einer Treppe ein mit Tusche gemalter Künstler vor seiner Staffelei, dessen Entwürfe im Winde zu verwehen drohen. Wilhelm Busch lässt grüßen. Auf dem Silvestergruß 1946 malte sie ganz Käthe Kollwitz ein Bauernpaar hinterm Pflug. Ob im Hintergrund die Sonne untergeht? Wahrscheinlich geht sie doch auf, schließlich lautet der Titel „Schwerer Anfang“ und war Irmgard Sander Berufsoptimistin.

Von Haig Latchinian

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